Behindertensession in Bern – «Vor der Arbeit liegt fast schon ein Arbeitstag hinter mir»

Am Mittwoch kamen 44 Menschen zur zweiten Behindertensession im Bundeshaus in Bern zusammen.
Zu den Teilnehmenden gehört auch der Waadtländer SP-Grossrat Sébastien Kessler. Vor seiner Reise nach Bern sprach er mit dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS bei sich zu Hause. Als Rollstuhlfahrer konnte er nicht erst einen Umweg ins Studio in Ecublens machen, bevor er nach Bern reiste.
Für Kessler ist das sinnbildlich für die Herausforderungen, mit denen Menschen mit Behinderungen im Alltag konfrontiert sind. «Fortbewegung braucht mehr Zeit und deutlich mehr Organisation. Für mich war es unmöglich, zuerst ins Studio zu kommen», erklärt er.
Fünf Personen, bevor die Arbeit überhaupt beginnt
Um nach Bern und zur Session zu gelangen, muss Kessler die Unterstützung von ein bis zwei persönlichen Assistenten bei sich zu Hause koordinieren, einen Spezialtransport reservieren und Hilfe an den Bahnhöfen von Lausanne und Bern organisieren.
«Bis ich im Parlament ankomme, sind fünf Personen involviert. Sie müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Sonst bricht die gesamte Kette der Barrierefreiheit zusammen», sagt er.
Ich leide nicht darunter, dass ich sitze. Ich leide darunter, dass die Dinge nicht zugänglich sind.
Der organisatorische Aufwand bedeute eine erhebliche mentale Belastung, noch bevor die politische Arbeit überhaupt beginne. «Bevor ich zur Arbeit gehe, habe ich fast schon einen Arbeitstag hinter mir», fasst er zusammen.
So verlief die Behindertensession in Bern
Der Grossrat weist jedoch die Vorstellung zurück, er leide unter seiner Behinderung. «Ich leide nicht darunter, dass ich sitze. Ich leide darunter, dass die Dinge nicht zugänglich sind», sagt er. Die Hindernisse entstünden primär durch eine Umgebung, die nicht ausreichend angepasst sei.
Noch immer zu wenig politische Vertretung
An der Behindertensession befassen sich die Teilnehmenden mit 16 Petitionen, die von direkt betroffenen Personen verfasst wurden. Die Themen reichen von Barrierefreiheit über Bildung, Wohnen, Gesundheit und Mobilität bis hin zur gesellschaftlichen Teilhabe. Die verabschiedeten Texte werden anschliessend dem Bundesrat übergeben.
Kessler unterstützt die 2024 eingereichte Inklusionsinitiative. Diese verlangt, die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung sowie das Recht auf Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen in der Bundesverfassung zu verankern.
Der Bundesrat lehnt die Initiative ab und setzt stattdessen auf einen indirekten Gegenvorschlag. Aus seiner Sicht lassen sich Verbesserungen durch Gesetzesänderungen schneller und gezielter umsetzen.
Kessler hält diesen Gegenvorschlag jedoch für zu wenig verbindlich. Zumal bestehende Verpflichtungen aus seiner Sicht bereits heute nicht vollständig eingehalten würden.
«Das Wenige, das es gibt, wird nicht einmal umgesetzt», kritisiert er.
Nach Ansicht von Kessler sollen die Forderungen Lücken schliessen, die trotz bestehender Gesetze weiterhin bestehen. Das Behindertengleichstellungsgesetz trat zwar 2004 in Kraft. Das Ziel, den gesamten öffentlichen Verkehr bis Ende 2023 barrierefrei zu gestalten, sei jedoch bis heute nicht erreicht worden, erinnert er.
Ein Thema für die gesamte Bevölkerung
Viele der diskutierten Massnahmen könnten laut Kessler künftig die gesamte Bevölkerung betreffen. «Diese Gesetze werden Sie später betreffen», sagt er mit Blick auf Mobilitäts-, Hör-, Seh-, Orientierungs- oder Verständnisschwierigkeiten, die im Alter auftreten können.
Deshalb müsse bereits heute vorausgedacht werden. Gebäude, Verkehrsmittel, Kommunikationswege und öffentliche Dienstleistungen sollten von Anfang an so gestaltet werden, dass sie für alle zugänglich sind, statt später nachträglich angepasst werden zu müssen.
Inklusion beschränke sich jedoch nicht auf bauliche Massnahmen und Vorschriften. Menschen mit Behinderungen müssten auch in Schulen, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in kulturellen Einrichtungen sichtbar sein.
«Sonst ist uns gar nicht bewusst, dass diese Menschen existieren und Kompetenzen haben – und nicht nur Bedürfnisse», sagt Kessler.
Wie unzureichend die Barrierefreiheit teilweise noch ist, zeigt laut Kessler auch seine Wahl in den Waadtländer Grossen Rat.
Obwohl das Parlamentsgebäude erst 2017 renoviert worden war, mussten für rund 100'000 Franken zusätzliche Anpassungen vorgenommen werden. Unter anderem wurden Türen so umgebaut, dass er sie selbstständig benutzen kann.
Während der ersten sechs Monate seines Mandats konnte Kessler zudem nicht alleine eine Toilette aufsuchen. Erst nach längeren Diskussionen wurden die notwendigen Anpassungen vorgenommen.
«Als erster Mensch in dieser Situation öffnet man Türen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn», sagt er.
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