Bundespräsidentin, Bond, Böhmermann: „Aigner ist eine gute Kandidatin, aber die Wahl war bescheuert“

Die Debatte über die Bundestagspräsidentin zeigt: Friedrich Merz kann keine Personalpolitik. Hoffentlich ist die Wahl des neuen 007 einfacher.
Foto: Rolf Poss/imago
t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?
Friedrich Küppersbusch: Kanzler Merz’ Bundespräsidentinnen-Quizshow vorzeitig abgebrochen.
taz: Und was wird besser in dieser?
Küppersbusch: Aigner verrät ja auch nicht, wer unter ihr noch alles Bundeskanzler wird.
taz: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ist überraschend mit 55 Jahren gestorben. Welches Erbe hinterlässt er?
Küppersbusch: Aiwanger war so die Garagenrock-Version des teuren CSU-Blasorchesters. Schmutzig, derb, er roch weniger nach Trachtenjanker als nach Lederhose. Deshalb blieb er auch ein regionales Phänomen; sein Konzept „die Partei für alle, die sich nicht AfD zu wählen trauen“ scheitert bei den Kopfgeburten BSW und Kubicki-FDP vor sich hin. Nun wird Söders CSU ein paar Prozentpunkte von Aiwangers Erbe einsammeln, und zugleich lobt er seine härteste Konkurrentin Aigner weg. Gar nicht mal so leicht für Söder, so punktgenau zwischen Lachen und Weinen hin und her zu schalten in einer Woche.
taz: Bei den Midterm-Wahlen wurde die USA von einer blauen Welle überrannt, der Anfang vom Ende des Donald Trump heißt es. Ist jetzt also alles wieder gut?
Küppersbusch: Woke up: Wirkt erlösend – ist aber tückisch. Erstens: Es hat „firsties“ gehagelt: Erste indigene Senatorin, erste Latino-Gouverneurin, erster muslimischer Senator, viele weitere Umbrüche. Das Ergebnis kann man als bemerkenswert woke lesen, doch es ist zugleich maximal altmodisch: Spritpreise, „affordability“, teure Kriegsfolgen. Im Kern hat Clintons 92er Claim die 26er Midterms entschieden: „It’s the economy, stupid!“ Es wäre also ein Trugschluss, etwa die AfD mit identitätspolitisch besonders korrekten Kandidaturen bekämpfen zu wollen. Die sind nur das Ergebnis, nicht die Ursache des Umschwungs. Zweitens: Wer jetzt loströtet, ähnlich wie Trump müsse auch die AfD die Chance bekommen, sich durch Regierungshandeln selbst zu entblößen, zockt mit einem hohen Wetteinsatz: unserer Demokratie. In den USA haben nicht die „checks and balances“ funktioniert, sondern das Wahlvolk. Drittens: Ein innenpolitisch entmachteter Präsident kann sich außenpolitisch radikalisieren. Da ist ihm noch einiges zuzutrauen. Und die Democrats haben die Wahl gewonnen, jetzt brauchen sie nur noch das passende Programm und die passende Person.
taz: Am Montag verhandelt das CDU-Präsidium über das, was alle schon wissen: Ilse Aigner soll Bundespräsidentin werden. Eine gute Wahl?
Küppersbusch: Nein, Aigner ist ein gute Kandidatin, aber die Wahl war bescheuert. Friedrich Merz beherrscht weder Personalpolitik, wie er schon bei seinem großen Ratespaß Kabinettsumbildung bewies. Noch die politische Grundregel „Wenn du eine Entwicklung nicht aufhalten kannst, musst du dich an ihre Spitze setzen.“ Die CSU liegt bei 20 bis 25 Prozent Frauenanteil – von der bloßen Mitgliedschaft bis hin zur Landesgruppe im Bundestag. Aigner geschieht ihr recht.
taz: In den USA wird eine für viele deutlich interessantere Personalie verhandelt: der nächste James Bond. Wen sehen Sie in der Kultrolle?
Küppersbusch: Annegret Kramp-Karrenbauer wäre noch da. Debatten, wonach es doch mal spektakulär eine Frau oder wenigstens doch ein Schwarzer sein könnte, stranden an den gerüchteweise durchgereichten Namen recht junger weißer männlicher Bewerber. Schärfstes Kriterium der Produzentenfamilie Broccoli wie des neuen Miteigentümers Amazon MGM: „Britishness“. König Charles oder ein Teebeutel.
taz: Comedian trifft Präsident. Am Mittwoch hat Jan Böhmermann für die Zuschauer:innen überraschend Wolodymyr Selenskyj interviewt. Wie fanden Sie es?
Küppersbusch: Verschenkt. Erste Frage „Wir waren beide mal Entertainer, was zur Hölle ist passiert?“ hätte ein spannendes personenzentriertes Interview werden können, wenn sich wenigstens Böhmermann für seine Frage interessiert hätte. Zum Schluss menschelte es etwas über den Sänger James Blunt, der zufällig im gleichen Hotel saß und den Selenskyj schätzt. Dazwischen 30 Minuten „Marietta Slomka hat einen schlechten Tag erwischt“, parteiische Fragen nach Taurus-Waffen, Trump und Musk, dem Krieg. Dass Selenskyj dann seine gut abgehangenen Textbausteine ausreicht, ist im nicht zu verübeln. Wie kam der „Diener des Volkes“- Serienheld dazu, Kriegführung durch weltweite Videointerviews, sorgfältig ausgesuchte Kostüme, Performance als Waffe zu erfinden – kein Wort davon im Gespräch zweier TV-Profis. Wie war es, mit dem TV-Profi Trump in seinem „Apprentice“-Format zu landen, im legendären White-House-Kaminzimmer? So ein „Innenansicht eines Komikers“-Interview lag im Bereich des Möglichen. Es blieb da liegen. In vielen Zwischenschnitten augenbraut sich in Böhmermanns Gesicht eine „ich parodiere hier einen besonders kritischen Journalisten“-Pose zusammen, was nur unangemessen verrutscht wirkt in Anbetracht der kriegerischen Themen. Sie machte den authentisch wirkenden Selenskyj minütlich sympathischer. Als der vom Ski-Urlaub in Ischgl vor dem Krieg erzählte, hatte Böhmermann keine Frage zu dessen Verstrickung in Steuerbetrug und pandora papers parat. Spätestens hier wünschte ich mir ein langweiliges Journalisteninterview.
taz: Und was macht der RWE?
Küppersbusch: Im Westen nix Neues: Viktoria Köln, MSV Duisburg, RW Essen. Und dann schon sechs Punkte Abstand auf die Verfolger. Das ist leider wie jedes Jahr schon wieder zu gut, um nicht auf den Aufstieg zu hoffen. Fragen: Carolina Schwarz
Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und kann sich auch einen Senioren-Bond vorstellen.
Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".
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