Ukraine-Krieg: Waffen sprechen lauter als Trump
Was macht der Präsident eines von Russland angegriffenen Landes, der von Waffenlieferungen aus Washington abhängt, wenn er von dort eine Ankündigung hört, von der er - allem Anschein nach - nichts wusste? Was tut er, wenn er den US-Präsidenten, der diese vollmundige Erklärung abgab und dessen Wohlwollen bekanntermaßen rasch in Kritik umschlagen kann, nicht verärgern will? Er gibt ebenfalls eine Erklärung ab.
Wolodymyr Selenskyj, Staatschef der Ukraine, die sich seit Februar 2022 gegen eine russische Großoffensive verteidigt, nutzt das eingeführte Medium seiner abendlichen Videoansprache zum diplomatischen Drahtseilakt: Statt eine Einigung zu dementieren, spricht er von einem "überzeugenden Vorschlag".
Höfliche Verklausulierung
Statt zu sagen, dass die Ukraine und Russland - anders als von Donald Trump dargestellt - sich keineswegs darauf verständigt haben, wechselseitig keine Energieanlagen mehr anzugreifen, unterstreicht der ukrainische Präsident, sein Land sei bereit, "die Deeskalation zu unterstützen".

Bisher habe "noch niemand einen echten Willen Russlands gesehen, in Richtung eines Kriegsendes zu gehen". Sollten die US-Partner jedoch eine ehrliche und langfristige Bereitschaft Moskaus sicherstellen, werde Kyjiw eigene Schritte hin zu einer Entspannung unternehmen.
Pulverisierte Ankündigung
Der Wortlaut der Trumpschen Ankündigung war damit auf höflichste Weise pulverisiert. Auch indirekte Anschuldigungen des US-Präsidenten, die sich gegen die Ukraine richteten, ließ Selenskyj ins Leere laufen - Anschuldigungen, die nach Ansicht von Beobachtern vor allem dazu dienen sollten, die eigenen Anhänger vor den Kongresswahlen im November zu beruhigen.

Trump hatte am Sonntag von einer "Dieselknappheit" gesprochen und die Ukraine aufgerufen, ihre Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Mit Blick auf steigende Kraftstoffpreise in den USA - erstmals mussten mehr als sechs Dollar pro Gallone (5,22 Euro für 3,8 Liter) bezahlt werden - bot der Republikaner eine durchaus einseitige Interpretation geopolitischer Zusammenhänge dar.
Eigenwillige Erklärung
Die Dieselknappheit sei nicht auf den Iran-Krieg zurückzuführen, sagte er bei einem Besuch in Irland. "Das ist eine Folge dessen, was mit Russland und der Ukraine passiert." Nicht die Blockade der Straße von Hormus, durch die in Friedenszeiten ungefähr ein Fünftel des weltweit verschifften Rohöls verschifft wurde, wäre demnach ursächlich, ebenso wenig der jüngste Versuch der Huthi-Miliz im Jemen, die Ausweichroute über den Bab al-Mandab auf der anderen Seite der Arabischen Halbinsel zu blockieren.

Für die Probleme US-amerikanischer Autofahrer, welche sich an den Wahlurnen frustriert von den Republikanern abwenden könnten, gibt es nach Trumps Lesart vielmehr einen Schuldigen, der in Kyjiw sitzt: Wolodymyr Selenskyj. Dass Russland in dem seit viereinhalb Jahren andauernden Krieg gezielt ukrainische Energieanlagen beschießt, um die ukrainische Industrie lahmzulegen und die Zivilbevölkerung vor allem in kalten Wintern zu zermürben, blieb gleichfalls unerwähnt.
Unterbrochene Versorgung
Und gerade so, als hätte es alle rhetorischen Pirouetten nie gegeben, stellte sich an diesem Dienstagmorgen die Lage aus militärischer Perspektive dar: Russland, das erst gar keine Erklärung zur Erklärung abgab, griff die ukrainische Hauptstadt mit Drohnen an; dabei wurde auch eine Tankstelle getroffen. Mindestens ein Mensch sei verletzt worden, teilte Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko mit. Im südostukrainischen Saporischschja wurde eine Person ebenfalls durch eine Drohne getötet. In Teilen der Großstadt fiel der Strom aus.
Die Ukraine wiederum, die seit Monaten ihrerseits auf die Öl-Industrie des Kriegsgegners zielt, um die Einnahmen des Kremls aus dem Export fossiler Rohstoffe zu verringern, beschoss mehrere Ziele in Russland. In der Wolga-Region Samara wurde nach Angaben des Gebietsgouverneurs eine Industrieanlage attackiert; das ukrainische Militär sprach von einer Ölraffinerie. In der südrussischen Stadt Taganrog beschädigte eine Rakete eine Lagerhalle des Online-Händlers Ozon.

Nicht zum ersten Mal wurden die Aussagen des US-Präsidenten somit von der Realität eingeholt. Schon mit Blick auf den Iran-Krieg lösten sich zahlreiche Ankündigungen einer "unmittelbar bevorstehenden" Einigung noch stets in Luft auf, nachdem sie zunächst eine beruhigende Wirkung an Rohstoff- und Aktienmärkten entfaltet hatten. Auch im Ukraine-Krieg gilt weiterhin die alte Einsicht: Erklärungen sind Papier. Angriffe sind Wirklichkeit.
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