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Saturday, November 7, 2026

Volkswagen in Brasilien: Verkauft, bewacht, ausgebeutet

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Während der Militärdiktatur wurden Arbeiter der Volkswagen do Brasil auf einer Farm unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten. Die damals Entrechteten wehren sich heute.

Raul Batista de Souza erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er erfuhr, dass er verkauft worden war. Der heute 68-jährige Landarbeiter aus dem Norden Brasiliens wollte die Farm verlassen, auf der er seit Monaten ohne Lohn arbeitete. Doch der Vorarbeiter hielt ihn auf. „Du kommst hier erst weg, wenn du mir zurückgezahlt hast, was ich für dich ausgegeben habe, als ich dich gekauft habe.“

Das war 1986. De Souza und eine kleine Gruppe von Arbeitern waren für die Farm, der Companhia Vale do Rio Cristalino, „gekauft“ worden. Das riesige Holz- und Viehzuchtunternehmen lag im Süden des brasilianischen Bundesstaates Pará im Amazonasgebiet. Volkswagen do Brasil war an der Gesellschaft beteiligt.

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De Souza war in Porto Nacional im Bundesstaat Tocantins angeworben worden, rund 500 Kilometer entfernt. Er sollte für das damals größte Unternehmen Brasiliens arbeiten. Versprochen wurden ihm gute Verdienstmöglichkeiten bei der Rodung des Regenwaldes und der Anlage von Weideflächen.

Doch vor Ort erwartete ihn eine andere Realität. De Souza musste ohne Pausen und ohne Bezahlung arbeiten. Trinkwasser und Toiletten gab es nicht. Bewaffnete Sicherheitskräfte überwachten die Arbeiter, und durch fingierte Schulden konnten sie die Farm nicht verlassen. In Brasilien wird diese Form der Ausbeutung als moderne Sklaverei bezeichnet.

Kampf vor Gericht

Fast 40 Jahre später gehört de Souza zu den vier ehemaligen Arbeitern, die im Juni vor einem brasilianischen Gericht Entschädigungszahlungen gegen das Unternehmen erstritten haben. Jedem von ihnen wurden umgerechnet rund 338.000 Euro zugesprochen. Zwei weitere ehemalige Arbeiter haben Volkswagen ebenfalls verklagt und warten noch auf eine Entscheidung. Der Automobilkonzern bestreitet jede Verantwortung und hat gegen die Urteile Berufung bei höheren Gerichtsinstanzen eingelegt.

Wegen des Vorfalls wurde Volkswagen do Brasil bereits in einem anderen Verfahren verurteilt. Auf Klage der Staatsanwaltschaft für Arbeitsrecht muss das Unternehmen umgerechnet rund 28 Millionen Euro Entschädigung für kollektive immaterielle Schäden zahlen. Außerdem muss es öffentlich um Entschuldigung bitten und weitere Auflagen erfüllen. Auch gegen dieses Urteil geht der Konzern vor.

Auf Anfrage der taz erklärte Volkswagen do Brasil, man äußere sich nicht zu laufenden Gerichtsverfahren. In einer Stellungnahme betonte das Unternehmen, seit 73 Jahren in Brasilien tätig zu sein und dabei die brasilianischen Gesetze und Menschenrechte „uneingeschränkt“ zu respektieren. „Das Unternehmen verurteilt jede Form von Zwangsarbeit, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen oder sklavenähnlicher Ausbeutung und bekräftigt sein langjähriges Engagement für ein menschenwürdiges Arbeitsumfeld“, hieß es.

Kind der Militärdiktatur

Die Companhia Vale do Rio Cristalino wurde 1974 gegründet beziehungsweise erworben. Möglich wurde das Vorhaben durch Steuervergünstigungen und günstige Kredite, die das brasilianische Militärregime (1964–1986) dem deutschen Automobilkonzern gewährte. Ihr heutiger Gegenwert wird auf rund 84 Millionen Euro geschätzt.

Die Investition war Teil eines Plans der Militärregierung, die Viehzucht in Amazonien auszubauen. Eine besondere Herausforderung war dabei die enorme Größe der Grundstücke in Gebieten, die noch weitgehend von tropischem Regenwald bedeckt waren.

Die Farm umfasste 139.000 Hektar – eineinhalbmal so viel Fläche wie die Stadt Berlin. Das Gelände wurde von Hunderten Kilometern Straßen durchzogen. Mehr als 300 direkte Angestellte kümmerten sich um die Verwaltung und die Tiere. Hinzu kamen Sicherheitskräfte und Viehtreiber, die das Gelände überwachten.

Schufterei trotz Krankheit

Die Arbeiter in den Rodungstrupps, zu denen auch de Souza gehörte, hatten dagegen keine regulären Arbeitsverträge. Nach ihrer Ankunft wurden sie in die Waldgebiete geschickt. Dort mussten sie ihre Unterkünfte selbst bauen: einfache Hütten aus Planen. „Ich hatte vorher noch nie einen Baum gefällt. Damals gab es keine Motorsägen. Wir haben die Bäume mit Äxten gefällt“, erzählt Pedro Valdo Vasconcelos, 61 Jahre alt und ebenfalls Kläger gegen Volkswagen.

Werkzeuge, Arbeitskleidung und Lebensmittel stellte das Unternehmen nicht zur Verfügung. Stattdessen mussten die Arbeiter alles in einer Kantine auf dem Gelände kaufen. Diese wurde vom Vorarbeiter kontrolliert und verlangte überhöhte Preise. Die Ausgaben wurden in einem Heft notiert und später vom Lohn abgezogen. Dasselbe galt für die Kosten der Anreise. „Wenn wir unser Geld haben wollten, stellten wir fest, dass wir noch mehr Schulden hatten“, erinnert sich de Souza.

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Die Arbeiter berichten, dass sie sogar das Mittel zur Behandlung von Malaria selbst bezahlen mussten. Die Krankheit ist im Amazonasgebiet weitverbreitet und kann Erkrankte für längere Zeit außer Gefecht setzen. „Bei VW gab es keinen freien Tag. Wir haben sogar sonntags gearbeitet, auch wenn wir krank waren“, erzählt de Souza.

Einige Arbeiter versuchten zu fliehen. Doch die Männer des Vorarbeiters verfolgten und ergriffen sie. Häufig wurden die Geflüchteten misshandelt, um den anderen ein abschreckendes Beispiel zu geben.

Volkswagen weist Verantwortung zurück

In den Gerichtsverfahren argumentiert Volkswagen, für die Ausbeutung nicht verantwortlich gewesen zu sein. Bei einer Anhörung im Mai 2025 erklärte ein Unternehmensvertreter, der Konzern habe nichts von den Arbeitsbedingungen der Landarbeiter gewusst. Das gelte auch für Misshandlungen, Erkrankungen, Todesfälle, überlange Arbeitszeiten und die Kantine.

Die Companhia Vale do Rio Cristalino habe keine direkten Arbeitsverträge mit den Landarbeitern abgeschlossen, sondern mit Subunternehmen beziehungsweise Auftragnehmern. Das sei auch bei anderen Farmen in der Region üblich gewesen. „Volkswagen hat alle Hinweise auf Unregelmäßigkeiten untersucht, konnte diese jedoch nicht feststellen und bestätigen“, sagte der Unternehmensvertreter.

Im Prozess wurden die Aussagen der Arbeiter allerdings mit zeitgenössischen Dokumenten abgeglichen. Darunter waren Funktelegramme und Mitteilungen von Behördenvertretern an staatliche Stellen, die auf Sklavenarbeit, das Festhalten von Arbeitern und Schuldknechtschaft auf der Vale do Rio Cristalino hinwiesen.

Raul Batista de Souza musste fliehen, um seine Freiheit zurückzuerlangen. Nachdem er vom Vermittler der Volkswagen-Farm verkauft worden war, erlebte er dieselbe Ausbeutung auf einer zweiten Farm. „Um wegzukommen, bin ich geflohen. Neun Tage lang war ich im Wald unterwegs.“ Die Gerichtsentscheidungen empfindet er als Erleichterung. „Ich habe das Gefühl, dass Gerechtigkeit geschehen ist.“

Diego Junqueira ist Journalist aus Brasilien und arbeitet für das Investigativmedium Repórter Brasil.

Übersetzung aus dem Portugiesischen Niklas Franzen

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