Eidgenössische Wahlen 2027 – Polarisierung und grüne Welle? So steht es um die Wählerstärken

12 Monate vor den eidgenössischen Wahlen 2027 baut die SVP ihre Spitzenposition weiter aus. Gemäss dem neuen Wahlbarometer von Sotomo im Auftrag der SRG würde sie mit knapp 30 Prozent Wähleranteil ihr bisher bestes Ergebnis erzielen. Zulegen können auch die Parteien des rot-grünen Lagers. Verliererinnen sind dagegen die Mitte-Partei und die FDP, wobei insbesondere die Mitte deutlich an Unterstützung einbüsst.
Hätte die Schweizer Stimmbevölkerung im September gewählt, wäre die SVP mit einem Wähleranteil von 29.9 Prozent «die klare Gewinnerin», wie Politologe Michael Hermann sagt. Zwar legt die Partei weniger stark zu als noch im Wahlbarometer vor einem Jahr. Dennoch: «Mit dem Plus von zwei Prozentpunkten würde sie ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erreichen» – und ihr bisheriges Rekordergebnis von 2015 (29.4 Prozent) übertreffen.
Deutlicher Verlust der bürgerlichen Mitte
Auf der Verliererseite steht die bürgerliche Mitte aus FDP und Mitte. Die beiden Parteien büssen 2.5 Prozentpunkte ein. «Das ist deutlich», so Hermann.
Noch Anfang der 1990er-Jahre kamen die FDP, die Liberalen und die CVP, also die Vorgängerparteien der heutigen FDP und der Mitte, zusammen auf über 40 Prozent der Stimmen. Seither ist ihr Wähleranteil langsam geschrumpft.
Die beiden bürgerlichen Traditionsparteien kommen aktuell gemeinsam auf einen Wähleranteil von knapp 26 Prozent. Zusammen erreichen sie damit einen Wähleranteil, der vier Prozentpunkte unter dem alleinigen Wähleranteil der SVP liegt.
Und doch vermitteln die Wähleranteile nur das halbe Bild. Im Ständerat besetzen Mitte und FDP zusammen aktuell fast 60 Prozent der Sitze, während die SVP auf gerade einmal 13 Prozent der Sitze kommt.
Besonders unter Druck steht die Mitte-Partei. Sie verliert gegenüber den Wahlen 2023 1.5 Prozentpunkte und fällt damit stärker zurück als noch vor einem Jahr prognostiziert – auf 12.6 Prozent. «Der Zulauf, den die Mitte mit ihrem neuen Anstrich verzeichnen konnte, scheint zu erodieren», meint Hermann.
Die FDP hat die Nase vorn.
Auch die FDP büsst einen Prozentpunkt ein und würde noch einen Wähleranteil von 13.3 Prozent erreichen. Das wäre ihr historisch schlechtestes Abschneiden bei Nationalratswahlen. Im Vergleich zur Mitte im Rennen um den dritten Platz unterstreicht Hermann aber: «Die FDP hat die Nase vorn.» Dies ist relevant, weil die Parteistärke bei Bundesratssitzansprüchen eine wichtige Rolle spielt.
Obwohl SP und Grüne einzeln nur leicht zulegen, gewinnt das linke Lager insgesamt 1.5 Prozentpunkte. Den grösseren Anteil dazu trägt die SP bei: Seit dem ersten Wahlbarometer dieser Legislatur hat sie sich von einem Minus von 0.5 auf ein Plus von einem Prozentpunkt verbessert. Mit einem Wähleranteil von 19.3 Prozent erreicht sie ihren höchsten Wert seit fast zwei Jahrzehnten.
Kommt die grüne Welle?
Die Grünen scheinen ihre Wählerstärke halten zu können: Ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen erreicht die Partei 10.3 Prozent (+0.5 Punkte). Von einer grünen Welle – nach dem Hitzesommer 2026 – ist laut Politologe Hermann aber noch nicht die Rede. Mit Blick auf die Verluste bei den kantonalen Wahlen sei dies eher «ein Kämpfen aus dem Tal».
Der Hitzesommer hat das Klima wieder stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt. Innert eines Jahres ist der Anteil der Stimmberechtigten, die den Klimawandel als eine der wichtigsten politischen Herausforderungen nennen, deutlich gestiegen (+9 Prozentpunkte).
Trotzdem profitieren Grüne und GLP bislang nur begrenzt davon. Das Interesse am Klimathema liegt erst wieder auf dem Niveau von 2023. Vom Höhepunkt der grünen Welle vor den Wahlen 2019 ist die Schweiz weit entfernt.
Politologe Michael Hermann beobachtet so auch eine zunehmende Klimaernüchterung: Viele Menschen seien zwar über den Klimawandel besorgt, stünden neuen Verboten und Einschränkungen aber skeptisch gegenüber. Beide Entwicklungen finden derzeit parallel statt.
So sind auch die -0.5 Prozentpunkte bei der GLP zu beurteilen. Dieser Rückgang auf 7.1 Prozent bedeutet mit Blick auf den Fehlerbereich von ±1.2 Prozentpunkten vor allem eine Stabilisierung nach den Verlusten der vergangenen Jahre.
Blick auf kommendes Jahr
Die Polarisierung bei den Wähleranteilen zeigt sich auch in der Sicherheit des Wahlentscheids: Rund zwei Drittel der SVP-Wählenden sind sich bereits heute sehr sicher in ihrem Entscheid. Bei der SP und den Grünen ist es etwas mehr als die Hälfte. Weniger sicher sind sich die Wählenden der Parteien zwischen diesen Polen.
Keine Polarisierung, sondern ein klares Links-rechts-Gefälle zeigt sich bei der Zuversicht in Bezug auf den Wahlausgang: Bei SP und Grünen ist eine klare Mehrheit pessimistisch. Bei der FDP ist dies nur ein Viertel. Und mit knapp 40 Prozent blickt die SVP-Anhängerschaft am zuversichtlichsten auf die Wahlen 2027.
Die Datenerhebung des SRG SSR Wahlbarometers fand zwischen dem 10. und dem 23. September 2026 statt. Die Befragung erfolgte online, die Teilnehmenden wurden einerseits über die Webportale der SRG SSR, andererseits via Online-Panel von Sotomo rekrutiert.
Nach der Bereinigung und Kontrolle der Daten konnten die Angaben von 25‘092 Stimmberechtigten für die Auswertung verwendet werden (Deutschschweiz: 21‘240, französischsprachige Schweiz: 3‘201, italienischsprachige Schweiz: 651).
Da sich die Teilnehmenden der Umfrage selbst rekrutieren (opt-in), können Verzerrungen in der Zusammensetzung der Stichprobe auftreten. Es werden deshalb statistische Gewichtungsverfahren angewendet, damit die Stichprobe hinsichtlich zentraler soziodemographischer Merkmale der Bevölkerung entspricht. Neben räumlichen (Wohnort) und soziodemographischen (Alter, Geschlecht, Bildung) Gewichtungskriterien werden dabei auch politische Gewichtungskriterien beigezogen (Stimm- und Wahlverhalten, regionale Parteienstruktur usw.). Dieses Vorgehen gewährleistet eine hohe Repräsentativität der Stimmbevölkerung der Schweiz.
Für die vorliegende Gesamtstichprobe beträgt das 95-Prozent-Konfidenzintervall für einen 50-Prozent-Anteil +/-1.2 Prozentpunkte (Fehlerbereich).
Projektteam des Forschungsinstituts Sotomo: Michael Hermann, Sarah Bütikofer, Elia Heer, Simon Stückelberger
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