«Figg di» und «Hurensohn» sind für Janine Truttmann (53) Alltag

Aggro-Passagiere machen ÖV-Personal das Leben zur Hölle
«Figg di» und «Hurensohn» sind für Janine Truttmann (53) Alltag
Angestellte im öffentlichen Verkehr der Schweiz werden täglich beschimpft, bedroht oder angegriffen. Bei den SBB sind es im Schnitt zehn Vorfälle pro Tag – und laut ÖV-Betrieben bleiben viele Fälle wegen Aufwand und Angst vor Rache ungemeldet.
Publiziert: 00:00 Uhr
- Bei den SBB gibt es täglich zehn Vorfälle gegen das Personal
- Seit Corona melden Betriebe mehr Drohungen und Gewalt
- 2025 gab es 718 Anzeigen; viele Fälle bleiben ungemeldet
«Figg di» und «du Arschloch» – diese Ausdrücke gehören zum Alltag des ÖV-Personals, fast wie «alle Billette, bitte». Beleidigungen, Gewalt und Drohungen erleben Chauffeure, Zugbegleiter oder Schalterangestellte tagtäglich.
Bei den SBB kommt es im Schnitt pro Tag zu zehn Attacken auf das Personal. Die ÖV-Unternehmen spüren seit Corona ein aggressiveres, gröberes Verhalten. Gewerkschaften fordern mehr Respekt. Blick konnte über ein Dutzend rechtskräftiger Strafbefehle bei der Bundesanwaltschaft einsehen. Die Recherche zeigt: Die Gangart der Passagiere ist hart, die Konsequenzen bleiben oft marginal. Die Täter wurden zu Geldstrafen verurteilt.
Verletzt nach Busse
Im Zug Nr. 21935 zwischen Eschenbach LU und Emmenbrücke LU: Das SBB-Personal führt am 5. Juni 2026 um 10.15 Uhr die Ticketkontrolle durch. Simon B.* (44) zückt eine 50er-Note und will damit ein Ticket kaufen. Er wird informiert, dass er sich das Ticket vor der Abfahrt hätte besorgen müssen.
Die Kontrolleurin stellt Simon B. deshalb eine Busse aus. Als sie ihm diese übergibt, wird er aggressiv, zerreisst die Busse und wirft die Schnipsel der Zugbegleiterin an den Kopf. Später versucht er ihr das Bein zu stellen, trifft sie dabei am Unterschenkel und verletzt sie.
Name? Brust-Attacke!
Ende September 2025 zertrümmert Lars K.* (44) den Toilettendeckel im Zug nach Basel. Eine Kontrolle verweigert der Schweizer. Als die Zug-Securitys am Bahnhof Basel einschreiten, zeigt er seinen Ausweis und sagt: «Komm nach draussen, dann werden wir sehen!»
Nach der Kontrolle stösst er einen Security-Mitarbeiter mit beiden Händen gegen die Brust und reisst an dessen Schutzweste. Das ÖV-Personal drückt ihn zu Boden und fixiert ihn. Die Polizei muss einschreiten.
«Figg di» und «Nuttesohn»
Am 10. Juni 2026 wollen SBB-Securitys gegen Abend den Afghanen Amir K.* (22) am Bahnhof in Winterthur ZH kontrollieren. Schnell ergreift der junge Mann die Flucht. Er springt über die Gleise 1 und 2.
Dem Sicherheitspersonal ruft er «Figg di» und «Nuttesohn» nach. Er entzieht sich der Kontrolle. Als Blick ihn mit der Tat konfrontiert, zeigt er keine Reue und schweigt zu seinen Taten.
Hemmung vor Meldung und Anzeige
Aggressive Passagiere sind nicht die Regel. Jedoch gehören sie zum Alltag des Personals. Zugbegleiterin Janine Truttmann (53) sagt: «Ich höre jeden Tag eine Beleidigung.»
In der Statistik tauchen viele Fälle aus dem Alltag nie auf. Truttmann: «Wir können und wollen nicht jeden Fall melden oder zur Anzeige bringen.» Die Bürokratie oder die Angst vor Rache schrecken ab. «Viele Kollegen wollen keine Anzeige machen, weil der Name dann in den Verfahrensakten steht.»
Die Zugbegleiterin spricht aus Erfahrung: «In sechs Strafverfahren war ich involviert.» Sie seien eine «langwierige Sache» und kosten «Zeit, Mut und Nerven».
Truttmann nennt ein Beispiel: Vor Jahren kontrollierte sie eine Frau ohne Velobillett. «Aus Frust stiess sie ihr Velo gewaltig an meine Beine, das war sehr schmerzvoll.» Die Frau wurde verurteilt. Für Truttmann war das Verfahren aufwendig und belastend.
Aggressivere und heftigere Fälle
Blick fragte bei diversen ÖV-Unternehmen in der Schweiz nach. Der Tenor ist überall ähnlich. Seit der Pandemie stellen sie ein aggressiveres Verhalten bei den Passagieren fest. 2025 erfasste Postauto Schweiz 65 Übergriffe gegen das Fahr- und Kontrollpersonal.
«Im laufenden Jahr wurden bis Ende Juli bereits 145 Fälle gemeldet.» Man beobachte mehr «Drohungen und rassistische Äusserungen», so ein Postauto-Sprecher.
Obwohl Angriffe auf das ÖV-Personal als Offizialdelikte gelten, werden sie nicht immer geahndet. Erlebt das Personal Gewalt, so muss es zuerst intern gemeldet werden. Erst dann entscheiden Mitarbeitende mit ihren Chefinnen, ob eine Anzeige erstattet wird. In vielen Fällen kommt es nie so weit.
Mehrere ÖV-Betriebe bestätigen gegenüber Blick die Hemmung, einen Fall zu melden oder anzuzeigen. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) schreiben: «Eine gewisse Hemmschwelle bei den Mitarbeitenden ist spürbar.» Fehlende Meldungen beobachtet auch die Rhätische Bahn. Der Grund: «Mitarbeitende betrachten diese als Bagatelle oder scheuen den Aufwand eines Verfahrens.»
Eine Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik zeigt: 2025 gab es aufgrund von Gewalt oder Drohung gegen Beamte im öffentlichen Verkehr 718 Anzeigen. Es zeigt: Die Schere zwischen Vorfällen, die bei den ÖV-Unternehmen gemeldet werden, und denen, die zur Anzeige gebracht werden, ist gross.
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Bundesanwaltschaft: Ein Drittel mehr Delikte
Wird das ÖV-Personal im Fern- und im überregionalen Verkehr angegriffen, so ermittelt die Bundesanwaltschaft (BA). Sonst die kantonalen Staatsanwaltschaften. «Im Jahr 2025 ist die Zahl der Delikte gegen Beamte gegenüber dem Vorjahr um rund ein Drittel gestiegen. Ein Grossteil betrifft dabei Delikte gegen Beamte im öffentlichen Verkehr», so Sprecher Matthias Müller.
Auf die zunehmende Gewalt gegen das ÖV-Personal reagierte der Bund. Das wird begrüsst. Doch das ÖV-Personal, wie Janine Truttmann, fordert mehr Respekt – von allen.
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