Botschafter zurückgerufen – Darum herrscht Krisenstimmung zwischen Südkorea und der Ukraine

Das Verhältnis zwischen der Ukraine und Südkorea ist stark angespannt. Es geht um die vermeintlich russlandfreundliche Politik Südkoreas, die die Ukraine verärgert. Und es geht um zwei nordkoreanische Kriegsgefangene, welche die Ukraine auf deren Wunsch hin nach Südkorea hat ausreisen lassen. Die Hintergründe erläutert SRF-Ostasienkorrespondent Samuel Emch.
Samuel Emch
Ostasien-Korrespondent
Samuel Emch ist seit Sommer 2022 Ostasien-Korrespondent für SRF. Zuvor war er während mehrerer Jahre Wirtschaftsredaktor bei SRF.
Was stört Südkorea im Zusammenhang mit den beiden Kriegsgefangenen?
Die Ukraine hat die Ausreise der beiden Nordkoreaner nach Südkorea publik gemacht. In Seoul gehen deshalb die Wogen hoch. Man hat sogar den Botschafter aus Kiew abgezogen. Gemäss offiziellen Angaben geht es Südkorea um den Schutz der beiden Nordkoreaner respektive deren Familien in Nordkorea. Denn dort werden Angehörige bestraft, wenn sich Verwandte nach Südkorea absetzen. Die Ukraine bestreitet, dass es eine Vereinbarung gegeben habe, die Ausreise der beiden geheim zu halten. Mindestens ebenso wichtig dürfte aber sein, dass die Einreise der beiden Nordkoreaner die Nordkorea-Politik des südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung torpediert.
Wie sieht diese Nordkorea-Politik aus?
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung sucht eine Annäherung an Nordkorea. In Südkorea sieht man Nordkorea offiziell immer noch als Bruderstaat, mit dem man sich dereinst wiedervereinigen will, und nicht als Feind. Lee folgt hier auch einem bekannten Muster: Linke Präsidenten suchen eher eine Annäherung an Pjöngjang, rechte verfolgen eine harte Haltung gegenüber Nordkorea.
Konkret hat Lee etwa die Propaganda-Lautsprecher an der Grenze abgeschaltet, das Abwerfen von Flugblättern über Nordkorea unterbunden und diplomatische Initiativen ergriffen. Er spricht auch nicht mehr direkt von der Denuklearisierung Nordkoreas. Doch Pjöngjang scheint schlicht nicht interessiert zu sein an einer Verbesserung der Beziehungen mit Südkorea. Präsident Lee hofft deshalb auch auf die Verbündeten Nordkoreas, namentlich China und Russland, die womöglich auf Pjöngjang einwirken könnten. Seoul versucht, die Beziehungen zu den Nachbarn in der Region intakt zu halten. Darum hat Südkorea auch nie Waffen direkt an die Ukraine geliefert.
Kiew versucht seit Längerem, Waffen aus Südkorea zu erhalten, vor allem dringend benötigte Flugabwehrraketen. Doch angesichts der aktuellen Spannungen wird sich dieser Wunsch für die Ukraine in nächster Zeit kaum erfüllen.
Dazu sagt SRF-Korrespondent Samuel Emch: «Direkte Lieferungen gäbe es wahrscheinlich auch ohne die Spannungen nicht. Grund dafür sind Warnungen und Drohungen aus Moskau, dies nicht zu tun. Zu Beginn des russischen Grossangriffs auf die Ukraine hat Südkorea immerhin Artilleriegeschosse an die USA verkauft, damit diese Granaten aus ihren Beständen an die Ukraine liefern konnten.»
Südkorea soll Diesel nach Russland geliefert haben. Hat es da nicht die Sanktionen verletzt?
Südkorea hat weniger weitreichende Sanktionen als die EU gegen Russland ergriffen. In Seoul heisst es dazu, dass kein südkoreanisches Recht verletzt wurde. Zudem zeigten Zolldaten, dass kein Treibstoff nach Russland geliefert worden sei, sagen die Behörden. Der britische «Guardian» seinerseits hatte diese Woche berichtet, dass mit Diesel beladene Tanker Südkorea verlassen hätten, mit offiziellem Ziel Japan – aber auf See sei dann das Ziel in Richtung Russland geändert worden. Auch soll auf hoher See Treibstoff auf andere Tanker umgepumpt worden sein.
Lassen sich die zerrütteten Beziehungen wieder kitten?
Es sind schon ernsthafte Spannungen zwischen der Ukraine und Südkorea. Und Präsident Lee zeigt sich auch persönlich betroffen. In Südkorea hat man das Gefühl, dass der diplomatische Balanceakt in der Region von der Ukraine nicht verstanden werde. Aber Südkorea zählt sich klar zum Westen – politisch wie sicherheitspolitisch. Europa ist zudem ein wichtiger Markt für die südkoreanische Rüstungsindustrie. Mittelfristig ist es also auch in Südkoreas Interesse, die Situation wieder zu beruhigen.
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