Meteorologe: Deutschland sollte KI gegen Extremwetter nutzen
Angesichts zunehmend intensiver Stürme und zugleich abnehmender humanitärer Hilfen warnt das Bündnis Entwicklung Hilft in seinem Welt-Risiko-Bericht 2026 vor katastrophalen Unwetter-Folgen. Wissenschaftliche Daten zeigten "einen klaren Trend": "Wirbelstürme werden intensiver", heißt es in dem Dokument, das der Zusammenschluss von Hilfsorganisationen in Deutschland zum Auftakt des dreitägigen Extremwetter-Kongresses in Hamburg veröffentlichte. Ob und wie viele Menschen durch Stürme sterben, entscheide sich aber "lange vor dem Landfall", erklärte Co-Autorin Katrin Radtke.
Wie sich ein Unwetter auswirke, hänge von den Bauvorschriften, Warnketten und Sozialsystemen der betroffenen Länder ab, erläuterte die Expertin des Instituts für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum, die den Welt-Risiko-Bericht zusammen mit dem Bündnis Entwicklung Hilft erstellt. "Kein Sturm muss zur Katastrophe werden", gilt daher laut Radtke. Entscheidend sei nicht die Windstärke, "sondern der Schutz, den eine Gesellschaft ihren Menschen bietet".
Philippinen, Mexiko, Madagaskar sind besonders sturmgefährdet
Wie ungleich die Gefahr verteilt ist, zeigt das Sturmranking in dem Bericht. Danach sind 123 der 193 untersuchten Staaten kaum Stürmen ausgesetzt. Zehn Länder trügen hingegen den Großteil der weltweiten Sturmgefährdung. Der südostasiatische Inselstaat Philippinen führt die Top Ten mit dem höchsten Sturmrisiko an, gefolgt von Mexiko und den ostafrikanischen Inselstaaten Madagaskar und Mauritius.

Für die wohlhabenden Industriestaaten Japan und USA, welche die Ränge fünf und acht belegen, gilt laut der Studie zwar ein ähnlich hohes Sturmrisiko. Dank besserer Frühwarnung, baulicher Standards und stabiler Institutionen trügen sie aber "nur einen Bruchteil des Risikos" für schwere Sturmfolgen.
Deutschland beim Sturm-Risikoindex weit unten
Deutschland steht beim Sturm-Risikoindex mit Rang 167 am unteren Ende. Die Geschäftsführerin vom Bündnis Entwicklung Hilft, Ilona Auer Frege, mahnte, statt Hilfsgelder zu kürzen, müssten reichere Staaten wie Deutschland stärker in die Risikovorsorge ärmerer Staaten investieren. Katastrophenvorsorge sei "keine Nebensache, sondern Lebensretterin", erklärte Frege.
Schließlich würden die Stürme auf unserer Erde infolge des Klimawandels immer stärker. Weil sich die Zugbahnen der Wirbelstürme polwärts verschieben, lebten "immer mehr Menschen in ihrer Reichweite".

Die deutsche Klimawissenschaftlerin Friederike Otto vom Londoner Imperial College erläuterte, die Gesamtzahl der Stürme bleibe zwar "weltweit relativ stabil", sie würden aber als Folge des menschengemachten Klimawandels intensiver.
Wie kann sich Deutschland besser schützen?
Kongress-Präsident und Meteorologe Frank Böttcher empfiehlt, beim Schutz vor Extremwetter in Deutschland stärker Künstliche Intelligenz (KI) einzusetzen. KI sei heute immer schneller in der Lage, sehr genaue Erwartungen für den Ablauf extremer Wetterereignisse aufzuzeigen, sagte Böttcher. Sie könne zudem helfen, auch kurzfristig noch Möglichkeiten für vorbeugende Schutzmaßnahmen zu erkennen.
Wie gut Deutschland auf das nächste Extremwetterereignis vorbereitet ist, lässt sich nach Einschätzung des Experten nicht pauschal beantworten. Die Gefahren würden sich je nach Region stark unterscheiden. "Ein Starkregenereignis zwischen Helgoland und Sylt interessiert nur die Robben, während es in der Innenstadt von Berlin zu heftigen Überschwemmungen führen würde", so Böttcher in Hamburg. Im Hügelland drohten Sturzfluten mit großem Zerstörungspotenzial, im Flachland könnten dagegen Felder und Wiesen tagelang unter Wasser stehen. Deshalb gebe es für Städte, Kommunen und Gemeinden nicht "die eine Lösung".
Fest steht für Böttcher jedoch: Deutschland muss bei der Klimaanpassung schneller werden. Aktuell bestehe das Risiko, dass diese Prozesse länger dauerten, während die Folgen der globalen Erhitzung hierzulande bereits spürbar würden. Der entscheidende Hebel liege darin, Planungs- und Umsetzungsprozesse zu beschleunigen.
Höhere Wassertemperaturen durch Hitzesommer in Deutschland
Der diesjährige Hitzesommer in Deutschland ließ auch die Wassertemperaturen deutlich steigen. Vor der Nordseeinsel Helgoland registrierten die Messstationen bis zum 1. September insgesamt 66 Tage mit Hitzewellen, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) anlässlich des Extremwetter-Kongresses mitteilte. Am 1. Juli etwa lag die Wassertemperatur dort fast vier Grad über dem langjährigen Mittel.
"Je wärmer die Meere, desto häufiger und intensiver treten marine Hitzewellen auf", erklärte BSH-Experte Tim Kruschke. Es sei "mit einer weiteren Zunahme solcher Ereignisse" zu rechnen.
Höhere Temperaturen fördern nach Erkenntnissen der Fachleute auch schädliche Algenblüten und Sauerstoffmangel. Wärmeres Wasser dehnt sich aus, Gletscher und Eisschilde schmelzen - der Meeresspiegel steigt. Zudem kann wärmeres Wasser weniger Kohlenstoffdioxid aufnehmen, was den Klimawandel weiter antreibt.
Meeresspiegel an deutschen Küsten steigt
An den deutschen Küsten stieg der Meeresspiegel seit 1900 der Analyse zufolge deutlich an - in Cuxhaven an der Nordsee beispielsweise um mehr als 25 Zentimeter, in Warnemünde an der Ostsee um knapp 20 Zentimeter. Bis 2100 könnte der Meeresspiegel um bis zu einen weiteren Meter steigen.
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