"Normale Fahrt?" - "Ja.": Dieser Funkspruch führte zur Zug-Katastrophe in Spanien

"Normale Fahrt?" - "Ja."Dieser Funkspruch führte zur Zug-Katastrophe in Spanien
29.10.2026, 12:05 Uhr
Schnell ist nach dem Unfall zweier Züge in Spanien klar, dass wohl ein Fehler der Leitstelle zum Unglück führte. Jetzt machen Medien die Funkkommunikation öffentlich. Sie zeigt, dass das Schlimmste vermeidbar gewesen wäre.
Bei den Ermittlungen zu der Ursache des tödlichen Bahnunglücks in Spanien wird der Funkverkehr zwischen der Leitstelle in Madrid und den beiden Lokführern eine zentrale Rolle spielen. Aus dieser Kommunikation gehen nach übereinstimmenden spanischen Medienberichten nun mögliche Fehlentscheidungen der Betriebszentrale hervor.
Bei dem Unglück am Mittwochmorgen südlich von Madrid kamen mindestens 69 Menschen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Nahe der Gemeinde Urda in der Provinz Toledo kollidierten zwei Hochgeschwindigkeitszüge: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Bahnunternehmens Iryo auf.
Verkehrsminister Óscar Puente erklärte bereits, dass die Kollision auf eine "unerklärliche" und "falsche" Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen sei: Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch auf der Strecke stand.
Spanische Medien geben inzwischen den fraglichen Funkverkehr auf der Grundlage ihnen vorliegender Audioaufnahmen wieder. So habe die Leitstelle dem Lokführer des Renfe-Zuges die Anweisung gegeben, "den normalen Fahrbetrieb" wiederaufzunehmen, obwohl der andere Zug rund 25 Kilometer vor ihm weiterhin stillstand. Der Lokführer habe noch nachgefragt: "Normale Fahrt?" Die Leitstelle habe geantwortet: "Ja."
Zeitung: Zug hätte laut Regierung "auf Sicht" fahren müssen
Laut dem staatlichen Rundfunk RTVE ist auf diesem Abschnitt eine Höchstgeschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde erlaubt. Die Zeitung "El País" schreibt unter Berufung auf die Regierung, der Renfe-Zug hätte angesichts der Lage angewiesen werden müssen, höchstens 40 Kilometer pro Stunde zu fahren, und zwar "auf Sicht".
Den Berichten zufolge bekam auch die Lokführerin des Iryo-Zuges die Anweisung, den "normalen Fahrbetrieb" wieder aufzunehmen. Die Lokführerin habe der Betriebszentrale aber zurückgemeldet, der Systemneustart funktioniere nicht, sie könne daher nicht weiterfahren: "Deshalb stehe ich noch vor dem Signal zur Einfahrt nach Urda."
Darauf habe die Leitstelle geantwortet: "Na gut, dann sobald es geht. Und falls es Probleme gibt, rufen Sie uns an." Der Renfe-Zug war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder unterwegs. Weiteren Funkkontakt zwischen dessen Lokführer und der Leitstelle hat es den Berichten zufolge nicht mehr gegeben, derweil hätte er über den liegengebliebenen Iryo-Zug informiert werden müssen. Nach etwa fünf Minuten kam es zum tödlichen Unfall.
Bergungsarbeiten dauern an
Noch immer dauern am Unglücksort die Bergungsarbeiten an. Mit Hilfe dreier großer Kräne seien Rettungsteams auch die Nacht über im Einsatz gewesen, um nach möglichen weiteren Opfern in den zerstörten Waggons zu suchen, berichtete der staatliche Radiosender RNE. Die Polizei hat das Gebiet weiträumig abgesperrt. Noch gehe es darum, möglichen weitere Opfern zu finden und betroffene Angehörige zu versorgen, sagte ein Sprecher des Roten Kreuzes dem Sender.
In einer zweiten Phase werde es darum gehen, die Toten zu identifizieren. Die Polizei richtete dafür in Madrid, Toledo, Córdoba und Sevilla vier Anlaufstellen ein, bei denen Angehörige DNA-Proben abgeben können. Das soll bei der Zuordnung der Toten helfen. Zudem wurden in der Region Kastilien-La Mancha, wo sich das Unglück ereignete, und im nahegelegenen Madrid Zentren für Blutspenden eingerichtet.
Eine Schule nahe der Unglücksstelle im Dorf Urda dient derweil als Anlaufstelle für Angehörige, die nach Informationen über den Verbleib ihrer Liebsten suchten. Mitarbeiter des Roten Kreuzes boten den oftmals weinenden Menschen Unterstützung an. Laut der Psychologin Carmen García vom Roten Kreuz stehen "lange und schwere Stunden" bevor. "Es gibt Menschen, die unter Schock stehen und noch gar nicht richtig erfasst haben, was geschehen ist", sagte sie. Andere seien wütend, traurig oder besorgt.
Das Unglück erschütterte das Land und löste eine Debatte über die Wartung der Infrastruktur und die Sicherheit der Passagiere aus. Die Untersuchung zu dem Unglück dauert noch an. Auch die linksgerichtete Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez geriet in die Kritik.
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