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Tuesday, October 13, 2026

Baseball-Fieber in Ohio: Endlich das Ding besiegen

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Sebastian Moll

Die Cleveland Guardians könnten seit 1948 wieder eine Baseball-Meisterschaft gewinnen. Im gebeutelten Ohio bedeutet sportlicher Erfolg besonders viel.

D ie Spieler der Cleveland Guardians hatten am Samstagabend viel zu feiern, nachdem ihnen ein unmöglich geglaubter Comeback-Sieg gegen die Chicago White Sox und somit der Einzug in das Meisterschaftsfinale der American League gelungen war. Und so war ihnen noch lange nicht nach Heimgehen zumute, als sie weit nach Mitternacht aus dem Stadion kamen. Stattdessen machten sich die Baseball-Millionäre zu Fuß in die Barszene von Downtown Cleveland auf und wurden kurz darauf in einer Karaokekneipe gesichtet. Geschadet haben ihnen die nächtlichen Ausschweifungen nicht. Am Montagabend (Ortszeit) waren sie bei der ersten Partie in der National League Championship Series bei den Tampa Bay Rays (7:3) natürlich wieder hoch konzentriert.

Die Nähe des Teams zur Stadt und zu ihren Fans passt zu Cleveland. Kaum eine andere Stadt in den USA bezieht ihre Identität so stark durch ihre Sportmannschaften wie die alte Stahlstadt am Ohio. Über die vielen Jahre, in denen Cleveland ein Symbol für den Niedergang des Rust Belt war, waren die damaligen Indians, die Browns und die Cavaliers oft der einzige Quell von Freude und Stolz. Und das hat sich auch nach der zarten Wiedergeburt der Stadt nicht geändert. So nahmen es die Menschen genauso persönlich, als LeBron James sie verließ, wie sie ihn wieder ins Herz schlossen, als er zurückkam, um ihnen eine Meisterschaft zu schenken.

Der neue Heilsbringer von Cleveland heißt nun Jose Ramirez. Er wuchs zwar in tiefer Armut in der Dominikanischen Republik auf, doch er ist Cleveland treu geblieben, seit man ihn 2009 in die Jugendmannschaft der damals noch genannten Indians holte. Immer wieder schlug er Angebote anderer Teams aus. Und so sagte Manager Stephen Vogt auch am Samstag „Jose ist Cleveland.“ Der Journalist Anthony Castrovince nannte Ramirez das, „was KI entwerfen würde, wenn man sie darum bittet, sich einen Underdog aus einer Rust-Belt Stadt“ auszudenken.

Die Liebeserklärungen kamen nach zwei phänomenalen Spielen durch Ramirez, die seiner Mannschaft den Einzug in das American-League-Finale und die Möglichkeit beschert haben, zum ersten Mal seit 1948 wieder eine Baseball-Meisterschaft nach Cleveland zu holen. Es ist die längste Durststrecke im Baseball, seit die Chicago Cubs 2016 nach 88 Jahren den „Fluch von Billys Ziege“ abschüttelten, um die Meisterschaft zu gewinnen. Die Mannschaft, so die Legende, war verteufelt, weil sie 1945 den beliebten Barbesitzer Billy Sianis mit seiner Ziege aus dem Stadion verwiesen hatte.

Zwei knapp verpasste Titel

Cleveland hat auch einen Namen für seinen Fluch, man nennt ihn am Ohio einfach nur „Das Ding“. Das Ding war in den 80er Jahren da, als Cleveland durchweg miserabel spielte. Aber es machte sich noch mehr bemerkbar, als sie in den 90er Jahren tatsächlich eine gute Mannschaft hatten. Zweimal verpasste sie damals den Titel, obwohl sie ihn im Endspiel praktisch schon im Sack hatten, 1995 gegen die Atlanta Braves und 1997 gegen die Baltimore Orioles. Das Pech hielt an: 2007 verloren sie den American-League-Titel trotz einer 3:1-Führung gegen Boston. 2016 verspielten sie die gleiche Führung gegen die New York Yankees in der World Series.

Doch bislang scheint in diesem Jahr das Glück auf ihrer Seite zu stehen. Nachdem Ramirez wegen einer Verletzung eine ebenso durchwachsene Saison hatte wie seine Mannschaft, wachte er vergangene Woche im entscheidenden Moment auf. Cleveland lag gegen Chicago zwei Spiele zurück, als Ramirez seinen Lauf begann, den er mit einem unglaublichen Homerun am Samstag krönte. Ramirez schmetterte den Ball, der nur Zentimeter über dem Boden ankam, wie einen Golfball in die Ränge und trug den Guardians zwei Punkte ein.

Nun hofft man in Cleveland, dass das „Ding“ endgültig besiegt ist, und der geprügelten Stadt das Glück hold bleibt. In der American-League-Meisterschaftsserie gegen Tampa Bay können sie es gut gebrauchen. Tampa hat in drei Spielen die New York Yankees weggefegt. Doch im Ramirez-Fieber ist der alten Arbeiterstadt alles zuzutrauen. Zumal sie das erste Spiel so erfolgreich bestritten haben.

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