Steinmann & Co.: Diese Oststars scheiterten im Westen
Den ersten Verlockungen widerstand Rico Steinmann noch. Kurz nach dem Mauerfall parkt ein Wagen in Karl-Marx-Stadt "etwa 50 Meter vom Haus meiner Eltern" entfernt, erzählt das einst größte Talent des DDR-Fußballs im dritten Teil der ZDF-Doku-Serie "Go West!" über den Untergang des DDR-Fußballs. Ein Beauftragter des 1. FC Nürnberg hat als "Begrüßungsgeschenk einen kleinen Videorekorder dabei", erinnert sich Steinmann.
Ich hatte ja damals überhaupt keine Ahnung, wie das alles vonstatten ging.
Rico Steinmann
Nachdem Andreas Thom im Winter 1989/90 als erster und zu diesem Zeitpunkt einziger Spieler aus der DDR offiziell in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen transferiert wurde, sind Wechsel aus der DDR-Oberliga plötzlich möglich. Im Sommer 1990 folgen weitere Oststars wie Ulf Kirsten und Matthias Sammer von Dynamo Dresden sowie Thomas Doll, Rainer Ernst und Frank Rohde vom BFC Dynamo. Bis 1993 wechseln 64 Oberligaspieler in Vereine in den alten Bundesländern. Ein gewaltiger Aderlass der fähigsten Kicker aus dem Osten.
Folge 3 von "Go West!": Rico Steinmann ist einer der wenigen Stars, die ihr Glück weiter im Fußballsystem der DDR suchen. Doch auch ihm wird schnell klar: Es ist kein fairer Wettkampf.
18.09.2026 | 28:06 minSteinmann will es mit einem Klub aus der DDR "allen beweisen"
Und Rico Steinmann gilt als der Gefragteste gleich nach dem Trio Thom, Kirsten, Sammer. Der U18-Europameister von 1986 und Dritte der Junioren-Weltmeisterschaft ist als Spielmacher mit Technik, Antritt und Abschluss heiß umworben. "Rico Steinmann war ein Weltklasse-Fußballer", schwärmt Sammer noch heute. Doch der Hochveranlagte ist bei der ersten Abwanderungswelle 1990 nicht dabei.
Der damals 22-Jährige entscheidet sich vielmehr dafür, zunächst eine weitere Saison bei seinem Heimatverein Chemnitzer FC zu bleiben, der bis dato FC Karl-Marx-Stadt hieß. Und das, obwohl Werder Bremens Manager Willi Lemke den Jungstar unbedingt haben will. Doch Steinmann erklärt damals:
Die Bundesliga reizt mich schon, aber gleichzeitig reizt es mich, es mit einem Klub aus der jetzigen DDR allen zu beweisen und in die Bundesliga zu kommen.
Rico Steinmann
Grenze von Heimattreue und Solidarität
Doch auch weil Steinmann eine Sonderrolle im Team innehat, mehr verdient und andere Privilegien wie ein hübsches Häuschen und einen feschen Sportwagen bekommt, geht der Plan nicht auf. Der CFC verpasst die Qualifikation für die Bundesliga.
Folge 2 von "Go West!": Als erster DDR-Spieler darf Andreas Thom in die Bundesliga wechseln. Durch ein Machtwort von Kanzler Helmut Kohl wird den anderen Spielern klar: Sie müssen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen.
18.09.2026 | 29:31 min"Ich bin auch nur ein Mensch und Fußballer, kann auch nur zehn Jahre spielen und muss auch sehen, wie ich zu meinem Geld komme. Irgendwo gibt es eine Grenze, wo man diese Heimattreue und Solidarität auch vergisst", sagt Steinmann in einer TV-Aufnahme von damals bemerkenswert ehrlich.
Pilz: "Schlimmer als zu DDR-Zeiten"
Er schließt sich 1991 dem 1. FC Köln an, bleibt dort aber Edelreservist. Er sagt später: "So einen Konkurrenzkampf kannte ich aus der DDR nicht." So geht ausgerechnet das größte Talent des DDR-Fußballs als Paradebeispiel für gescheiterte Ost-West-Transfers ins kollektive Fußball-Gedächtnis ein. Längst nicht alle DDR-Fußballer hatten "drüben" Erfolg.
Dynamo-Kapitän Hans-Uwe Pilz und Andreas Trautmann etwa flüchten nur ein halbes Jahr nach ihrem Wechsel zu Fortuna Köln in die 2. Liga vom Rhein zurück an die Elbe. Der Kölsche Klüngel um Präsident Jean Löring war nichts für die Sachsen. "Die Spieler krochen dem Präsidenten in den Hintern. Es war schlimmer als zu DDR-Zeiten. Wenn ich in der Kabine den Mund aufriss, petzte es irgendeiner weiter und ich musste zum Rapport bei Löring antreten", sagt Pilz später dem Magazin 11Freunde.
Folge 1 von "Go West!": DDR-Trainer Ede Geyer steht vor der Herausforderung, sein Team nach dem Mauerfall wieder auf das große Ziel WM einzuschwören. Doch die Gedanken seiner Spieler scheinen längst woanders.
18.09.2026 | 32:46 minSteinmann bleibt ohne Länderspiel für den DFB
Auch DDR-Nationaltorhüter Dirk Heyne kann sich bei Borussia Mönchengladbach nicht durchsetzen. Ebenso wie der letzte DDR-Torschützenkönig Torsten Gütschow bei Hannover 96 und dem VfB Stuttgart.
Rico Steinmann kickt bis 1997 beim 1. FC Köln, wechselt danach zu Twente Enschede und kehrt damit zu seinem früheren Chemnitzer Trainer Hans Meyer zurück. Ein Länderspiel für die DFB-Auswahl absolviert das einstige Toptalent des DDR-Fußballs nicht.
Sport
:Go West! Die letzte Elf der DDRMit dem Fall der Berliner Mauer beginnt ein Wettrennen um die größten Fußballspieler der DDR - und für Stars wie Matthias Sammer die Suche nach einer neuen Identität.
Nachrichten | ZDFheute Update
:ZDFsportstudio NewsletterAlle Highlights aus Bundesliga, DFB-Pokal und anderen Sport-Highlights sowie die wichtigsten Nachrichten.
Über das Thema berichtete das ZDF am 18.09.2026 ab 00:00 Uhr in der dreiteiligen Doku "'Go West!' Die letzte 11 der DDR".
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