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Sunday, November 1, 2026

Einmal Spaghetti Napoli, bitte

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Jeder Mensch hat ein Trostessen, wenigstens hoffe ich das. Ein Gericht, das mit Erinnerungen verbunden ist und das nicht nur den Körper wärmt und nährt.

Publiziert: vor 12 Minuten

  • Milena Moser isst in der Schweiz mehrfach Spaghetti Napoli als Trostessen
  • Vor einigen Jahren raubten in Barcelona zwei Jugendliche ihr und einer Freundin die Taschen, dabei brach sie sich den Knöchel
  • Nachts kochte die Freundin in der Ferienwohnung Pasta, was der Autorin Trost und Zuversicht gab

Seit knapp einer Woche bin ich jetzt, wo ich das schreibe, in der Schweiz und habe schon viermal Spaghetti Napoli gegessen. Einfach, weil meine Freunde wissen, dass das mein liebstes Trostessen ist. Und dass mir die letzten schwierigen Wochen noch in den Knochen stecken. Ich darf vermelden: Es hilft. Es hat schon immer geholfen. Meiner Mutter übrigens auch. Von ihr habe ich den Reflex übernommen, am Abend eines anstrengenden oder traurigen Tages zu sagen: «Jetzt erst mal einen schönen Teller Pasta.» Sie machte ihrer eigenen Meinung nach auch die beste Tomatensauce, und ich gebe ihr recht. Es ist mir bisher nie gelungen, sie auch nur annähernd nachzukochen. Aber das macht nichts, das Gericht tut seine Wirkung immer.

Ein schmerzhafter Schock in Barcelona

Die spektakulärste Version kochte meine Freundin Sus vor einigen Jahren. Wir waren übers Wochenende zusammen nach Barcelona gefahren und gleich am ersten Abend schon überfallen worden. Zwei Jugendliche rannten hinter uns her und rissen uns im Vorbeirennen rechts und links die Taschen weg. Meiner Freundin rutschte sie einfach von der Schulter, doch ich hatte den Riemen übers Kreuz getragen. «Das sollten Frauen in einem gewissen Alter nicht mehr tun», rügte mich später ein Polizist. Da war ich noch keine fünfzig, aber das nur nebenbei. Der Dieb riss mich also zu Boden und schleifte mich ein paar Meter hinter sich her. Eine höchst unangenehme Erfahrung, nicht nur, weil ich mir dabei einen komplizierten Knöchelbruch zuzog. Den Schmerz spürte ich in diesem Moment nicht. Es war das Gefühl des Ausgeliefertseins, der körperlichen Unterlegenheit – obwohl der Junge kleiner und schmaler war als ich. Der Bruch sollte dann auch schneller verheilen als die Angst, die dieses Erlebnis ausgelöst hatte. Aber das wusste ich damals noch nicht.

Rosa Schleier in der Notaufnahme

Dann war da plötzlich eine Ambulanz, und ich wurde direkt in eine Fernsehserie gebracht. So kam es mir jedenfalls vor. In dieser Notaufnahme schienen nur ausnehmend gutaussehende Menschen zu arbeiten, alle waren wahnsinnig freundlich und engagiert und – okay, sie haben mich wohl auch mit Schmerzmitteln gefüttert, bis ich alles durch einen rosa Schleier sah. Meine Freundin musste sich indessen nüchtern der Tatsache stellen, dass wir kein Geld, keine Handys und auch keinen Wohnungsschlüssel mehr hatten. Irgendwie löste sie all diese Probleme, während ich einen provisorischen Gips angelegt bekam, und dann war es plötzlich 3 Uhr morgens.

Rückwärts in den vierten Stock

Sie half mir, aus dem Taxi zu steigen. Unsere Ferienwohnung lag im vierten Stock. Ich setzte mich auf die unterste Stufe und begann, die Treppe rückwärts und im Sitzen zu erklimmen. Sie schaute einen Moment lang zu, dann zuckte sie mit den Schultern. «Ich geh schon mal vor und setz das Spaghettiwasser auf!» Es war eine der glorreichsten Mahlzeiten meines Lebens.

Daran denke ich jeweils, wenn wieder so ein Teller vor mich hingestellt wird. Der unvergleichliche Geruch nach Knoblauch und Basilikum versetzt mich sofort in diese Ferienwohnung zurück, aber auch in meine Kindheit und Jugend. In meine erste WG, in ein altes Hotel in Paris, in meine Schreibstube, an diverse Küchentische und Restauranttheken. Der Duft füllt mich mit Zuversicht. Es gab schon so viele Momente in meinem Leben, in denen ich nicht weiterwusste. In denen ein Teller Pasta vor mir stand. Und irgendwie ist es noch immer «gut gekommen».

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