Dauerhafter Nachteil? Europa zahlt zehnmal mehr fürs Gas als USA

- Der europäische Gasgrosshandelspreis liegt bei fast 90 Franken pro Megawattstunde, vor dem Iran-Konflikt waren es 29 Franken.
- Europa zahlt für dieselbe Menge Gas zehnmal mehr als die USA.
- Ökonom Philippe Waechter warnt vor dauerhaft höherer Inflation und Nachteilen für die Industrie.
Europas Industrie ächzt unter den hohen Gaspreisen. Inzwischen liegt der europäische Grosshandelspreis bei fast 90 Franken pro Megawattstunde. Vor Ausbruch des Iran-Kriegs betrug er noch 29 Franken. Damit liegt der Preis weit über dem durchschnittlichen Preisniveau der fünf Jahre vor der Corona-Krise.
Immerhin ist der Gaspreis vom Höchststand im August 2022 von über 300 Franken noch weit entfernt. Dennoch ist der Energieschock beträchtlich, sagt Philippe Waechter, Chefökonom des französischen Vermögensverwalters Ostrum Asset Management.
Vor allem das Verhältnis zwischen den europäischen und den US-amerikanischen Gaspreisen sei aussergewöhnlich. Europa zahlt laut der japanischen Energieagentur Jogmec das Zehnfache der USA.
Waechter macht sieben zentrale Beobachtungen:
Europas Abhängigkeit von Flüssiggas hat stark zugenommen
Europa ist inzwischen in hohem Masse auf Flüssigerdgas (LNG) angewiesen, das insbesondere aus den USA und Katar stammt. «Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs ersetzte Flüssiggas einen erheblichen Teil der russischen Gaslieferungen. Eine Rückkehr zur früheren Versorgungssituation steht für mich nicht zur Debatte», so Waechter. Erst vergangene Woche hielt die EU-Kommission daran fest, dass die gesprengte Nord-Stream-Pipeline, die Europa mit russischem Gas versorgen könnte, auch nach einem Ende des Ukraine-Kriegs geschlossen bleiben soll. Damit stemmt sich die EU-Politik gegen Pläne der USA und Russlands, das Projekt wiederzubeleben.
Die Gaspreise sind zwangsläufig volatiler geworden
Die früheren russischen Gaslieferungen beruhten auf langfristigen Verträgen und vergleichsweise stabilen Lieferbedingungen, wie Waechter sagt. Heute hängen die Preise stärker von den verfügbaren Lieferkapazitäten ab. Der Marktpreis werde durch die jeweils zuletzt zur Deckung der Nachfrage benötigte Angebotsmenge bestimmt. «Diese ist zahlreichen Risiken ausgesetzt, insbesondere jenen im Nahen Osten seit Ausbruch des Iran-Konflikts. Die USA sind diesen Risiken nicht in gleichem Masse ausgesetzt», sagt Waechter.
Der Preisschock könnte die Inflation dauerhaft erhöhen
Die weitere Gaspreisentwicklung hängt laut dem Experten wesentlich davon ab, ob und wann der Konflikt zwischen den USA und dem Iran beigelegt wird. «Diese Situation könnte länger anhalten. Der Energieschock könnte somit von Dauer sein und die Inflation nachhaltig antreiben.» Die Folgen zeigen sich beim Portemonnaie. Die Inflation in der Schweiz stieg im Oktober um 1,5 Prozent, in der EU gar um 4 Prozent.
Die europäischen Gasspeicher sind ungewöhnlich schwach gefüllt
Die Schweiz verfügt über keine eigenen nennenswerten Gasvorräte und ist deshalb auf die umliegenden Länder angewiesen. Doch die Gas-Speicherbestände in der EU waren Anfang November 17 Prozent niedriger als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. «Die vergleichsweise geringen Vorräte halten die Nachfrage entsprechend hoch», sagt Waechter.
Europas Industrie verliert an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA
Die hohen Gaspreise bedeuten für europäische Unternehmen einen erheblichen Wettbewerbsnachteil gegenüber ihren amerikanischen Konkurrenten. Die europäische Industrie könnte dadurch im Vergleich mit der US-Konkurrenz dauerhaft geschwächt werden. Neben der Metall- und Glasindustrie ist vor allem die Chemiebranche auf Gas angewiesen. «Gerade in der Industrie sind die Energiekosten ein entscheidender Standortfaktor. Die USA könnten deshalb für zahlreiche europäische Unternehmen zu einem besonders attraktiven Investitionsstandort werden.»
Das Gaspreisgefälle verdeutlicht Europas Energieabhängigkeit
Für Waechter ist das Verhältnis zwischen den europäischen und amerikanischen Gaspreisen vor allem ein Gradmesser für die energiepolitische Abhängigkeit Europas.
Wie beurteilst du die Folgen der hohen Gaspreise für Europa?
Die Aussichten für Europas Wirtschaftswachstum trüben sich ein
Waechter sieht stetig wachsende Zweifel an den europäischen Wachstumsaussichten. «Ein voraussichtlich anhaltend hohes Gaspreisniveau lässt wenig Hoffnung auf eine rasche Erholung der Investitionstätigkeit.»
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Fabian Pöschl (fpo) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Verantwortlicher Wirtschaftsnews im Ressort Wirtschaft
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