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Sunday, September 13, 2026

Russlands Veteranen als Problem: "Geht nicht kämpfen, Jungs"

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13.09.2026, 18:02 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt

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Der Inszenierung weiter dienlich: Ukraine-Veteran Wladislaw Krasnikow bei einer kriegsverherrlichenden Propagandaveranstaltung in Moskau. (Foto: picture alliance / TASS)

Die wachsende Zahl an Kriegsheimkehrern wird für Russland zum Problem: Sie fallen auf mit Morden und anderen Gewalttaten, andere wiederum fühlen sich im Stich gelassen und ausgegrenzt. Was soll erst werden, wenn Hunderttausende von der Front zurückkehren?

Ein schwer verwundeter Mann mit entstelltem Gesicht blickt in die Kamera. Die Haut vernarbt, der Blick leer. "Geht nicht kämpfen, Jungs. Rettet euer Leben", sagt er. Wiktor Stepanow, Veteran der sogenannten Spezialmilitäroperation, sitzt da und versteht nicht mehr, wofür er gekämpft hat. Nach der Rückkehr, klagt er in dem Video, das Anfang September 2026 in russischen Telegram-Kanälen und auf Youtube kursierte, kümmere sich niemand mehr um ihn. Die Gesellschaft brauche ihn nicht. Wer verletzt werde, sei danach niemandem mehr wichtig. Für steigende Benzinpreise und ein unerträgliches Leben sei er an die Front gegangen - und stehe nun mit leeren Händen da.

Das Video trifft einen Nerv und es ist kein Einzelfall. Seit Jahren berichten zurückkehrende Soldaten von Distanz, Angst und Ablehnung im Alltag. Offiziell werden sie als "neue Elite" gefeiert. Präsident Putin nannte sie in diesem Jahr die "Elite, die das Vaterland verteidigt" - Männer, denen man das Land bedenkenlos übergeben könne. Der Kreml holt sie in Schulen, setzt sie in Verwaltungen ein und schickt sie in Wahlkämpfe. Doch die Inszenierung von oben und die Erfahrungen im russischen Alltag gehen weit auseinander.

Hunderte Gewalttaten durch Kriegsteilnehmer

Die Größenordnung ist beträchtlich. Rund 700.000 Soldaten standen im September 2025 nach Putins eigenen Angaben an der Front; etwa 137.000 waren da bereits heimgekehrt. Kommt der Krieg zu einem Ende, werden Hunderttausende auf einmal zurückkehren - der eigentliche Test steht dann erst bevor.

Die Gewaltbilanz nährt die Furcht. Das Exilmedium "Werstka" zählte anhand von Gerichtsakten allein in den ersten drei Kriegsjahren 754 Opfer von Gewalttaten heimgekehrter Kämpfer, darunter 378 Getötete. Die "Nowaja Gaseta" kam auf rund 8000 verurteilte Kriegsteilnehmer seit 2022, ein erheblicher Teil davon vorbestrafte Männer, die das Straflager gegen den Schützengraben getauscht hatten. Einzelfälle prägen die Schlagzeilen: Ein Soldat auf Fronturlaub erstach in der Region Tjumen in der Hochzeitsnacht seine Frau; im dagestanischen Kisljar stach ein aus der Haft rekrutierter "SWO-Veteran" auf langjährige Nachbarn ein - mit dem Ruf, dort lebten "Ukrainer, die getötet werden müssten".

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Russlands Präsident Wladimir Putin zeichnet Kriegshelden gerne öffentlichkeitswirksam aus. (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Besonders die häusliche Gewalt wächst. Unter den rund 900 Urteilen wegen schwerer Körperverletzung, Totschlags oder Mordes traf die tödliche Gewalt in 52 Fällen die eigene Familie - Frau, Mutter, Schwester oder Kind. Hilfe sucht kaum jemand, denn Psychotherapie gilt als Makel. "Was, bin ich etwa krank? Und wenn sie mich auf eine Liste setzen - dann verliere ich den Führerschein und finde keine Arbeit", beschreibt ein regionaler Menschenrechtsbeauftragter die verbreitete Angst unter den Betroffenen.

Misstrauen und Neid

Der Zusammenhang ist bekannt. Schon die Rekrutierung von Häftlingen - bis zu 180.000 Verurteilte sollen nach ukrainischer Schätzung an die Front gegangen sein - hat die Saat gelegt. Ein Forscher des Uraler Rechtsinstituts des Innenministeriums warnt, es sei "nur eine Frage der Zeit", bis begnadigte Straftäter erneut zuschlügen. Verpflichtende psychologische Untersuchungen für Heimkehrer gibt es nicht. Zugleich schätzt die Regierung selbst, dass rund ein Fünftel der Rückkehrer an posttraumatischen Belastungsstörungen leidet; unabhängige Fachleute halten die Zahl der Behandlungsbedürftigen für weit höher. Das Innenministerium wiederum meldet einen Fehlbestand von über 170.000 Stellen im Sicherheitsapparat - ausgerechnet jener Apparat, der die erwartete Kriminalitätswelle abfangen soll, ist ausgedünnt.

Auch das Geld spaltet. Ein Rekrut aus Moskau verdient im ersten Dienstjahr rund 5,2 Millionen Rubel, mehr als das Doppelte des städtischen Durchschnittseinkommens. Wer den Krieg nur aus dem Fernsehen kennt, sieht Nachbarn mit einem Wohlstand, der im zivilen Leben unerreichbar bliebe - und reagiert mit Neid.

Unabhängige Umfragen des Lewada-Zentrums belegen die Zwiespältigkeit. Eine knappe Mehrheit sagt, Veteranen würden respektvoll behandelt. Doch nur rund die Hälfte der Befragten rechnet mit mehr Stabilität nach Kriegsende, während die andere Hälfte einen Anstieg von Kriminalität und Konflikten erwartet. Nach einer Erhebung vom Oktober 2025 gilt vielen Russen der Heimkehrer weniger als selbstloser Patriot: 41 Prozent sehen in ihm ein Opfer, 43 Prozent halten ihn für "widerstandsfähig und mutig", 19 Prozent aber für gewaltbereiter geworden, 11 Prozent für zynischer und gleichgültiger. Verglichen mit einer Umfrage über die Afghanistan-Veteranen von 1990 hat sich das Misstrauen spürbar verschärft. Eine weitere Studie fand, dass zwei Drittel der Russen wirtschaftliche Motive für den Kriegseinsatz vermuten, gut ein Drittel sogar als einziges.

Im Alltag wird das konkret. Arbeitgeber zögern, sobald der SWO-Status bekannt wird; von Dutzenden Absagen ist die Rede, ehe ein Bewerber überhaupt eingeladen wird. In der Moskauer Metro weicht man Uniformierten aus, Taxifahrer behandeln sie als "Geldsack", mancherorts wollen Vermieter keine Soldaten mehr. Auch die Angehörigen bekommen die Ausgrenzung zu spüren: Ist der Vater als traumatisierter oder gewaltbereiter Heimkehrers verrufen, treffen Spott und Ausgrenzung im Schulalltag auch dessen Kinder.

An der Front unentbehrlich, daheim lästig

Der Staat kennt die Gefahr. Nach einem Reuters-Bericht sorgt sich die Führung bis hinauf zum Präsidenten vor einer Wiederholung der 1990er Jahre, als heimgekehrte "Afghanzy" die organisierte Kriminalität anheizten. Doch der Vergleich hinkt in einem Punkt: Den Afghanistan- und den Tschetschenienkrieg führten Wehrpflichtige, den heutigen tragen Vertragssoldaten und begnadigte Häftlinge - eine neue Mischung aus finanzieller Not, Gewalterfahrung und zugesicherter Straffreiheit. Regierungsnahe Medien wurden angewiesen, Verbrechen von Veteranen kleinzureden.

Zugleich bleibt die Einbindung nach oben ein enges Nadelöhr. Mit dem Programm "Zeit der Helden" wollte Putin sein Versprechen einlösen, aus Kriegsteilnehmern eine neue Verwaltungselite zu formen - eine Kaderschmiede für Posten in Ämtern und Politik. Doch auf über 65.000 Bewerber kamen ganze 168 Aufgenommene, zumeist Berufssoldaten und frühere Funktionäre, kaum einfache Mobilisierte. Bei den Wahlen im September 2025 traten zwar rund 1.600 Kriegsteilnehmer an, und gut 1.000 gewannen ein Mandat - doch fast nur auf kommunaler Ebene, ohne echte Macht, ein Bruchteil der mehr als 47.000 vergebenen Posten.

So ist Stepanows Video mehr als eine persönliche Klage. Es offenbart den Spalt frei zwischen staatlicher Inszenierung und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Der Kreml bindet ausgewählte Veteranen ein und verwaltet den großen Rest; die breite Bevölkerung hält Abstand. Viele Heimkehrer erleben, was Stepanow beschreibt: an der Front unentbehrlich, zu Hause lästig oder gefährlich. Solange der Krieg dauert, bleibt diese Spannung hinter Orden und Ehrentribünen verborgen. Was geschieht, wenn er endet und Hunderttausende zugleich zurückkommen, hat in Russland noch niemand beantwortet.

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