Schweizer KI-Sprachmodell – Warum hinkt Apertus der kommerziellen Konkurrenz hinterher?

Schweizer KI-Sprachmodell Warum hinkt Apertus der kommerziellen Konkurrenz hinterher?
Apertus soll digitale Souveränität ermöglichen. Doch im Alltag kommt die Schweizer KI bisher kaum zum Einsatz.
03.10.2026, 10:24
Seit dieser Session haben Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier eine eigene KI-Assistentin. Sie heisst Pia und fasst für die Ratsmitglieder Kommissionsunterlagen zusammen. Vier KI-Modelle stehen bei Pia zur Auswahl. Zwei aus China, eines aus den USA und eines aus Frankreich. Apertus ist nicht dabei.
Für Pia eignen sich andere Modelle zurzeit aber besser, erklären die Parlamentsdienste auf Anfrage. Die Assistentin müsse sich streng an die gelieferten Dokumente halten. Genau da hinkt Apertus noch hinterher. Die KI erfindet eher etwas dazu.
«Ein roher Diamant»
Ein Jahr nach dem Start wird Apertus deshalb nur selten genutzt. Der Kanton Tessin übersetzt damit Verwaltungstexte und das Genfer Technologieunternehmen Proton bietet seit wenigen Tagen einen Chat mit Apertus an.
Doch selbst die Swisscom, von Anfang an Partnerin des Projekts, verkauft ihren Kundinnen und Kunden lieber Zugang zu KIs von amerikanischen Anbietern.
Josef Kruckenberg entwickelt bei der Zürcher Digitalagentur Liip KI-Anwendungen für Gemeinden und Unternehmen. Er hat Apertus getestet, für Kunden aber noch nicht eingesetzt. «Der Markt und unsere Kunden erwarten bei KI-Modellen ein fertiges Produkt. Aktuell ist Apertus aber definitiv noch ein roher Diamant, der geschliffen werden muss.»
Dass Apertus zwar vielversprechend ist, aber der Konkurrenz hinterherhinkt, hat auch mit den Ressourcen zu tun. An der ersten Version arbeiteten lediglich zwei Leute Vollzeit, unterstützt von ein paar Dutzend Forschenden. Finanziert ist das Projekt mit 20 Millionen Franken über vier Jahre. US-amerikanische Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic dagegen beschäftigen Tausende und investieren Milliarden.
Wissen statt Marktdominanz
«Wir sind hier der absolute Underdog», sagt Imanol Schlag, Co-Leiter des Projekts an der ETH Zürich. Apertus sei nie als Konkurrenz zu ChatGPT und anderen kommerziellen KI-Modellen gedacht gewesen. Vielmehr gehe es darum, Wissen über die Entwicklung von KI zu sammeln und mitbestimmen zu können: «Wir glauben, dass diese Technologie die Technologie unserer Zeit sein wird. Und wir wollen das nicht einfach so aus der Hand geben, sondern mitbestimmen können.»
So könne Apertus ein Baustein der digitalen Souveränität sein. Wer die Schweizer KI einsetzt, mache sich nicht davon abhängig, was ein amerikanisches Unternehmen mit seinen KI-Modellen vorhabe. Ganz unabhängig ist allerdings auch Apertus nicht: Trainiert wird das Modell auf Nvidia-Chips, genutzt oft auf Servern von Amazon oder Microsoft. Diese Abhängigkeit lässt sich auf absehbare Zeit kaum vermeiden.
Doch unabhängig davon, soll sich Apertus laufend verbessern. Im Dezember soll das Training von Apertus 2.0 abgeschlossen sein. Das neue Modell wird acht- bis zehnmal grösser als das heutige und soll leistungsfähiger sein.
Auch im Schweizer Parlament könnte Apertus dann eine neue Chance bekommen: Der Pilotversuch mit der KI-Assistentin Pia dauert zwölf Monate. Danach wird neu ausgeschrieben und vielleicht kommt dann auch Apertus 2.0 zum Zug.
Ob Apertus im kommerziellen Umfeld ankommt, wird sich zeigen. Josef Kruckenberg von der Zürcher Digitalagentur Liip ist vorsichtig optimistisch:
«In meiner Wahrnehmung wird Apertus vor allem für den Schweizer Markt sehr relevant bleiben, aber keine Marktdominanz erreichen können. Das Schweizer Modell wird zwar nicht an vorderster Front mithalten, aber in den nächsten zwölf Monaten werden bereits viele produktive KI-Anwendungen mit dem Open-Source-Modell Apertus betrieben werden können.»
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