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Tuesday, September 22, 2026

Ab- oder aufrüsten? – Mehr Waffen, mehr Frieden? Zwei Experten im Gespräch

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Wie stark soll die Schweizer Armee aufgerüstet werden? Das Parlament debattiert aktuell darüber. Und damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Bringt mehr Rüstung Frieden, oder führen mehr Waffen zu Krieg? SRF hat nachgefragt.

Laurent Goetschel

Direktor von Swisspeace

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Laurent Goetschel ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Basel und Direktor der Friedensstiftung Swisspeace. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Friedens- und Konfliktforschung sowie die europäische Integration. Er arbeitete früher unter anderem als Journalist bei der Nachrichtenagentur AP und als politischer Berater von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey.

Lars-Erik Cederman

Konfliktforscher an der ETH Zürich

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Cederman wurde 1963 in Schweden geboren. Nach seiner Promotion in Politikwissenschaft in den USA forschte und unterrichtete er in Genf, Oxford, Los Angeles und an der Harvard University in Cambridge, USA, bevor er 2003 Professor für Internationale Konfliktforschung an der ETH Zürich wurde.

SRF News: Was macht die Welt sicherer – Aufrüstung oder Abrüstung?

Laurent Goetschel: «Ohne Waffen, keine Kriege» – dieser Grundsatz gilt natürlich. Allerdings kann man daraus nicht automatisch schliessen, dass mehr Waffen sogleich Krieg bedeuten. So wie man auch nicht sagen kann, dass Aufrüstung allein genügt, um Frieden zu haben. Beides wäre zu kurz gedacht. Es kommt auf den Kontext an.

Lars-Erik Cederman: Aufrüstung kann abschrecken – das sehen wir in der Regel. Gleichzeitig kann Aufrüstung aber auch Eskalation und Kontrollverlust fördern. Entscheidend ist, ob sie der Verteidigung bestehender Grenzen oder ihrer gewaltsamen Veränderung dient. Es kommt also immer auf die Intention der führenden Politikerinnen und Politiker an.

Anfang der 90er-Jahre herrschte in Europa die Vorstellung: Je weniger Waffen, desto sicherer – was ist passiert?

Laurent Goetschel: Man befand sich am Ende des Kalten Krieges auf einem absoluten Höchststand der Rüstungsanstrengungen, sowohl im Westen als auch im Osten. Alle konnten sich mehrfach vernichten, nicht nur nuklear, sondern auch konventionell. Man wollte diesem Rüstungswahnsinn ein Ende setzen – nicht zuletzt auch, um wirtschaftlich Kosten zu sparen.

Wir leben jetzt in einer Welt, die wieder unsicherer geworden ist, vor allem durch das Auftreten revisionistischer Mächte.

Lars-Erik Cederman: Leider hat sich seither viel verändert. Wir leben jetzt in einer Welt, die wieder unsicherer geworden ist, vor allem durch das Auftreten revisionistischer Mächte. Die Anreize haben sich verschoben und deswegen reicht eine politische Strategie, die sich nur auf internationale Abkommen stützt, nicht aus.

Gibt es Bedingungen, unter denen Aufrüstung tatsächlich für Frieden sorgen kann?

Lars-Erik Cederman: Imperialistische Machthaber gehen kaum auf Kompromisse ein. Da bleibt nichts anderes, als Stärke aufzubauen. Das Beispiel Russland zeigt dies deutlich: Putin hat der Ukraine nach deren Nuklearwaffenverzicht versprochen, sie nicht anzugreifen – und hat gelogen. Verhandlungen sind wichtig, aber nicht zu jedem Preis.

Laurent Goetschel: Sicherheit hat immer eine stark subjektive Komponente. In den USA zum Beispiel fühlen sich viele Menschen mit einer eigenen Waffe sicherer – obwohl die objektive Sicherheit dort nicht grösser ist, im Gegenteil. Am Schluss kommt es aber darauf an, welche Absichten man dem Gegner unterstellt: Je nachdem können dieselben Waffenmengen als Bedrohung wahrgenommen werden oder eben nicht.

Schweizer Panzer fahren beim Grossanlass «Thun meets Army» am Samstag, 22.10.2016, auf dem Waffenplatz in Thun.
Legende: Die Schweizer Armee soll aufgerüstet werden – aber wie stark? Darüber streitet aktuell das Parlament. Keystone / Peter Schneider

Was müsste heute passieren, damit Abrüstung wieder politisch möglich wäre?

Lars-Erik Cederman: Abrüstung ist nicht unmöglich. Europa hat bewiesen, dass ein System geschaffen werden kann, in dem Vertrauen möglich ist. Zwischen Deutschland und Frankreich wurden zwei Weltkriege ausgetragen – heute ist ein Angriff undenkbar. Wir brauchen eine Kombination aus Rüstung und Friedenspolitik, gestützt auf Diplomatie und internationale Institutionen. Da ist die Schweiz sehr gut platziert.

Es braucht ein minimales Vertrauen zwischen den Akteuren.

Laurent Goetschel: In den 1990er-Jahren gab es Bestrebungen, gemeinsam eine europäische Sicherheit zu denken. Man sprach von «kooperativer Sicherheit». Dafür braucht es ein minimales Vertrauen zwischen den Akteuren. Wir müssen wieder zu einem Umdenken finden, das die Sicherheitsbedürfnisse aller europäischen Staaten berücksichtigt.

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