«Auswirkungen sind extrem» – jetzt gehts der Schweiz an die Reserven

Rheinpegel prekär tief für Schifffahrt
«Auswirkungen sind extrem» – jetzt gehts der Schweiz an die Reserven
Die Situation in der Rheinschifffahrt spitzt sich zu: Die Transportkapazitäten von Schiffen sind wegen Tiefpegel massiv eingeschränkt. Die Schweiz greift auf Pflichtlager zu. Im Winter droht gar noch Schlimmeres.
Publiziert: vor 15 Minuten
- Der tiefe Rhein schränkt Frachten in die Schweiz massiv ein
- Bahn und Strasse können die Schiffe kaum ersetzen
- Industrie und Bauern zahlen mehr; 2018 sank der Umschlag um 19 Prozent
Moritz MeisterRedaktor Wirtschaft
Der Rhein als wichtige Versorgungsader kämpft mit tiefen Pegelständen, was die Frachtschifffahrt an die Grenzen bringt. Die letzten Wochen zeigen: Das aktuelle Notfallszenario läuft am Limit und kriegt Risse.
Es mussten bereits Reserven beim Tierfutter angezapft werden. «Seit Wochen ist der Import von Proteinfuttermitteln stark eingeschränkt», sagt Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands. Was die Situation zusätzlich erschwert: Durch die Trockenheit ist auch weniger Raufutter wie Heu und Stroh verfügbar. Deshalb müssen die Landwirte teilweise jetzt mehr Proteinfutter beimischen.
Pflichtlager müssen aushelfen
Eine erhöhte Nachfrage nach Proteinfuttermitteln trifft auf eine gleichzeitig eingeschränkte Import- und Versorgungssituation, erklärt Helfenstein. Wegen dieser Mangellage werden die Landwirte nun durch die Freigabe der Pflichtlager für Protein-Futtermittel unterstützt. Es ist das erste Mal in fast 100 Jahren seit Bestehen der Pflichtlager, dass diese Notreserven herhalten müssen, um Versorgungslücken zu decken.
Auch andere Notvorräte müssen herhalten: Vor ein paar Wochen wurden bereits die Pflichtlager bei Benzin und Diesel in Anspruch genommen, um die Versorgung der Schweiz mit Mineralölprodukten abzusichern.
Gütertransport muss ausweichen
Wegen Niedrigwasser sei die Rheinschifffahrt aktuell sehr eingeschränkt, sagt Martin Ditzler, Sprecher der Schweizerischen Rheinhäfen. Am Mittelrhein können kaum wirtschaftliche Transporte durchgeführt werden. «Die Auswirkungen sind extrem», so Ditzler.
Der Gütertransport muss auf Schiene und Strasse ausweichen. Die Lage hat sich seit Sommer verschärft. So sind die Kosten der Rheinfrachten massiv in die Höhe geschossen. Aktuell liegen sie pro Tonne bei 275 Franken. Die Schiffe können bloss knapp 20 Prozent ihrer Maximallast laden.
Das Problem: Die Kapazität der Schifffahrt kann auf Schiene und Strasse nicht kompensiert werden. Dies bestätigt auch Anna Bähni (37), Sprecherin des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands (Astag). «Wir spüren die Zunahme auf den Strassen schon seit Wochen, gerade in der Region Basel.» Dabei platzen die Verkehrsadern bereits aus allen Nähten. In der Region Basel ärgern sich Dorf- und Quartierbewohner über den Umgehungsverkehr.
Wo könnte es zu weiteren Engpässen kommen?
Auch die Wirtschaft bekommt das Nadelöhr am Rhein zu spüren. «Indirekt betroffen sind vor allem Branchen, die grössere Mengen an Rohstoffen oder Vorprodukten über den Rhein beziehen, etwa die Chemie-, Pharma- oder Bauindustrie», sagt Rudolf Minsch (59), Chefökonom vom Wirtschaftsverband Economiesuisse. Versorgungsengpässe befürchtet Minsch noch keine.
Doch sollte die Situation am Rhein weiterhin angespannt bleiben, könnte sich dies schnell ändern. In Deutschland geriet die Treibstoffversorgung bereits ins Stocken. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung beobachtet die Lage bei Mineralölprodukten und Erdgas genau. Die Schweiz könnte von ähnlichen Problemen beim Treibstoff oder Heizöl betroffen sein.
Ein Engpass bei der Ölversorgung würde auch die Baubranche treffen. Dies nicht nur wegen teureren Spritpreisen. Der Bund beobachtet die Lage bei Motoren- und Hydraulikölen sehr genau, um hier rechtzeitig Engpässe zu erkennen. Bei Baustoffen für den Strassenbau und Stahlstrukturen für den Hochbau müssen die Firmen schon seit längerem mit Lieferverzögerungen rechnen.
2018 gab es bereits ähnliche Situation
Claude Maurer (51) vom Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut BAK vergleicht die Situation mit dem Jahr 2018. «Die Erfahrungen damals und die aktuelle Situation zeigen, dass die Schweizer Wirtschaft solche Engpässe zwar relativ gut bewältigen kann, dies aber nicht kostenlos geschieht», sagt er gegenüber Blick. Sollte es allerdings auch in nächster Zeit nicht ausreichend regnen, dürften diese Mehrkosten vermehrt bei den Konsumenten landen.
Im Winter könnte das Niedrigwasser in Kombination mit schlecht gefüllten Gaslagern in Europa gar für ein Worst-Case-Szenario sorgen: Muss die Schweizer Industrie den Gasverbrauch senken, werden Zweistoffanlagen auf Heizöl umgeschaltet. Dann sind die Transportkapazitäten auf dem Rhein zentral, denn die Strassen können diese Mengen nicht aufnehmen. Das gleiche Problem zeichnet sich bei den Kohlekraftwerken in Mitteleuropa ab. Fahren diese bei einem Gasmangel hoch, muss der Brennstoff irgendwie transportiert werden. Im Extremfall droht deshalb gar eine Strommangellage.
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