Zwischen Protesten und Wahlen – ICE ist weg, doch die Angst in Minneapolis ist geblieben

Renée Good, 37, mehrfache Mutter. Alex Pretti, ebenfalls 37, Krankenpfleger. Beide starben Anfang des Jahres innerhalb weniger Wochen durch Schüsse von ICE-Beamten, als sie in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota gegen die US-Migrationspolizei ICE protestierten.
Die Todesfälle machten Minneapolis zum tragischen Symbol des Widerstands gegen die Trump-Regierung. Nach Protesten und wachsendem politischem Druck zog Washington ICE aus Minnesota ab.
Die knapp 4000 Bundesagenten, die zwischen Dezember und Februar im Bundesstaat im Einsatz waren, sind zwar verschwunden. Doch die Wunden wirken nach. Denn ohne grosses Aufsehen gehen die Verhaftungen von Migrantinnen und Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus weiter.
«Im Durchschnitt werden jeden Tag 42 Latinos von der ICE in Minnesota verhaftet und nach Süden, nach Texas, zur Abschiebung gebracht», sagt Liliana Letran-Garcia, Präsidentin von Clues, einer Dachorganisation hispanischer Gemeinschaften.
Von den rund 500'000 Hispanics im Bundesstaat verfügten die meisten über einen legalen Status, sagt sie. «80 Prozent haben irgendeine Form von legalem Status: Asylsuchende, temporären Schutzstatus, eine Greencard oder die amerikanische Staatsbürgerschaft. Und sie werden ständig angehalten.»
Im ganzen Land setzt die Einwanderungsbehörde ICE ihre Operationen fort. Im Sommer wurden laut offiziellen Angaben knapp 51'000 Verhaftungen registriert. Im Februar waren es gut 29'000 gewesen.
Der Alltag im hispanisch geprägten Quartier von Minneapolis wird weiterhin davon geprägt. «Die Leute haben Angst, zum Einkaufen zu kommen», sagt Mayra, die vor über 20 Jahren aus Mexiko eingewandert ist. «Sie rufen uns an und fragen, ob wir nach Hause liefern: Sie haben Angst, rauszugehen und gesehen zu werden.»
«Mit dem Reisepass in den Schlubus»: Reportage aus Minneapolis
Diese Stimmung zeigt auch ein politisches Dilemma der Republikaner vor den Midterm-Wahlen. Die stark gesunkene irreguläre Einwanderung ist für Präsident Donald Trump einer seiner grössten Erfolge. Gleichzeitig vermeiden es viele Republikaner, dieses Thema offensiv zu bewirtschaften, um die hispanische Wählerschaft nicht zusätzlich zu verärgern.
Die zivilgesellschaftlichen Proteste haben sich verändert. Judy und Noah Levy hatten im Januar Bürgerinitiativen unterstützt, die ICE-Einsätze dokumentierten. Heute berichten sie von Ermüdungserscheinungen. «Die Whatsapp-Chats gibt es noch», sagt Judy. «Aber sie sind weniger aktiv, während die Razzien und Verhaftungen weiterhin stattfinden.»
Ihr Mann Noah sieht ein weiteres Problem: «Jetzt ist ICE so versteckt, dass es fast so scheint, als gäbe es nichts, wogegen man kämpfen könnte. So ist es schwierig, dagegen zu mobilisieren.»
Minnesota gilt traditionell als Hochburg der Demokraten. Ende 2025 geriet der Bundesstaat jedoch wegen eines grossen Betrugsskandals bei Sozialprogrammen unter Druck. Gouverneur Tim Walz, der einstige demokratische Vizepräsidentschaftskandidat von Kamala Harris, sah sich gezwungen, auf eine weitere Amtszeit zu verzichten.
Kurz darauf machten die ICE-Einsätze Minneapolis zum Symbol für jene, die es geschafft hatten, Trump zum Rückzug zu bewegen. Mittlerweile haben sich Ängste und Desillusionen eingeschlichen. Ob die Einsätze in den Wochen bis Februar wirklich einen Sieg für die Trump-Kritiker bewirkten, werden auch die Zwischenwahlen in rund zwei Wochen zeigen.
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