Verteidigung der Literaturkritik: Für die Störung des Betriebsablaufs

Warum Literaturkritik? Weil es in der Literatur um etwas geht. Literatur, die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben.
Es hat schon immer eine spezifische Vehemenz der deutschen Literaturkritik gegeben, das lässt sich aus ihren historischen Anfängen heraus erklären. Im 18. Jahrhundert ging es für die Schriftsteller darum, eine deutsche Literatursprache überhaupt erst zu schaffen. Die kleinabsolutistischen Höfe waren für das sich entwickelnde Bürgertum eine beträchtliche Hürde.
Schriftsteller betätigten sich unter diesen Umständen ganz selbstverständlich auch als Literaturkritiker, Gotthold Ephraim Lessing etwa war als Kritiker mindestens genauso bekannt wie als Dramatiker. Die Literaturkritik wurde als eine eigene literarische Gattung begriffen. Denn es ging um etwas. Man schonte sich nicht. Lessing urteilte über ein Poem seines berühmten Zeitgenossen Friedrich Gottlieb Klopstock: „Es ist, wie des Herrn Klopstocks Lieder alle sind; so voller Empfindung, dass man oft gar nichts dabei empfindet.“
Es ging ums Ganze. Ästhetische Auseinandersetzungen traten oft an die Stelle von politischen, denn das deutsche Bürgertum hatte im 18. und dann auch im 19. Jahrhundert nichts zu bestimmen und nichts zu sagen. Über die Kunst dafür aber umso mehr. Man wurde gerne grundsätzlich. Einer der schönsten Sätze von Ludwig Börne lautet: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum!“
Aktuelle Debattenparameter
Im 19. Jahrhundert wurde die Literaturkritik aber beileibe nicht mehr nur von Schriftstellern betrieben. Es entwickelte sich eine neue Kaste, die eher akademisch, ja oberlehrerhaft agierte.
Dabei versteckte sie ihre subjektiven Grundlagen hinter einem sich objektiv gebenden Duktus und baute auf die gerade in der Luft liegenden Theoriefelder auf. Im 19. Jahrhundert waren das Vaterland, Religion und Familie, und damit zogen Universitätsdozenten das gelegentlich ungestüm Brausende der Literatur routiniert auf ihr Level herunter.
Diese Kritiker sind längst vergessen, aber ihre Attitüde hält sich bis heute. Nur dass die Diskursformen nicht mehr „Vaterland“ und so weiter heißen, sondern eher von den gerade aktuellen Debattenparametern bestimmt sind.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten Literatur und Kritik jedoch noch oft auf derselben Klaviatur. Walter Benjamin las Marcel Proust und schrieb: „Im vorigen Jahrhundert gab es in Grenoble – ich weiß nicht, ob heute noch – ein Wirtshaus ‚Au Temps perdu‘. Auch bei Proust sind wir Gäste, die unterm schwankenden Schild eine Schwelle betreten, hinter der uns die Ewigkeit und der Rausch erwarten.“
Rausch und Ewigkeit
Damit sind wir auf dem ureigenen literarischen Terrain: Rausch und Ewigkeit. Der Zivilisationsbruch durch das NS-Regime zeigte sich aber auch auf dem engeren Feld der Kultur. Nach 1945 stellte sich die Aufgabe, an eine kritische Praxis anzuknüpfen, die vollkommen ausgetrieben worden war. Sie fungierte in der Frühzeit der Gruppe 47 als ein Mittel, die Prägungen durch die NS-Zeit zu überwinden, in Form von Rede und Gegenrede.
Im Grunde ähnelte die Situation derjenigen im Zeitalter Lessings und der Aufklärung: Man musste sich darüber klarwerden, wie eine neue Literatur der Gegenwart überhaupt aussehen könnte. Und dadurch bekam der Kritiker eine enorme Bedeutung. Es ging um etwas. Für das Zusammenspiel von Literatur und Literaturkritik konnten die emblematischen Zeilen stehen, die Günter Eich 1951 in seinem Hörspiel „Träume“ herausstellte, das die Verdrängung der NS-Zeit thematisiert: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“
Es ist auffällig, dass das für heutige Ohren eher fremd klingt, erkennbar von gestern. Denn die bundesdeutsche Literatur wuchs allmählich in eine prosperierende Wohlstandsgesellschaft hinein. 1979 erfand Hans Magnus Enzensberger, der immer als erster dran war, für seine Zeitschrift Transatlantik die ironisch-verspielte Rubrik „Journal des Luxus und der Moden“. Es galt, die neuen, vielfältigen Möglichkeiten des Konsums und der Individualisierung auszukosten. Die in den meisten Feuilletons zelebrierte Kulturkritik galt schnell als überholt. Sie wurde mit dem zur Mode gewordenen Schlagwort „Kulturpessimismus“ gleichgesetzt.
Die popkulturelle Wende jener Jahre wurde mit guten Gründen zunächst als eine Befreiung empfunden, es zählte die Lust an der Gegenwart. Neugegründete Zeitgeistmagazine wie Tempo oder Wiener brachten dieses Gefühl auf den Punkt, lösten das Leitbild der schlecht gelaunten Hippies ab und standen für Coolness.
Die zwei Pole der Popkultur
Manche Popexegeten machten allerdings schon früh darauf aufmerksam, dass die Popkultur zwei Pole hat: Da ist zum einen die Rebellion und zum anderen die ekstatische Affirmation des Bestehenden. Und der Markt vereinigt beides. Es ist frappierend, dass Mitte der Neunzigerjahre die Leiden eines Schweizer Millionärssohns an seiner Barbourjacke für eine ganze Generation identifikationsstiftend werden konnten.
Der Pop- und Magazinjournalismus entwickelte rasch eine Eigendynamik. Die Stars der neuen Medienszene waren der allwissende Reporter und der Kolumnist, der sein Ich absolut setzt und die Welt durch seinen auf Hochglanz polierten Spiegel wahrnimmt. Dieser primäre mediale Narzissmus hat sich flächendeckend durchgesetzt.
Mitte der Achtzigerjahre definierte der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth als erster die Kultur als einen „weichen Standortfaktor“ für die Wirtschaft. Das hatte Folgen. Innerhalb weniger Jahre entstand eine vielfältige Infrastruktur mit staatlichen Förderungen und Subventionen, Preisen und Stipendien, Workshops, Netzwerken und Festivals. Die deutsche Gegenwartsliteratur wird seitdem sehr verwöhnt. Die Professionalisierung wächst schneller als die Substanz. Und der Schriftsteller ist nicht mehr nur von Kritiken abhängig, er kann sich selbst vermarkten.
Euphorie der Gegenwart
In den neunziger Jahren, als die Euphorie der Gegenwart auf ihrem Höhepunkt war, entstanden neue Modewörter. Sie hießen „larmoyant“ oder „raunend“ und richteten sich gegen alles, was nicht präsent und eindeutig genug war – zu sehr im Dazwischen, zu schwebend, zu wenig übersetzbar in das aktuelle Mediengefühl. Das Wort „niedrigschwellig“ avancierte zum neuen Mantra der Kulturfunktionäre.
Es wird immer vorschnell mit „demokratisch“ verwechselt. Zum Feindbild einer neuen Klasse von Medien- und Kommunikationsexperten wurde das vermeintlich Abgehobene, allzu Voraussetzungsreiche, das schwer Verständliche – also schlechthin: das dezidiert Literarische.
2015 machte das Internetmagazin Perlentaucher eine Umfrage zur Literaturkritik. Der Gestus des Kunstrichters und Gatekeepers, so der Befund, entspreche nicht mehr den Gegebenheiten. Die Rolle des überkommenen Literaturkritikers übernehmen jetzt Kulturmanager, Literaturvermittler, Moderatoren und anderweitig Medienprominente. Sie sind die Schmiermittel des Betriebs – weit entfernt von Günter Eichs Sand im Getriebe.
Kritik – das ist eine Störung des Betriebsablaufs. Als viel passgenauer gelten Kernsätze von Amazon-Rezensionen wie: man habe das „gern gelesen“, oder es sei so „furchtbar spannend“. Es ist auffällig, dass man im Politikjournalismus vor populistischen Vereinfachungen warnt – aber im Kulturjournalismus, bei vielen Bloggern und BookTokkern, ist Populismus so etwas wie die Geschäftsgrundlage.
Seit jeher haben sich nachdenkliche Köpfe darüber beklagt, dass viel mehr Gedichte geschrieben als gelesen werden. Heute trifft das auf etliche Internetaktivisten zu: zweiminütige Kurzvideos auf dem Sofa, emotional und selbstgewiss. Das Medium ist die Botschaft. Doch wer sich nur für die Gegenwart interessiert, versteht auch die Gegenwart nicht.
Kritik und Konsumforschung
Es gibt herausragende zeitgenössische Autoren, die nicht hinter das zurückfallen möchten, was William Faulkner, Ingeborg Bachmann oder Uwe Johnson entwickelt haben, um ästhetische Formen für ein zeitgenössisches Bewusstsein zu finden. Sie haben es naturgemäß schwerer, wenn der literarische Populismus stärker wird. Und auch die Zeit der schriftlich ausformulierten, differenzierten Literaturkritik, auf die solche Autoren angewiesen sind, sei vorbei – sagen die Medienexperten oder das, was die Chefredakteure und Programmdirektoren dafür halten.
Empirische Daten über das „Publikum“ scheinen das zu bestätigen. Das „Publikum“ an sich gibt es aber nicht, es ist in erster Linie ein ideologisches Konstrukt. Mit Statistiken kommt man bei Literatur und Literaturkritik nicht weit. Es ist vollkommen verfehlt, sie mit den Mitteln der Konsumforschung erfassen zu wollen. Wer Genuss daran hat, einen Bordeaux von einem Burgunder zu unterscheiden, wird sich nicht mehr mit Liebfrauenmilch zufriedengeben. Und eine Literatur, die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben. Dann geht es letztlich um nichts mehr.
Literatur als Kunst kann provozieren. Sie stößt in Leerstellen vor, in das Mehrdeutige und Unheimliche. Sie entzieht sich den Begriffen und schafft eine Form von Erkenntnis, die überrumpelnd und auf unbekannte Art erhellend ist. Dazu gehören Rhythmus und Form, dazu gehört Sprache als Übersetzung bisher nicht wahrgenommener Bilder.
Literatur lebt davon, dass ein anfängliches Nicht-Verstehen produktiv sein kann, und dasselbe gilt auch für die Literaturkritik. Sätze wie: „Das verstehe ich nicht“, oder: „Ich fühle mich da nicht abgeholt“, die oft ganz selbstverständlich als Argument benutzt werden, verweigern sich den schönsten Erlebnissen, die man haben kann.
Marcel Proust war bekanntlich auch ein großer Literaturkritiker, und am Ende seines Großromans über die verlorene Zeit spricht er vom „trügerischen Charakter der angeblich realistischen Kunst“. Sie sei „verlogen“, weil sie dem, „was wir fühlen, einen Ausdruck“ gebe, der den Gefühlen keineswegs entspreche, „den wir aber nach kurzer Zeit für die Wirklichkeit halten“.
Proust steht dafür, dass Literaturkritik nichts mit einem gemeinen Rezensionswesen zu tun hat, mit Daumen hoch und Daumen runter. Ein wahrer Kritiker schreibt nicht nur Rezensionen. Er ist ein Essayist, der die flirrende Zone ausmisst, die von der Kunst ausgeht und sich in ihren Raum hinein bewegt.
Dieser Text ist eine bearbeitete und gekürzte Version der Dankesrede, die der Autor gehalten hat, als ihm am 24. Oktober von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt der Johann-Heinrich-Merck-Preis für Literaturkritik verliehen wurde.
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