Philosophisches Streitgespräch – Darf ich wirklich nicht mehr fliegen?

Benjamin: Ich fliege demnächst nach Kolumbien und freue mich schon riesig. Aber du, Barbara, willst mir ein schlechtes Gewissen machen, weil ich mit dem Flug zum Klimawandel beitrage. Dabei macht es keinen relevanten Unterschied, ob ich fliege oder nicht.
Benjamin Küntzel
Benjamin Küntzel hat Philosophie studiert und ist bei SRF Praktikant für die Sendung «Sternstunde Philosophie».
Barbara: Ich will dir kein schlechtes Gewissen machen. Habe ich dir nicht als erstes geschrieben, wie ich mich für dich freue? Wenn schon fliegen, finde ich genau das richtig: Alle paar Jahre einen Langstreckenflug buchen, um für längere Zeit zu reisen. Aber dein Argument, dass es keinen relevanten Unterschied macht, ob du fliegst oder nicht, ist nicht stichhaltig.
Barbara Bleisch
Barbara Bleisch ist Philosophin und moderiert bei SRF die Sendung «Sternstunde Philosophie» und ihren Podcast «Zimmer 42». Gemeinsam mit vier anderen Philosophen hat sie zur Klimadebatte anfangs 2026 das Buch «Besser um die Zukunft streiten» veröffentlicht.
Warum? Das Flugzeug fliegt ja ohnehin, ob mit oder ohne mich.
Schon mal von Vorbildfunktion gehört? Von der Macht der Konsumenten? Das Flugaufkommen ist auf einem historischen Höchststand. Mit jedem Flug tragen wir zur Normalisierung von etwas bei, was die Ausnahme bleiben sollte.
Genau diese Frage nach der Vorbildfunktion stört mich. Ist deine Erwartung, dass jedes Individuum moralisch einwandfrei handeln soll? Erfüllst du denn deine Vorbildfunktion? Du lädst Gäste in deine Sendung ein, die daraufhin nach Zürich fliegen. Vielleicht können wir uns einigen: Konsequentialistisch – also allein mit Blick auf die Folgen – wirst du diesen Streit nicht gewinnen.
Ein Vorbild muss nicht moralisch perfekt sein, moralische Heilige gibt es nicht. Aber ich finde es richtig, mich zu fragen, wie sich mein Handeln auf andere auswirkt, und – wo möglich – meine CO₂‑Emissionen zu drosseln. Ich gehe aber einig mit dir: Es zählen für die Bewertung einer Handlung nicht allein die Folgen. Wenn ich meine Steuern nicht bezahle, macht das zwar keinen relevanten Unterschied fürs Staatsbudget. Es ist aber ein Gebot der Fairness, meinen Anteil zu leisten.
Ja, Steuern zu zahlen, finde ich ein gutes Beispiel. Aber der Vergleich zum Klima hinkt. Es ist nicht nur ein Gebot der Fairness, meinen Anteil zu zahlen, sondern meine Pflicht, um mich nicht strafbar zu machen. Es gibt schliesslich Steuergesetze. Vergleichbare Gesetze gibt es nicht für den CO₂‑Ausstoss. Ich finde ja, das sollte sich ändern. Daher ist es gut, für Gesetzesänderungen zu demonstrieren und wählen zu gehen.
Auch da bin ich einverstanden: Ohne gesetzliche Vorgaben wird sich nichts ändern. Aber bist du wirklich nur bereit, dich zu bemühen, wenn der Staat es dir vorschreibt? Bist du auch einer von denen, der seinen Müll rumliegen lässt, wenn es kein offizielles Littering-Verbot gibt?
Nein, ich räume meinen Müll gerne selbst weg, auch ohne entsprechendes Gesetz. Schliesslich macht das in meiner Umgebung einen relevanten Unterschied. Würde ich hingegen auf einer Müllhalde leben, auf die grosse Firmen ständig ihren Müll kippen, wäre die Situation eine andere. Und damit wären wir wieder beim Klimavergleich: Unsere Erdatmosphäre ist zur CO₂‑Müllhalde geworden. Du scheinst mir eine Person zu sein, die auf einer Müllhalde lebt, selbst eine Mülltüte draufwirft und sich dann über andere beschwert, die vier Tüten draufwerfen.
Ich beschwere mich über niemanden. Ich versuche, für mich zu klären, wie ich mich angesichts dieses kollektiv verursachten Problems verhalten soll. Es stimmt, dass ich allein aufgrund des Umstands, dass ich in der vermögenden Schweiz lebe, zu viele Mülltüten produziere, um in deinem Bild zu bleiben. Das ist aber kein Freibrief, mich nicht zu bemühen, meinen Müll zu minimieren.
SRF 1, Sternstunde Philosophie, 25.10.2026, 11:00 Uhr ; rots
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