Das Bürgertum hat abgedankt

Ist die Schule neuerdings eine Schule der Revolution? Fast sieht es so aus: Schüler in ganz Europa gehen für die Schule und gegen die Schule auf die Strasse. In Frankreich, einst Elite-Bildungsnation par excellence, prangern Jugendliche die miserablen Verhältnisse in ihren Klassenzimmern an, aber auch in Schulgebäuden, die seit Jahren vor sich hingammeln.
Nicht besser sind die Verhältnisse in Deutschlands Hauptstadt Berlin: Der Regen dringt durchs Dach der Turnhalle, im Klo versagt die Spülung. Die drittstärkste Wirtschaftsnation der Welt zeichnet sich zudem durch einen maroden Bildungsstand aus. Ihre Jugend lernt auf der Schulbank kaum noch lesen und schreiben, von Mathematik ganz zu schweigen.
Der Schülerprotest ist inzwischen gekapert von einem Linksgrün-Milieu, mit Verbindung zu kriminellen Grossfamilien, unterstützt durch bildungsferne Migranten, die in den Schulen Mädchenverachtung verbreiten und auf dem Pausenplatz das Messer zücken.
Neuerdings plündern sie an den Schülerdemos Geschäfte – unkundig des Schreibens, überaus kundig des Marodierens. In Frankreich, dem Ursprungsland aller revolutionären Befreiung, hat sich die autoritäre Partei «La France insoumise» (Das ungebeugte Frankreich) des Schülerzorns bemächtigt – und setzt ihn für ihre islamolinke Heilslehre ein.
Sogar für die kreuzbrave Schweiz ist das Schulwesen neuerdings ein Kreuz, wie ihre Schüler belegen, deren Bildungsniveau sichtbar abnimmt: Fast 30 Prozent der 15-Jährigen erreichen nicht mehr die grundlegende Kompetenzstufe 2 im Lesen; selbst einfache Texte verstehen sie nur noch mit Mühe.
Für den deutschen Rechtsphilosophen Christoph Möllers ist «die Bildungskrise längst die Gesellschaftskrise, die alle fürchten». Misst der Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin dem Jugendprotest mit dieser düsteren Feststellung nicht allzu grosse Bedeutung bei? Nein! Die Schule ist der Ursprungsort der bürgerlichen Gesellschaft.
Vor allem die Volksschule.
Ja, die frühen Pflichtschuljahre sind Jahre der ersten Selbsterfahrung junger Menschen als Bürger: als Gleiche unter Gleichen – aus welchem sozialen Milieu ihre Schulkameraden auch immer stammen mögen. Das Klassenzimmer kennt keine Klassen. Es bietet jedem Schüler Mittel und Zeit, sich zur eigenständigen Persönlichkeit zu entwickeln: sich zu ihr durch Bildung heranzubilden und dies als Leistungsaufgabe zu verstehen – was mache ich aus mir? Einen jungen Menschen, der in einer freien Gesellschaft Freiheit zu gestalten weiss.
Einen Bürger.
Die Volksschule als Nukleus der offenen Gesellschaft, einer Gesellschaft kritischer, aber auch selbstkritischer Individuen. Diese ersten Jahre, einst geprägt von Wandtafel und Kreide, bilden die Basis persönlicher Wertschätzung: Ich bin Bürger, weil leistungswillig, weil leistungsfreudig – weil meiner selbst bewusst. Genau dies formen die ersten Schuljahre:
das Selbstbewusstsein als Fähigkeit zur Skepsis, diesem Treibstoff des Weiterdenkens und Neudenkens.
Thomas Mann nennt Bürgerlichkeit «das geheiligte Wort der Humanität». In ihr sah der Nobelpreisträger für Literatur einen Ideenkomplex «aus Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Behutsamkeit, Wissen, Güte und Form».
Darf man von der Volksschule mit Formulierungen von Thomas Mann reden, diesem einsamen Grossen des letzten Jahrhunderts? Das erscheint zunächst übersteigert. Doch die Kultur der Bürgerschaft zielte hoch, sogar sehr hoch: in die Sphäre der bürgerlichen Selbstbestimmung.
Des Ich.
Das Ich als Voraussetzung für das frei gewählte Wir: für die Parteiungen der pluralen Gesellschaft – für die demokratische Kultur. Was die jedoch gerade erlebt, ist Resultat einer seit Jahren zugelassenen, wenn nicht gezielt betriebenen Verlotterung der Volksschule inklusive der folgenden Schuljahre.
Welcher relevante Bereich der Gesellschaft war jemals abstruseren Experimenten ausgesetzt? Noten ja oder nein, Lehrerautorität ja oder nein, Disziplin ja oder nein, selbstbestimmtes Lernen ja oder nein, Schulpflicht ja oder nein?
Das Schuldesaster steigerten muslimische Migranten-Kinder, die dem Unterricht kaum zu folgen imstande waren – durch Sprache und Religion behindert, Opfer einer willkommenskulturell bejubelten Migration. Die Folgen finden – buchstäblich – ihren Niederschlag auf der Strasse.
Abgedankt hat das Bürgertum, das der Schulpflicht einst erste und wichtigste Bedeutung für das Erlernen von Freiheit und Demokratie beimass. Es staunt bloss noch, einigermassen entsetzt, was sich in den Städten – in den bürgerlichen Hochburgen – gerade abspielt.
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