«Multiple Hundert» dank seiner Follower

Finanzfabio und das Geschäft mit den Anlegetipps
«Multiple Hundert» dank seiner Follower
Finanzinfluencer Fabio Marchesin setzt sich für günstige Trading-Gebühren ein. Gleichzeitig soll er von der Saxo Bank 400'000 Franken erhalten und damit mehr als mancher Banker verdienen. Wie unabhängig ist sein Geschäftsmodell?
Publiziert: vor 55 Minuten
- Fabio Marchesin bewirbt Saxo als günstigen Broker und verlinkt Kontoeröffnungen für Provisionen
- Aus der Kooperation mit Saxo sollen rund 400'000 Franken an Provisionen geflossen sein
- Kritik richtet sich auf unklare Interessenkonflikte und fehlende Angaben zu Vertragsbedingungen
Beat SchmidWirtschaftsredaktor
«Multiple Hundert» – seit diesem Sommer weiss die halbe Schweiz, was damit gemeint ist. In einem hinreissenden SRF-Video liess ein junger Zürcher Banker beiläufig fallen, dass er «Multiple Hundert» verdiene. Gemeint sind mehrere Hunderttausend Franken im Jahr. Das Video wurde zum viralen Hit und machte Roman Poole, wie der «Finance Guy» oder auch «Chatsy Guy» im echten Leben heisst, über Nacht zum unfreiwilligen Social-Media-Star. Er schaffte es sogar auf den grünen Teppich des Zurich Film Festival.
Ob Roman Poole tatsächlich so viel verdient oder nur etwas dick aufgetragen hat, spielt dabei keine grosse Rolle. Bei einem anderen Finance Guy könnten die «Multiple Hundert» dagegen tatsächlich Realität sein: Fabio Marchesin (38), besser bekannt als Finanzfabio.
Ein kleines Finanzimperium aufgebaut
Finanzfabio gehört zu den erfolgreichsten Finanzinfluencern der Schweiz. Der Aargauer produziert Podcasts, bietet Finanzberatungen an und verbreitet seine Inhalte über Instagram und andere Kanäle. Fabio Marchesin hat sich in den vergangenen Jahren ein kleines Finanzimperium aufgebaut. Er gründete die Finanzfabio AG, brachte eine eigene Software auf den Markt und beteiligte sich an der Bitcoin-App Relai.
Als Finanzfabio ist er auch ein gewiefter Verkäufer in eigener Sache. Seit Anfang 2024 arbeitet er mit dem Online-Broker Saxo Bank zusammen. Auf seinen Kanälen empfiehlt er die Handelsplattform als besonders leuchtendes Beispiel, um günstig in Aktien und ETF zu investieren. Wer über einen speziell präparierten Link ein Konto bei Saxo eröffnet, sorgt dafür, dass bei Finanzfabio die Kassen klingeln.
Und zwar ziemlich laut. Nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen der Schweizer Finanzszene erhält Marchesin von Saxo eine Provision von 400 Franken pro vermitteltem Neukunden. Da kommt einiges zusammen: Eine mit dem Geschäft vertraute Quelle spricht von Provisionseinnahmen in der Grössenordnung von 400'000 Franken allein im vergangenen Jahr.
400 Franken für eine Kontoeröffnung sind eine extrem hohe Vermittlungsprovision. Denn bei der Eröffnung ist noch völlig offen, ob der Kunde sein Depot tatsächlich nutzen, wie viel Geld er einzahlen und welche Erträge Saxo mit ihm erwirtschaften wird. Hinzu kommt, dass die Saxo Bank pro Neuabschluss Tradingkommissionen in der Höhe von 500 Franken schenkt. Die finanzielle Vorleistung beläuft sich so auf 900 Franken.
Intransparente Kommissionen
Finanzfabio lässt sich von Saxo bezahlen – gleichzeitig gibt sich der Finanzinfluencer seit Jahren als Kämpfer für tiefere Gebühren und günstigere Anlagemöglichkeiten aus. Wegen ihrer hohen Kosten bekommen traditionelle Banken regelmässig ihr Fett weg.
Als Saxo Anfang 2024 die Trading-Gebühren in der Schweiz stark senkte, reklamierte Marchesin einen Teil des Erfolgs für sich. «Offen gesagt waren die Konditionen vorher so schlecht, dass ich die Sponsoringanfrage zuerst ablehnte», schrieb er damals.
In seinen Podcasts gebärdet sich Finanzfabio gerne als Robin Hood der kleinen Anleger. In welchem Umfang seine Community Fabios Provisionen mitfinanziert, verschweigt er dabei. Auf Anfrage beteuert Marchesin, dass ihm wichtig sei, kommerzielle Kooperationen transparent zu machen. Gleichzeitig sagt er auch: «Zu konkreten finanziellen Vertragsbedingungen äussere ich mich nicht.»
Was bedeutet Unabhängigkeit?
In der Finanzbranche stösst sein Geschäftsmodell auf Kritik. Ein Branchenkenner verweist auf einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Finanzberater, der für seine Dienstleistungen bezahlt wird, und einem Influencer, der seine Reichweite über Vermittlungsprovisionen monetarisiert.
Wer Finanzberatung anbiete, müsse je nach Tätigkeit regulatorische Anforderungen erfüllen, seine Qualifikationen nachweisen und Interessenkonflikte offenlegen. Finanzinfluencer könnten dagegen mit einem vergleichsweise einfachen Geschäftsmodell hohe Einnahmen erzielen, ohne denselben Anforderungen zu unterliegen.
Bei Finanzfabio vermischen sich diese Grenzen, da er gleichzeitig gegen Honorare Finanzberatungen anbietet und sich von Finanzdienstleistern bezahlen lässt. Auf seiner Website erklärt er, ein wirklich unabhängiger Finanzplaner dürfe keine Provisionen von Banken oder Versicherungen erhalten. Das Honorar des Kunden müsse die einzige Einnahmequelle sein.
Der Branchenkenner sagt: Im Vergleich zu Finanzfabio sei «Chatsy Guy» Roman Poole ein Musterbeispiel an Transparenz und Ehrlichkeit. Poole arbeitet als ETF-Verkäufer für einen amerikanischen Asset-Manager. Seine kommerzielle Rolle ist damit klar. Problematischer werde es, wenn sich ein Influencer als unabhängiger Experte positioniere, gleichzeitig aber enge kommerzielle Bindungen mit einzelnen Finanzdienstleistern eingehe.
Für die Follower ist diese Unterscheidung nicht unwesentlich. Wer einem Verkäufer zuhört, weiss, dass dieser etwas verkaufen will. Wer einem vermeintlich unabhängigen Finanzexperten folgt, erwartet dagegen eine Empfehlung, die möglichst frei von wirtschaftlichen Eigeninteressen ist.
Die Saxo Bank schreibt in einer Stellungnahme: Die Zusammenarbeit mit ausgewählten Finanzinfluencern und Markenbotschaftern sei ein «fester Bestandteil der Marketing- und Kommunikationsstrategie von Saxo». Grundsätzlich mache Saxo keine Angaben «zu individuellen vertraglichen Vereinbarungen, Vergütungsmodellen oder Marketingausgaben».
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