Dieses Wahlergebnis könnte die Welt verändern

Zwei Männer, zwei Siegesreden – und kein klarer Gewinner. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu (77) hat es wieder geschafft: Seine Likud-Partei wird bei den Wahlen am Dienstag stärkste Kraft. Doch seinem Bündnis aus rechten und religiösen Parteien fehlen die nötigen 61 der 120 Parlamentssitze, um weiterregieren zu können. Auch Herausforderer Gadi Eisenkot (66) fehlt die Mehrheit. Der Ex-Armeechef will Netanyahu stürzen, braucht dafür aber jene Parteien, die seine Verbündeten bislang ablehnen. Israel steht vor einem Machtpoker mit weltweiten Folgen. Drei Szenarien sind denkbar.
Szenario 1: Eisenkot wagt den historischen Tabubruch
Es wäre ein politisches Erdbeben: Ausgerechnet die arabischen Parteien könnten Netanyahu aus dem Amt kegeln. Sie haben massiv zugelegt. Palästinensische Israelis strömten in Rekordzahlen an die Urnen. Plötzlich werden sie zu Königsmachern.
Doch Eisenkot steckt in der Klemme. Seine Verbündeten lehnen eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien ab. Eisenkot verlangt zudem, dass mögliche Partner Israel als jüdischen Staat anerkennen und die Hamas als Terrororganisation verurteilen.
Eine andere Möglichkeit: Eisenkot bildet eine Regierung ohne eigene Mehrheit. Arabische Abgeordnete unterstützen diese bei Abstimmungen, ohne selbst mitzuregieren. Doch ein solches Bündnis wäre instabil. Ein Machtwechsel könnte den Ausbau israelischer Siedlungen im besetzten Westjordanland bremsen und den Konflikt mit den Palästinensern entschärfen. Doch Eisenkot ist ehemaliger General, kein Friedensaktivist. Ein politischer Neustart wäre also keineswegs sicher.
Szenario 2: Netanyahu verliert – und gewinnt am Ende doch
Netanyahu ist ein politischer Überlebenskünstler. Mehrfach wurde er totgesagt, mehrfach kehrte er zurück. Seine grösste Hoffnung? Dass seine Gegner scheitern. Findet Eisenkot keine Mehrheit, könnte Israel erneut wählen müssen. Davon würde Netanyahu womöglich profitieren. Denn während Zehntausende Israelis eigens aus dem Ausland zur Wahl zurückkehrten, können sich die radikalen Rechten auf ihre treuen Anhänger im Land verlassen.
Auch die ultrarechten Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich haben bewiesen, dass ihre Parteien genügend Wähler haben, um eigenständig ins Parlament einzuziehen. Netanyahu könnte den nächsten Wahlkampf als Entscheidung zwischen einer starken rechten Regierung und einem von arabischen Parteien abhängigen Bündnis darstellen. Genau davor warnte er bereits in der Wahlnacht.
Ein Netanyahu-Comeback mit noch stärkeren Rechtsaussen-Partnern könnte den israelischen Siedlungsbau weiter beschleunigen. Neue Konflikte mit den Palästinensern und Europa wären programmiert.
Szenario 3: Israel versinkt im Chaos – und Trump greift an
Scheitern die Koalitionsverhandlungen, droht Israel eine monatelange politische Blockade. Präsident Isaac Herzog bestimmt zunächst, wer eine Regierung zusammenstellen darf. Schafft es dieser Politiker nicht, bekommt ein anderer die Chance. Scheitern alle Versuche, drohen Neuwahlen. Solange bleibt Netanyahu als Übergangspremier im Amt – und kann weiterhin wichtige militärische Entscheidungen treffen.
Genau das könnte ihm in die Hände spielen. Denn sein mächtigster Verbündeter, US-Präsident Donald Trump (80), erwägt laut «Wall Street Journal» einen neuen Angriff auf den Iran. Sollte Trump tatsächlich angreifen, könnte Israel an seiner Seite in einen neuen Krieg ziehen – und Netanyahu stünde plötzlich wieder als Regierungschef in einer nationalen Sicherheitskrise im Zentrum.
Statt über seine verlorene Mehrheit zu diskutieren, könnte sich Bibi als erfahrener Krisenmanager präsentieren. Ein Krieg könnte den Machtkampf überlagern und seinen Gegnern die Ablösung erschweren. Gleichzeitig wäre der internationale Preis dafür hoch. Und: Ein politischer Vorteil wäre allerdings keineswegs sicher. Dass Netanyahu einen Krieg gezielt zur Sicherung seiner Macht anstrebt, ist nicht belegt.
Die Wahl ist vorbei – der Machtkampf beginnt erst
Noch ist allerdings nichts in Stein gemeisselt: Das endgültige Wahlergebnis wird erst am 4. November veröffentlicht. Bis dahin können sich die Mehrheitsverhältnisse noch verschieben. Klar ist: Israel hat gewählt. Aber wer künftig regiert – und welchen Preis die Welt dafür bezahlt –, bleibt völlig offen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.