Baku verloren, Reife gewonnen: Ausgerechnet als lahme "Oma" zeigt Antonelli, warum er Weltmeister wird

Ausgerechnet als lahme "Oma" zeigt Antonelli, warum er Weltmeister wird
Von Martin Armbruster
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28.09.2026 | 12:10 Uhr
George Russell macht WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli in Baku nass und greift psychospielerisch nach dem letzten Strohhalm im Titelkampf. Allerdings zeigt sein Rivale ausgerechnet mit dem "schlechtesten Wochenende der Saison", warum er Weltmeister wird.
George Russell hat ein genussvolles Grand-Prix-Wochenende hinter sich. Auf dem Stadtkurs von Baku fuhr er seinem Mercedes-Rivalen Kimi Antonelli beim Aserbaidschan-GP vom ersten Training bis zum Rennen am Samstagnachmittag um die Ohren. Russell legte endlich die Dominanz an den Tag, die er selbst von sich erwartet, und mit der nach seinem Auftaktsieg im März in Melbourne auch die Allermeisten gerechnet hatten. Dass der 28-Jährige kurz vor der Zielflagge zudem eisern die Nerven bewahrte und den im Red Bull anstürmenden Max Verstappen hinter sich hielt, war zusätzliches Balsam auf Russells Rennfahrer-Seele. Was hatte der Brite in den vergangenen Wochen und Monaten nicht alles lesen und hören müssen? Antonelli habe ihm bei den Silberpfeilen das Wasser abgegraben. Russell, so der Tenor vieler Experten, sei nur noch die Nummer zwei im deutsch-britischen Werksteam. Ralf Schumacher bemühte gar das für Formel-1-Fahrer unerträgliche Wort "Wingman".
Der Engländer zelebrierte seinen dritten Saisonsieg entsprechend. Es sei ihm schwergefallen, seinen Fahrstil an die Boliden der neuen Formel-1-Generation anzupassen, gab Russell am Kaspischen Meer zu Protokoll. "Ich vergleiche das gerne mit dem Golfsport: Wenn du da deinen Schwung ändern willst, gehst du auf den Platz und übst, übst, übst. Wir dürfen das nicht. Wir müssen am Grand-Prix-Wochenende üben, im Qualifying und im Rennen", erläuterte er seine Probleme. Nun aber sei er bereit für die "Crunch Time", die entscheidende Phase der Saison.
Nun ist es so, dass Russell auf dem Papier noch immer die Nummer zwei ist - in der Fahrer-WM wie bei Mercedes. Das hält ihn aber nicht davon ab, die handelsüblichen Psychospielchen gegen Spitzenreiter Antonelli zu eröffnen. Er jage gar nicht die WM-Führung, beteuerte Russell, "ich jage jeden einzelnen Sieg, und was dann kommt, werden wir sehen", ließ der Mann aus Norfolk wissen. Er habe jedenfalls viel weniger Druck als sein 20-jähriger Garagen-Nachbar. Die Botschaft: Du, lieber Kimi, kannst ab sofort nur noch verlieren, ich dagegen nur noch gewinnen.
Antonelli beweist hohen Renn-IQ
Das ist alles schön und gut. Fakt ist aber, dass Antonelli noch immer einen gewaltigen Vorsprung von 66 Punkten hat. Ja, in Baku hat er 15 Zähler auf Russell verloren. Aber er hat auch etwas ganz Entscheidendes nachgewiesen: WM-Reife. Talent, Speed, Abgezocktheit - all das hat Antonelli diese Saison eindrucksvoll offenbart. Bei seinem Heimspiel in Monza raste er von Startplatz 19 zum Sieg, schnupfte dabei kurz vor Ende des Grand Prix im italienischen Vollgastempel den von der Pole-Position losgerollten Russell auf. Ein eindrucksvolles Zeugnis dessen, was in Antonelli und dem Mercedes steckt. In Baku zeigte der Bub aus Bologna nun, dass er nicht nur kaltblütig, sondern auch clever kann. Und so ist Antonellis biederer fünfter Platz bei aller Russell-Euphorie am Ende doch eine Absage an die ohnehin geringen WM-Hoffnungen des Briten.
"Es war mein mit Abstand schwächstes Wochenende des Jahres, ich war einfach nicht präsent", beorderte sich Antonelli nach dem Rennen zwar auf die Anklagebank. Wie "meine Oma" sei er gefahren, "immer einen Schritt hinterhergelaufen". Er sagte aber auch: "Es ging eigentlich nur um Schadensbegrenzung." Der springende Punkt.
"Weltmeisterschaften gewinnt man auch mit Kalkül"
Genau eine solche Schadensbegrenzung muss ein Formel-1-Pilot, der die Weltmeisterschaft anführt, beherrschen, wenn es einmal nicht rund läuft. In Baku hatte Antonelli seinen Silberpfeil im Freitags-Qualifying ramponiert und so die letzte Runde der Zeitenjagd verpasst. Startplatz 16 war die bittere Konsequenz. Auf der Strecke, die mit ihren engen Ecken nur so zu Patzern und Unfällen einlädt, bewahrte er im Rennen dann aber komplett die Ruhe. Genau das spricht sehr für Antonelli. Er blieb cool, als er einen Stotterstart hinlegte. Wurde nicht hektisch, als er in der Anfangsphase nicht spielerisch leicht durchs Feld pflügte wie in Monza. War zur Stelle, als andere Fehler machten - und maximierte so sein Ergebnis.
"Ich muss jetzt sicherstellen, dass ich nächstes Wochenende wieder auf meinem normalen Level bin", ermahnte sich Antonelli am Sky-Mikrofon, während Russell den Champagner des Siegers trank. Es spricht wenig dafür, dass ihm das nicht gelingt. Und es wenn doch mal hapert, weiß Antonelli seit Samstag, dass er auch dann Weltmeister wird, wenn er einfach ruhig bleibt und das Köpfchen einschaltet. Oder wie der "Corriere della Sera" konstatierte: "Weltmeisterschaften gewinnt man auch mit Kalkül."
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