Gefährliche Aktionen – Russische Künstler fordern die Macht heraus

Die Tarnung ist perfekt. Das Strassenschild in St. Petersburg tut so wie alle anderen Gedenktafeln und Hinweisschilder. Schwarze Schrift auf weiss getünchtem Blech, festgeschraubt an einer Hausfassade. Erst beim Lesen zündet der kleine, semantische Sprengsatz: «Irgendetwas ist schiefgelaufen. Versuchen Sie es noch einmal oder kommen Sie später wieder.» Ein bissiger Kommentar zur politischen Lage in Russland.
Viel öffentlicher Spielraum ist den Kunstpartisanen unter Putins Herrschaft nicht geblieben. Ebenfalls in St. Petersburg tauchten im Sommer beschriftete Müllcontainer auf. «Pläne 2026» steht auf dem einen, «Eure Träume» auf einem anderen. Augenblicke mitreissender Wahrheit. In Moskau hat jemand über den Druckknopf an einer Ampel «Er stirbt» geschrieben. Das matcht mit der offiziellen Aufforderung unter dem Druckknopf «Warten Sie».
Das Künstlerkollektiv «Die Bösen»
In Jekaterinburg mischten sich Kunstpartisanen des Kollektives «SlyE» («Die Bösen») mit Streetart in den Kriegsalltag ein. Vor dem im April von einer ukrainischen Drohne getroffenen Wohnkomplex «Trinity» wurde eine Schutzwand aus Holz aufgestellt. Mitte Mai prangte auf ihr ein Bild eines Mädchen im Schneidersitz mit VR-Brille. Auf dem Bildschirm die Nachricht: «Game over».
Erklärtes Ziel der Gruppe ist es, «Immunität gegen Unsinn» zu schaffen. Das Graffiti, das bei der Obrigkeit für viel Aufregung sorgte, wurde nach zwei Tagen von der Stadtverwaltung mit grauer Farbe übermalt.
Zeichnungen aus dem Gefängnis
Der Petersburger Aktionist und Künstler Pawel Krisewitsch hat unterdessen eine «Repressionismus-Bewegung» begründet. Expressionistische Zeichnungen aus dem Gefängnis: Totenkopfgestalten in grauer Knastuniform, Gitterstäbe über Gitterstäben.
Dreieinhalb Jahre hat der 25-Jährige im Moskauer Butyrka-Gefängnis eingesessen. Er zerriss Bettlaken, strich sie mit Zahnpasta ein und malte mit eigenem Blut, mit Holzkohle aus abgebrannten Streichhölzern, mit Kaffee und abgekratzter Wandfarbe. Nach seiner Freilassung Anfang 2025 wurde er immer wieder verhaftet, sodass er im Januar 2026 ins Exil ausweichen musste. Heute lebt er in Frankreich.
Das Thema Angst
In Russland hatte er mit spektakulären Performances den diktatorischen Alltag aufgemischt. Vor der Geheimdienstzentrale in Moskau liess er sich 2020 an ein Kreuz binden, drumherum loderten «politische Akten» im Feuer.
2021 täuschte er auf dem Roten Platz einen Selbstmord vor und schoss zunächst in die Luft. Dann hielt er die Pistole an seinen Kopf und drückte ab. Dafür wanderte er ins Gefängnis. «Es ging mir darum, das Töten der Angst zu symbolisieren», erklärt Pawel Krisewitsch. «Die Angst über mir, die Angst in mir und die Angst vor dem Kreml, grundsätzlich die Angst vor dem Staat.»
Unterbrechungen durch Kunst
Die radikale russische Kunst will die Gesellschaft aufrütteln. Ihr provozierendes Pathos öffnet zudem Raum für neue Gefühle wie Überraschung und plötzliche Freiheit.
Kunst ist zudem imstande, eine Konfliktlinie in den öffentlichen Raum zu ziehen. Das wusste auch der Karikaturist Semjon Skrepezki. «Spiel mit dem Feuer» heisst ein derbes Bild von Dezember 2025. Es zeigt den Künstler, der den kleinen, nackten tschetschenischen Machthaber Kadyrow in der linken Hand hält und ihm mit einem Feuerzeug Feuer unter dem Hintern macht. Der kleine Putin steht hinternbrennend daneben.
Künstlerische Selbstbehauptung und politisches Manifest. Am 15. Juni wurde Semjon Skrepetzki im Exil in Ostpolen auf offener Strasse erschossen. Die örtliche Polizei ermittelte, dass es sich bei dem Vorfall um eine gezielte Tötung handelte. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk bewertete den Vorfall als mögliche politisch motivierte Auftragsmordtat.
«Für so viel Freiheit musste er sterben», meint sein Künstlerkollege Aljoscha Stupin im amerikanischen Exil. Auch er bekommt nahezu täglich Morddrohungen. Die Macht der Lächerlichkeit preisgeben? Karneval kann Putin, wie es scheint, nicht ertragen. Satire hat schliesslich das Zeug, seine Tyrannei blosszustellen.
Mitspieler KI
Für russische Künstler im Exil spielt die Künstliche Intelligenz eine immer grössere Rolle. De facto abgeschnitten von der russischen Realität, können sie diese mittels KI im Handumdrehen wiederherstellen. Pawel Krisewitsch etwa forderte Putin mit einem KI-generierten Video Mitte März zum Duell auf. Kampflustig hüpft der Künstler im weissen Boxermantel in einem Ring gegenüber dem Kreml. «Putin! Komm raus!», brüllt er mit aller Kraft über den Roten Platz.
Ein Moment ansteckender Selbstbehauptung und Freiheit. Aus Russland kam von einigen Kunstaktivisten jedoch auch Kritik. Die Sorge: Die risikoreichen Interventionen von Künstlern in Russland könnten gegenüber KI-generierter Protestkunst abfallen.
Entlarvung der Z-Realität
Andererseits kann KI wiederum auch die Ironie, das Spiel mit dem doppelten Boden, zurück in die Kunst bringen. Der KI-Künstler Fertoke spielt mit entlastendem Humor in seinen Musikvideos. «Kugel und Schal» heisst ein Clip zu dem berühmten russischen Chanson «Es dreht sich, es wirbelt, die blaue Kugel».
Bei Fertoke sucht aber nicht mehr, wie im eigentlichen Lied, ein verliebter Mann nach seiner Angebeteten. Jetzt geraten – so heisst es im Liedtext – die «Rädchen» des Putin-Systems ins Visier: Zu sehen ist eine Galerie russischer Staatsanwälte und Richter, mal in Roben, mal privat beim Fischen oder mit Hündchen: die Richterin Ewgenija Nikolajewa etwa, wie sie im Restaurant in der Türkei offensichtlich viel Spass hat.
Nikolajewa hat fünf Mitglieder der Band Pussy Riot in Abwesenheit zu Haftstrafen von bis zu 13 Jahren verurteilt. «Deine Spur wird nirgends verschwinden», verspricht der Song. «Mögen den Rädchen im Getriebe die Sehnen zittern.» Eine unverhohlene Drohung in Wort und Bild: Leitmotiv des Videos ist ein langer blauer Faden, der langsam zum Wollknäuel aufgewickelt wird, dahinter blinken die Datenströme.
Die gezeigten privaten Aufnahmen der Staatsanwälte und Richter stammen aus ihren digitalen Spuren im Netz. Die Botschaft: Wer heute Teil des Systems ist, bleibt auch morgen identifizierbar. Das Internet vergisst nichts.
Die Z-Realität in Russland
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Der Begriff Z-Realität leitet sich von dem Buchstaben Z ab, der seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine das zentrale Propagandasymbol des russischen Militärs und des Putin-Regimes ist. Das Z prangt auf zahlreichen Gebäuden sowie auf Militärfahrzeugen und Panzern.
Die Z-Realität ist von einer massiven Militarisierung der Gesellschaft geprägt, schon Kindergartenkinder lernen im Gleichschritt zu marschieren. Zur Z-Realität gehören ferner der Personenkult um Putin, die Biopolitik – Stichwort: Frauen sollen mehr gebären –, der Puschkin-Kult, die Orthodoxie – Priester segnen Panzer –, die Mythen der Propaganda, aggressiver Chauvinismus, Verschwörungstheorien, die Folklorisierung der Kultur, die Gleichschaltung der Gesellschaft, Vergangenheitsbesessenheit und Sowjetnostalgie.
Volkserziehung zu Komplexität
Fertokes Videos strotzen vor Anspielungsfuror und intellektuellem Übermut. Die vielschichtigen Parabeln sind Kult. Das Video «Masleniza» – es ist das russische Fest zur Austreibung des Winters, hier auch des politischen Winters – ist auf Facebook über 150'000 Mal aufgerufen worden.
«Masleniza»: KI-generiertes Video des Künstlers Fertoke
Fertoke ist ein Pseudonym. Bekannt ist, dass sich ein IT-Spezialist in der Emigration dahinter verbirgt. Humorvoll entlarvt er die «Russische Welt», die absurde Mischung aus Gewalt und Gemütskitsch: Polizistinnen tanzen mit russischem Haarschmuck und Schlagstöcken vor dem Russischen Pavillon auf der Biennale von Venedig.
In Moskau fordern düster-lebensbedrohliche Plakate auf: «Gebär öfter!» Und der Teufel, der einen Vertrag in Händen hält, befiehlt: «Unterschreib da.»
Fertoke dreht die Z-Realität in Russland nur ein bisschen weiter hin zur Wahrheit und promptet wahre Teufeliaden.
«Sie sind nicht mein Präsident»
Für viel Aufsehen sorgte Ende Juli der Auftritt des Schauspielers Aleksej Jarmuschtschik. Der 25-Jährige hatte eine Videobotschaft auf Instagram gepostet: «Ich möchte nicht, dass Sie mein Präsident sind», sagt er ohne Umschweife. «Ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der keine Angst vor Ihnen hat, der überhaupt wollte, dass Sie mein Präsident sind.»
Über eine Million Mal wurde das Video innerhalb kürzester Zeit aufgerufen. 48 Stunden später postete Aleksej Jarmuschtschik auf Instagram ein neues Video. Er habe mit seiner Mutter gesprochen, ruderte er zurück. Sie habe eingewandt, er verstehe nichts von Russland, sei jung und Wladimir Wladimirowitsch habe viel getan. Eine Kehrtwende, hinter der viele den Geheimdienst vermuten. Aber die Wahrheit hat es kurz auch in die russische Welt geschafft.
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