Stellenabbau bei Tamedia: Menschengemachter Journalismus in der Krise

Der Schweizer Medienkonzern Tamedia entlässt reihenweise Journalist:innen und setzt immer mehr auf KI. Das wird intern als auch extern kritisiert.
Foto: Michael Schmid/Keystone/picture alliance
Nora Zukker, Kultur- und Literaturredakteurin der Zürcher Tageszeitung Tages-Anzeiger und mehrfach ausgezeichnete Kulturjournalistin, befindet sich gerade in einem unbezahlten Urlaub. Im Januar 2027 sollte sie auf ihre Stelle zurückkehren. Am vergangenen Dienstag nahm sie an einer Protestaktion gegen ihren Arbeitgeber teil: Grund ist ein jüngst verkündeter Stellenabbau beim Verlagshaus Tamedia, zu dem neben dem Tages-Anzeiger auch die Basler Zeitung gehören.
Der Abbau umfasst konzernweit 41 Stellen. Tamedia beschäftigt in der ganzen Schweiz rund 1.300 Mitarbeitende. Protest und Empörung sind bei Zukker und Kolleg:innen auch deshalb groß, „weil uns eine Vision fehlt, eine Idee für den Journalismus der Zukunft“, zitiert Zukker eine ihrer Kolleginnen. Es sei bereits die siebte Abbaurunde innerhalb von sechs Jahren. Zuletzt galt ein bis Ende September 2026 vereinbarter Entlassungsstopp für Journalist:innen. Fünf Tage nach Ablauf des Stopps wurden die neuen Kündigungen ausgesprochen.
Auch Zukker erhält eine Einladung zum Gespräch. In diesem folgt die „Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen“. Der eigentliche Schock sei für sie jedoch nicht der Verlust ihrer Stelle, sondern dass der „traditionsreiche“ Tages-Anzeiger keine eigene Kulturredaktion mehr habe. Denn zusammen mit Zukker verlieren weitere Personen ihre Stellen in der Kultur.
Der Tages-Anzeiger begründet die 41 Entlassungen in einer Mitteilung mit dem Druck, der auf der Medienbranche laste, etwa dadurch, dass sich die Nutzung auf digitale Plattformen verlagert: „Unsere Einnahmen und unsere heutige Organisation passen nicht mehr zusammen.“ Allerdings, sagt Zukker, passe das nicht recht zusammen mit den Gewinnen, die Tamedia nach wie vor erzielt. 2025 lag die Gewinnmarge bei 3 Prozent. Das Unternehmen setzt sich aber das Ziel von 8 bis 10 Prozent, statt in den Journalismus zu investieren.
Bis zu 95 Prozent KI-Anteil
Der Stellenabbau ist nur eine Seite der Umgestaltung beim Verlagshaus Tamedia. Zugleich setzt das Medienhaus verstärkt auf künstliche Intelligenz und gerät auch damit in die Kritik. Die linke Zürcher Wochenzeitung WOZ schrieb im März dieses Jahres, dass das KI-Reglement von Tamedia besage, dass in jedem Text, der im Tages-Anzeiger sowie anderen Medien des Verlags erscheine, die KI mitschreiben dürfe – in den meisten Fällen ohne Ausweisung. Des Weiteren habe die KI-Chefin von Tamedia, Nadia Kohler, „verdutzten“ Journalist:innen verkündet, dass selbst Texte mit einem KI-Anteil von bis zu 95 Prozent für Leser:innen nicht gekennzeichnet werden müssten.
Tamedia schreibt dazu auf Anfrage der taz, dass sich die 95 Prozent auf die mögliche Unterstützung durch KI im Arbeitsprozess beziehe, etwa bei Recherche, Strukturierung oder Formulierungsvorschlägen, nicht auf den Anteil eines Textes, der von KI geschrieben werde. Texte, die komplett von KI erstellt werden, etwa hyperlokale Meldungen auf Basis von Gemeindemitteilungen, würden gegenüber dem Publikum ausgewiesen. Den unterstützenden Einsatz kennzeichne man hingegen nicht bei jedem Artikel.
Der an der Universität Luzern lehrende Ethikprofessor Peter G. Kirchschläger, der auch den Papst zu KI berät und Gastprofessor an der ETH Zürich ist, warnt im Gespräch mit der taz vor den Folgen von „datenbasierten Systemen“ im Journalismus. Ihr Einsatz berge Risiken für Medienschaffende und Publikum.
Die Liste von Gefahren ist für Kirchschläger lang: Journalist:innen können ihr Berufsethos schwerer wahren. Die Systeme generieren ohne Achtung des Wahrheitskriteriums Inhalte und reproduzieren vor allem Bekanntes. Deshalb vergleicht Kirchschläger sie mit einer „wiederkäuenden Kuh“: Wirklich Neues entstehe kaum. Zugleich drohe sich das menschliche Denken an generierte Inhalte anzupassen, wodurch der öffentliche Diskurs verarme und damit auch ein zentraler Bestandteil der Demokratie.
Unbemerkte Manipulationen
Auch konzentriere sich die technische Infrastruktur in den Händen weniger großer US-amerikanischer und chinesischer Konzerne. „Sollen ausgerechnet sie den politischen und öffentlichen Diskurs prägen?“, fragt Kirchschläger und warnt davor, dass Manipulationen unbemerkt bleiben: „Man kann zwar kritisch denken, Dinge hinterfragen und überprüfen – aber diese Manipulationen sind so subtil, dass ich oft nicht merke, dass das mit mir passiert.“
Hinzu kommt, dass beim Training von KI die Qualität der Daten keine Rolle spielt und beispielsweise datenbasierte Systeme seriöse Medien und rechtsextreme Publikationen gleichermaßen als Grundlage verwenden. Für Kirchschläger ist das unzulässig. Zahlreiche Systeme verletzten zudem Urheber-, Daten- und Persönlichkeitsrechte. Problematisch bleibe auch ihr hoher Ressourcenverbrauch.
Transparenz wäre die notwendige Bedingung dafür, dass ich mich mit diesen Texten besonders kritisch auseinandersetzen und sie besonders kritisch hinterfragen könnte.
Ethikprofessor Peter G. Kirchschläger
Angesichts dieser Risiken wird die Kennzeichnung von KI-Inhalten zur zentralen Frage. Tamedias Ankündigung, auch einen starken KI-Einsatz nicht kennzeichnen zu müssen, sei für Leser:innen gravierend, sagt Kirchschläger. „Transparenz wäre die notwendige Bedingung dafür, dass ich mich mit diesen Texten besonders kritisch auseinandersetzen und sie besonders kritisch hinterfragen könnte.“
Der intransparente und ungebremste Einsatz von KI bei Tamedia beschäftigt auch die Kulturjournalistin Nora Zukker. Natürlich seien Programme zur Transkription von Interviews, für Übersetzungen oder für Recherchen ein großer Vorteil in den Redaktionen. „Aber wenn ich mit Salman Rushdie ein Interview führe, braucht es kritische Nachfragen, Einordnung und ein Gespür für Zwischentöne – das kann keine KI leisten“, sagt Zukker.
Medienvielfalt und Qualität stärken Demokratie
Für Kirchschläger verweist die Kritik an Tamedia auch auf ein strukturelles Problem: die Finanzierung von Medienvielfalt und Qualitätsjournalismus. Kritik an Tamedia und weiteren Medien sei legitim, weil der KI-Einsatz aus ethischer Sicht sehr problematisch sein könne. Gleichzeitig müsse man erkennen, dass es im Finanzierungsbereich von Medien ein grundsätzliches Problem gebe.
„Deshalb müssen wir über staatliche Förderung nachdenken – im Bewusstsein, dass Medienvielfalt und Qualität zu einer funktionierenden Demokratie beitragen.“ Derzeit, sagt Kirchschläger, habe er allerdings „leider eher den Eindruck, dass viele Dinge in Bezug auf die Medienlandschaft viel schneller in Ordnung gebracht werden müssten“.
Neben der Finanzierung braucht es klare Regeln für den Einsatz der Technologie. Kirchschläger plädiert deshalb für einen sehr zurückhaltenden Umgang mit KI. Medienhäuser in der Schweiz und in Deutschland gehen damit sehr unterschiedlich um. Manche würden die Technologie aus rein ökonomischen Gründen zu unkritisch einsetzen. Dadurch würden journalistische Standards aufgeweicht oder untergraben und Risiken für die Demokratie geschaffen. Zudem müsse gewährleistet sein, dass beim Training weder Persönlichkeits- noch Urheberrechte verletzt werden.
Sinnvoll, sagt Kirschläger weiter, sei der Einsatz von KI dort, wo sie Menschen deutlich überlegen sei, etwa beim Auswerten riesiger Datenmengen wie der Epstein-Akten. Medienhäuser sollten an einer menschenrechtsbasierten Regulierung von KI und an der Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO zur Durchsetzung der globalen Regulierung mitwirken und selbst davon profitieren.
Wo hingegen zwischenmenschliche Interaktion, soziale Intelligenz oder ethische Entscheidungen gefragt sind, sollten Menschen am Steuer bleiben. Also im Wesentlichen so, wie Zukker die Technologie einsetzt. Sie plädiert weiterhin für einen menschengemachten Journalismus, auch im Kulturteil: Wenn man schon das Glück habe, „in einer funktionierenden Demokratie mit freien Medien zu leben, haben Journalist:innen den Auftrag, mit kritischen und starken Texten Orientierung zu bieten“. KI würde ja nur bestehende Inhalte und Meinungen reproduzieren.
Studie zu KI-Quellenauswahl Guten Abend, hier ist die KI-Schau
Nachrichten, präsentiert von ChatGPT & Co., beeinflussen die öffentliche Meinungsbildung. Expert*innen warnen und fordern mehr Transparenz.
Von Selina Hellfritsch
Italienischer Chefredakteur über KI „Künstliche Intelligenz ist wie ein Scharfschütze“
Die italienische Tageszeitung „Il Foglio“ veröffentlicht seit 2025 KI-generierte Texte in der gedruckten Ausgabe. Der Chefredakteur erklärt, warum.
Interview von Ambros Waibel
#MeToo in der Schweiz Gegen die Machomedia
Mitarbeiterinnen des Schweizer Medienhauses Tamedia protestieren gegen Sexismus in den Redaktionen. Es ist nicht der erste Fall im Land.
Von Çiğdem Akyol
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.