Neu im Kino – «Pressure»: Ein Wetterfrosch wird zum Kriegshelden

Im Juni 1944 stehen die Zeichen auf Sturm: Im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte wird der D-Day vorbereitet. General Eisenhower treibt kurz vor der Invasion vor allem eine Frage um: Wie wird das Wetter an der Küste der Normandie sein? Werden die Landungsschiffe geeignete Bedingungen vorfinden, um ihre Soldaten an Land bringen zu können?
Wetterprognose mit Folgen
Die Wetterprognose für den geschichtsträchtigen Tag soll der britische Meteorologe James Stagg erstellen. Der kommt bald zum Schluss, dass das Wetter am 5. Juni 1944, auf den der D-Day angesetzt ist, völlig ungeeignet ist: Starker Wind und hohe Wellen würden eine Invasion erheblich erschweren.
Mit dieser Ansicht steht Stagg allein da: Sein amerikanischer Berufskollege kündigt für den gleichen Tag perfektes Wetter an – also genau das, was die hohen Offiziere um General Eisenhower hören wollen. Denn eine Verschiebung des D-Day wäre aus strategischen Gründen höchst ungünstig.
In der Folge wird die Kommandozentrale zum Hochdruckgebiet: Stagg muss seine Überzeugung gegen ranghohe Militärs verteidigen, die Widerspruch nicht gewohnt sind. Gleichzeitig entbrennen Konflikte zwischen Amerikanern und Briten und zwischen zwei gegensätzlichen meteorologischen Forschungsansätzen.
Denn der US-amerikanische Wetteroffizier beharrt auf seiner Methode, aus dem Studium historischer Wetterkarten Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen. Für James Stagg ist dieser Ansatz «Horseshit». Er setzt stattdessen auf möglichst viele, möglichst aktuelle Daten. So sammelt sein Team Messwerte aus ganz Europa, um damit immer wieder neue, riesige Wetterkarten zu zeichnen.
Kammerspiel mit Kader
Aus all diesen Konflikten zimmert «Pressure» ein spannungsgeladenes Hauptquartier-Kammerspiel. Das ungewöhnliche Kriegsdrama konzentriert sich weitgehend auf den spezifischen Aspekt der Wettervorhersage.
Thomas Bucheli über «Pressure»: Vier Fragen an den Meteorologen
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Thomas Bucheli war über 30 Jahre lang das Gesicht der SRF-Wettersendung «Meteo». Der frisch pensionierte Meteorologe hat «Pressure» gesehen – und sich darin wiedererkannt.
SRF: Wie hat Ihnen der Film gefallen?
Thomas Bucheli: Zum einen habe ich mich riesig gefreut, dass mal ein richtiger, ernsthafter Film über die Arbeit eines Meteorologen gemacht wird. Ich habe mich im Film auch wiedererkannt. Wobei ich den allergrössten Respekt vor James Stagg habe. Ich habe von ihm schon früher gehört. Hier mal mitzuverfolgen, wie das gewesen ist in diesem Umfeld, mit dieser riesigen Belastung auf seinen Schultern – das war dann enorm eindrücklich für mich.
Wie schwierig war die Aufgabe, die James Stagg hatte?
Vom fachlichen her gesehen war die Schwierigkeit, dass er im Vergleich zu heute nur wenige Daten zur Verfügung hatte. Er musste immer wieder verifizieren: Was passiert jetzt mit diesen Tiefdruckgebieten? Kommen sie? Kommen sie nicht? Streifen sie nur? Die Abschätzung all dieser Parameter, die mitgespielt haben, das war eine absolut schwierige Aufgabe. Ich möchte nie mit ihm tauschen, wenn man noch bedenkt, was die Konsequenzen einer falschen Prognose gewesen wären.
Im Film gibt es eine Szene, in der James Stagg sichtlich erleichtert ist, als das Wetter endlich umschlägt und klar wird: Er lag richtig mit seiner Prognose. Kennen Sie dieses Gefühl?
Ich habe mich in dem Moment sehr verbunden gefühlt mit ihm. Wie oft schon habe ich draussen gewartet auf Anzeichen, dass dieser Wetterumschwung kommt, den ich vorhergesagt habe. Deshalb habe ich mitgefiebert und auch mitgelitten.
Sind Sie froh, dass von Ihren Prognosen jeweils nicht ganz so viel abhing wie an jener von James Stagg?
Ich habe mir überlegt, ob es vergleichbaren Situationen gegeben hat. Und ich kann sagen: In dieser Art nie. Ich bin nicht unglücklich, dass ich nie diese Last tragen musste.
Dass der Film auf einem Theaterstück basiert, merkt man ihm an, allein schon an der räumlichen und zeitlichen Reduktion: Der ganze Film spielt sich innert weniger Tage im überschaubaren Southwick House ab, dem Hauptquartier der alliierten Streitkräfte an der südenglischen Küste.
Ein Held ohne Strahlen
Die Hauptrolle von «Pressure» verkörpert der irische Schauspieler Andrew Scott, den man bislang aus «Sherlock», «Fleabag» oder als Bond-Bösewicht kannte. Auch als gewissenhafter, aber nicht sonderlich liebenswürdiger Meteorologe Stagg glänzt er. Ihm gegenüber spielt Brendan Fraser einen einschüchternd resoluten General Eisenhower.
James Stagg wird im Film zwar als etwas unfreundliche Person gezeigt, wird aber dennoch als Held gefeiert. In der Tat war seine Wettervorhersage von entscheidender Bedeutung für die Alliierten. Auf die Frage, warum die den Krieg gewonnen hatten, antwortete der spätere US-Präsident Eisenhower einst: «Weil wir die besseren Meteorologen hatten.»
KI-Experiment: Wie brillant war James Staggs Wetterprognose?
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Ein englisches Forschungsteam rekonstruierte mit einem modernen KI-Wettervorhersage-Modell die Situation von damals – mit echten Wetteraufzeichnungen von 1944. Statt einer einzigen Prognose liessen sie das Modell 50 Mal rechnen – am Ende entschied die Mehrheit.
Für den 5. Juni war diese Mehrheit mit Staggs Empfehlung einig: Sturm, schlechte Bedingungen, klare Empfehlung zu verschieben. Für den 6. Juni hätte sie ebenfalls zur Invasion geraten. Die Windgefahr wurde jedoch spürbar unterschätzt und das Wetter optimistischer prognostiziert, als es tatsächlich war.
Selbst mit modernster KI bleibt Staggs Entscheidung ein Wagnis. Wie im Film «Pressure» gezeigt, waren sich seine drei Beraterteams uneinig: Am 5. Juni stimmten zwei gegen den Start, am 6. Juni zwei dafür. Genau dieses Wechselspiel lieferte auch die KI. Stagg hätte mit den heutigen Werkzeugen wohl genau gleich entschieden – seine Einschätzung war, mit damaligem Wissen, bemerkenswert treffsicher.
Was die Geschichte besonders macht: Zwei der drei Teams von damals rechneten physikalisch, das dritte verglich die Lage mit ähnlichen Wetterlagen aus der Vergangenheit – ähnlich wie heutige KI-Modelle, die versuchen, Muster zu erkennen. Diese Modelle sind mächtig, aber sie verstehen die Physik dahinter nicht vollständig – und wenn sie danebenliegen, ist oft unklar, weshalb. Umso mehr braucht es erfahrene Meteorologen und Meteorologinnen, die solchen Modellen nicht blind vertrauen und auch dann noch den Schirm griffbereit haben, wenn der Algorithmus blauen Himmel verspricht. (Jannick Mauron)
Ankreiden kann man dem Film höchstens, dass er vor allem gegen den Schluss hin die realen Ereignisse etwas gar dramatisch in Szene setzt. Das wäre gar nicht nötig, denn der Reiz dieses handwerklich makellosen Werks liegt gerade darin, Spannung abseits von Spektakel zu finden.
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