Schulze gegen Schulze - die Revolte der CDU-Basis
Christoph Schulze von der CDU wägt seine Worte sorgfältig, bevor er spricht am Telefon, sagt dann auf die Frage, wie seine Stimmung ist: "Deprimiert fühle ich mich. Mit ein bisschen Wut. Unverständnis." Und ganz wichtig: "So wie es ist, kann es nicht bleiben."
Deshalb hat sich der CDU-Bürgermeister von Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt kurz vor seinem Italien-Urlaub vor zwei Wochen hingesetzt und einen offenen Brief an den noch amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze und den Kreisvorsitzenden der CDU-Saalekreis geschrieben: Allen Frust einmal zu Papier gebracht, dann veröffentlicht, dann ins italienische Ravenna gefahren. Keine langwierige Abstimmung, kein braves Durchreichen des Briefs von unten nach oben. Einfach raus damit. "Das haben wir so noch nie gemacht", sagt der 39-Jährige.
CDU-Parteibasis kritisiert Sven Schulze: Brauchen unverbrauchte Köpfe
Er und seine Mitstreiter aus dem Stadtverband haben viele Gespräche an der Basis geführt nach der schweren Wahlniederlage im September und fordern nun nicht weniger als einen radikalen Neuanfang: "Die CDU Sachsen-Anhalt braucht junge und unverbrauchte Köpfe", sagt Schulze über Schulze: "Erst das Land, dann die Partei und dann die Person, die das Mandat innehat. So muss es sein!"
Zur schweren CDU-Niederlage bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Über die schwierige Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt sowie über den Reformbedarf moderner demokratischer Institutionen.
02.10.2026 | 75:29 minStattdessen ist da Sven Schulze, der den Vorschlag mache, dass alle CDU-Landtagsabgeordneten den Plenarsaal verlassen sollten bei der geheimen Wahl zum Ministerpräsidenten: "Es kann doch nicht der Volkswille sein, dass sich Abgeordnete von Wahlen fernhalten. Man läuft doch nicht davon!", sagt Christoph Schulze. Also schreibt Schulze an Schulze:
Den Plenarsaal bei einer geheimen Wahl zu verlassen, gleicht einer unverantwortlichen Flucht. Auf solche peinlichen Spielchen sollte lieber verzichtet werden!
Christoph Schulze (CDU), Bürgermeister Bad Dürrenberg
Es sei ja richtig, dass die AfD vom sachsen-anhaltischen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft werde, "aber die Mehrheitsverhältnisse sind eben so, wie sie sind", sagt er.
Es gehe bei der Sondersitzung von AfD und BSW "ausschließlich um eine Show, die sie hier machen, eine Sondersitzung herbeizuführen für ein Thema" für das das Land Sachsen-Anhalt "keine Kompetenz" habe, so Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU).
14.10.2026 | 6:16 minCDU-Bürgermeister hält Brandmauer für undemokratisch
Auf kommunaler Ebene redeten auch alle miteinander, bei Themen die alle angehen - egal aus welcher Partei. "Das Konzept der Brandmauer ist krachend gescheitert und hat die CDU in eine Sackgasse manövriert," schreibt Schulze an Schulze weiter. Sie sei "undemokratisch". Das sei das Ergebnis aus Gesprächen mit vielen CDU-Wählern an der Basis, so Christoph Schulze: "So haben die uns das gespiegelt." Als gewählter Volksvertreter müsse man dem Rechnung tragen.
Für Unmut sorgt auch der Vorschlag der eidesstattlichen Versicherung, die der CDU-Landtagsabgeordnete Ulrich Thomas bei einer internen Fraktionssitzung eingebracht hat. Darin sollten alle Landtagsabgeordneten an Eides statt versichern, nicht für die AfD-Politiker Tobias Rausch und Hans-Thomas Tillschneider gestimmt und keine Absprachen mit der AfD getroffen zu haben. Und weiter: "Sollte bewiesen werden, dass es anders als erklärt ist, stelle ich unverzüglich mein Mandat zur Verfügung".
Eidesstattliche Versicherung: "Nur noch zum Fremdschämen"
Ob der CDUler Christoph Schulze am Telefon darüber den Kopf schüttelt, lässt sich nur vermuten. Fakt ist: Die Wahl zum Landtagspräsidenten war geheim, Abgeordnete sind frei und nur ihrem Gewissen unterworfen. Wie soll man jemandem im Nachhinein beweisen, dass er doch für Rausch und Tillschneider gestimmt hat, fragen sich einige in der CDU.
Die CDU-Fraktion will heute darüber abstimmen, ob sie bei der Ministerpräsidentenwahl von AfD-Mann Siegmund im Dezember geschlossen den Plenarsaal verlassen wird.
13.10.2026 | 1:53 min"Nur noch zum Fremdschämen" sei das mit dieser eidesstattlichen Versicherung so der langjährige CDU-Landrat im Landkreis Harz Thomas Balcerowski der Magdeburger "Volksstimme" und: "Ich lege allen nahe, zurückzutreten".
Ein Rücktritt der gesamten CDU-Fraktionsspitze? Was sein CDU-Parteifreund im Harz fordere sei klar "Sache der Fraktion", sagt Christoph Schulze.
Sachsen-Anhalt: CDU-Fraktion berät über Sven Schulze
Diese tritt heute Nachmittag erst einmal im Magdeburger Landtag mit Sven Schulze zusammen. Seine Personalie als Noch-Parteichef, Ministerpräsident und Fraktionsvorsitzender dürften Themen sein. Und die Frage, ob der Machtkampf, der seit Wochen in der Partei tobt, offen ausbricht vor dem Landesparteitag der CDU am 5. Dezember.
Allein das Datum sorgt schon für Empörung bei Matthias Winkelmann, Goldschmied in dritter Generation und CDU-Stadtrat in Wernigerode: "Am zweiten Advent? Wir stehen als CDU für konservative Werte. Da ist man mit der Familie zusammen". Seit 2014 ist er in der CDU und "stinksauer". Ein CDUler nach dem anderen trete aus. Ein Interview mit dem Mitgliederbeauftragten kann er leider nicht vermitteln, er ist ausgetreten. "Na und das Sahnehäubchen ist diese Landtagsfraktion." Die solle den Mumm haben, sich den Journalistenfragen zu stellen und geschlossen im Saal bleiben, sagt er. Darüber werde zu reden sein beim Parteitag.
Der 6. Oktober 2026 war historisch: AfD-Politiker Tobias Rausch wurde zum Landtagspräsidenten gewählt, als Vertreter ein Partei, die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft ist.
13.10.2026 | 11:33 minIn einem Brief von Sven Schulze Ende Oktober an seine Parteifreunde, der dem ZDF vorliegt, räumt Schulze erstmals eigene Fehler ein: "Wir haben die Stimmung im Land und das Ausmaß der Unzufriedenheit unterschätzt." Aber was heißt das nun?
Das fragt sich auch Christoph Schulze aus Bad Dürrenberg. Schulze will Antworten von Schulze, habe aber noch keine bekommen. Noch habe ihm niemand persönlich auf seinen Brief zurückgeschrieben. "Das überrascht mich nicht", sagt er.
Über die Wahl in Sachsen-Anhalt berichteten verschiedene Sendungen, etwa das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 14.10.2026 ab 05:30 Uhr sowie frontal am 13.10.2026 um 21 Uhr.
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