Wenn der Acker glüht – Heisser als Asphalt: Wie retten wir unsere Ernten?

Was wird an einem heissen Sommertag wärmer: eine asphaltierte Strasse oder ein ausgetrockneter Acker? Die meisten würden wohl auf den Asphalt tippen. Sie liegen falsch.
Im HofLabor in Mönchaltorf messen Bodenforscher Hanspeter Liniger von der Universität Bern und «Einstein»-Moderatorin Kathrin Hönegger auf einem nackten Acker fast 60 Grad Oberflächentemperatur. «58. Schau hier, wir kommen fast an die 60», sagt Liniger. Der Asphalt daneben: rund 42 Grad.
Wenn der Acker zum Backofen wird
Gemeinsam mit Jovana Askrabic untersucht Liniger mit einer Wärmebilddrohne landwirtschaftliche Flächen in der Schweiz. Die Bilder zeigen dasselbe wie im HofLabor: Auf unbedecktem Boden werden über 60 Grad gemessen, nur wenige Meter weiter auf bewachsener Fläche 30 bis 32 Grad.
Das ist nicht nur für die Pflanzen relevant. Boden ist ein lebendiges System voller Mikroorganismen und Bodentiere. «Die Mikroorganismen sind diesen Temperaturen nicht angepasst», sagt Liniger. Sein Fazit ist deutlich: «Jeder Boden, der unbedeckt ist, der leidet.»
Was Temperaturen gegen 60 Grad langfristig mit dem Boden machen, ist erstaunlich wenig erforscht. «Schlüsselfrage», sagt Liniger. «Wir haben in der Literatur geschaut. Wir haben wenig gefunden zu diesen Temperaturen.» Eine Gegenmassnahme ist denkbar einfach: den Boden bedecken.
Schutzdecke gegen die Hitze
Damit experimentiert das HofLabor. Pflanzenreste bedecken den Acker wie eine Schutzschicht. «Das ist wie Kleider für den Boden», sagt Mitgründer Matthias Hollenstein. Die Schicht soll die Verdunstung bremsen und den Boden vor Starkregen schützen.
Der Extremsommer wird zum Härtetest. Zwiebeln, die auf ausreichend Wasser angewiesen sind, kommen erstaunlich gut durch die Trockenheit. «Überall, wo wir Mulch hatten, sieht es entspannt aus», sagt Hollenstein.
Das von «Einstein» begleitete Beet bringt hochgerechnet 27 Tonnen Zwiebeln pro Hektare Gesamtfläche – ohne Dünger und Pestizide und mit nur wenig Bewässerung. Andere Beete liefern allerdings deutlich weniger.
Wie entscheidend Wasser ist, zeigt der Vergleich zweier Bauern im Kanton Bern. Hannes Brunner kann seine Kartoffeln nicht bewässern. «Ich bin seit rund 35 Jahren Bauer und habe so etwas noch nie erlebt – vor allem in Kombination mit der Hitze.» Bei seinen Kartoffeln rechnet er mit rund einem Drittel weniger Ertrag. Auch die Wiesen sind vertrocknet. «Es sieht fast aus, als wäre die Fläche chemisch behandelt worden, aber das ist reine Trockenheit.»
Nur rund 20 Kilometer entfernt ein völlig anderes Bild. Christian Hofer kann seine Kartoffeln bewässern. «Die Kartoffeln sehen sehr schön aus. Das Kraut ist noch kräftig, also können die Knollen weiterwachsen.» Das Wasser bringt ihm voraussichtlich einen deutlichen Mehrertrag.
Doch Wasser ist nicht unbegrenzt vorhanden. Deshalb untersucht Andreas Keiser von der Berner Fachhochschule, wie sich Bewässerung präziser steuern lässt. Bodensonden messen die Feuchtigkeit in verschiedenen Tiefen. «Wir wollen den Bauern sagen, wie viel Wasser der Boden speichert», erklärt Keiser. Zusammen mit Wetterprognosen lässt sich so besser entscheiden, wann überhaupt bewässert werden muss.
Hat die Schutzschicht die Zwiebeln gerettet? So einfach ist es nicht. Liniger gräbt rund 50 Zentimeter tief und findet noch Feuchtigkeit. «Der Boden hört hier nicht auf. Da ist noch Wasser drin.» Trotz wenig Regen sei der Boden weiter unten noch feucht gewesen: «Und das haben die Zwiebeln ausnutzen können.»
Liniger spricht von einer «Gunstlage». Ein direkter Vergleich mit unbedeckten Zwiebelbeeten fehlt allerdings.
Erst Dürre, dann Starkregen
Und der Extremsommer bringt noch ein Problem: Nach langer Trockenheit kann plötzlich Starkregen folgen. «Wenn der Boden nicht stabil ist, verschlägt es einfach den Boden mit jedem Tropfen», erklärt Liniger. Die Oberfläche verschlämmt, Poren schliessen sich – Wasser kann schlechter einsickern.
Versuche im HofLabor zeigen, dass stabile Bodenstrukturen solchen Belastungen besser standhalten können. Beim ungeschützten Boden dagegen «löst sich die Struktur, die eigentlich das Gerüst vom Boden ist», sagt Liniger. Sein Vergleich: «Das ist wie ein Haus, in dem keine tragenden Elemente mehr da sind.»
Dieser Sommer liefert kein Patentrezept. Aber eine Erkenntnis: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Wasser vom Himmel fällt. Sondern auch, was unsere Böden daraus machen.
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