«Manchmal reicht ein Blick von uns, um Männer einzuschüchtern»

- In einer von Femiziden und sexualisierter Gewalt geprägten Gesellschaft greifen Inderinnen zur Selbstverteidigung auf uralte Kampfkunst zurück.
- Der Schweizer Dokumentarfilm «Kalari Kid» begleitet die 21-jährige Milena und die 9-jährige Arushi beim Training von Kalaripayattu.
- Milena unterrichtete während ihrer Pflegeausbildung auch Mitstudentinnen – der Wunsch nach Selbstverteidigung war nach Gesprächen über Gewalt gross.
Kalaripayattu gilt als die älteste Kampfkunst der Welt, doch die 9-jährige Arushi und die 21-jährige Milena trainieren nicht nur aus Traditionsbewusstsein, sondern auch, um sich in einer frauenfeindlichen Welt zu behaupten.
Das Schweizer Regie-Duo Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi hat die beiden in Indien begleitet, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Gegenüber 20 Minuten erzählt Milena, wie sie in ihrem Umfeld einen gesellschaftlichen Wandel anstösst.
Milena, warum hast du angefangen, die Kalari-Kampfkunst zu trainieren?
Ich praktiziere Kalaripayattu seit 14 Jahren und habe eine grosse Liebe dafür. Es war der Bruder meines Vaters, der es mir beigebracht hat. Meine Eltern legten natürlich grossen Wert darauf, dass ich diese Kunst erlerne.
Auch um dich vor Männern zu schützen, oder?
Ja, wenn ich mir heutzutage Nachrichtenberichte über Femizide und Vergewaltigungen anhöre, wird mir bewusst, wie wertvoll es ist, Kalaripayattu gelernt zu haben. Zum Beispiel kommt es häufig zu Angriffen auf Ärztinnen und Pflegefachpersonen. In solchen Situationen können sich Kampfkünste wie Kalaripayattu als nützlich erweisen. Manchmal reicht schon ein Blick von uns, um einen Gegner einzuschüchtern. Um ehrlich zu sein, habe ich selbst noch nie eine solche Situation erlebt. Vielleicht versucht niemand wirklich, einen ernsthaften Streit mit mir anzufangen, weil die Leute wissen, dass ich Kalaripayattu praktiziere.
Im Film erzählst du deinen Zimmergenossinnen in der Pflegeausbildung vor dem Einschlafen von deinem Training, nachdem ihr neue Medienberichte über Gruppenvergewaltigungen besprochen habt. Schnell will die halbe Schule von dir lernen. Wie war das für dich?
Ich habe mich sehr gefreut, dass ich meinen Mitstudentinnen mein Wissen vermitteln konnte. Schliesslich sollten in der heutigen Zeit auch sie diese Dinge lernen.
Wie schaffst du es, am nächsten Tag wieder zur Arbeit als Pflegerin zu gehen und den Männern im Spital zu helfen, obwohl du weisst, zu welchen schrecklichen Taten manche dieser Männer fähig sind?
Pflegefachpersonen sind dafür da, sich um Patienten zu kümmern, ganz gleich, wer diese Patienten sind. Auch wenn einige Männer solche Misshandlungen begangen haben, heisst das nicht, dass alle Männer so sind. Es ist nicht richtig, die Fürsorge für andere einzustellen, nur wegen der Taten einiger weniger. Wir sollten unsere Pflichten mit der Zuversicht erfüllen, dass wir keinen solchen Angriffen ausgesetzt sein werden.
Wie stehst du dazu, dass Frauen Selbstverteidigung mit Kampfkunst lernen, um sich sicherer zu fühlen?
Fühlst du dich als Frau von der Welt im Stich gelassen?
Ich bin entmutigt, wenn ich Nachrichten über die steigende Zahl von Übergriffen auf Frauen höre. Es gibt Menschen, die Vergewaltigungsopfer unterstützen, und es gibt solche, die ihnen die Schuld geben. Das hängt ganz von der individuellen Einstellung ab.
Welche Beobachtungen aus deinem eigenen Leben geben dir Hoffnung?
Früher lebten die meisten Frauen ohne die Freiheit, ihre eigenen persönlichen Entscheidungen zu treffen. Heute können die meisten Frauen Dinge nach ihren eigenen Vorlieben tun. Meine Ausbildung zur Pflegefachfrau ist ein Paradebeispiel dafür. Wenn ich mein Leben betrachte, gibt mir meine Familie die Freiheit, das zu tun, was in meinem besten Interesse ist. Sie waren es, die mich voller Begeisterung zum Kalaripayattu-Unterricht geschickt haben, und dank ihrer Unterstützung setze ich mein Training bis heute fort.
Im Film hast du auch Männern Kalari beigebracht. Was haben die dazu gesagt, dass du die Kampfkunst praktizierst, um dich gegen Frauenfeinde zu verteidigen?
Sie unterstützen mich sehr dabei. Sie sind der Meinung, dass Frauen auf jeden Fall Kampfsport lernen sollten. Auch die Ehefrauen und Kinder vieler von ihnen praktizieren Kalaripayattu.
Der Dokumentarfilm «Kalari Kid» läuft seit dem 1. Oktober in den Schweizer Kinos.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».
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