Nach 150 Bewerbungen: Lisa (31) sucht Job mit Plakat am Fenster

- Eine Frau aus München hat rund 150 Bewerbungen für Stellen in der Schweiz verschickt. Trotz Ausbildung und angehender Masterarbeit kriegt sie nur Absagen.
- Die Marketingfachfrau hängte ein selbst gebasteltes «Suche Job im Marketing»-Plakat an ihr Fenster in Schlieren. Bisher hat sich kein Arbeitgeber gemeldet.
- Karriereberaterin Andrea Schoch sieht die Methode in kreativen Branchen als chancenreich, in stark regulierten und konservativen Bereichen hingegen weniger.
An einem Fenster in Schlieren ist von der Strasse aus ein Plakat mit grossen Buchstaben zu sehen, wie ein 20-Minuten-News-Scout berichtet. Darauf steht: «Suche einen Job im Marketing». Dahinter steckt Lisa*, eine 31-jährige Marketingfachfrau aus München. Seit Monaten versucht sie, einen Job in der Schweiz zu finden. Der News-Scout meint: «Die Frau wurde kreativ und hofft so, einen Job zu finden.»
Auf Anfrage von 20 Minuten erzählt die Frau hinter dem Plakat: «Ich habe etwa 150 Bewerbungen verschickt». Weil der Erfolg ausbleibt, versucht sie es weder mit KI noch mit Linkedin und Co., sondern auf ungewöhnliche Weise mit einem selbst gebastelten Plakat am Fenster der Wohnung ihres Freundes, mit dem sie bald zusammenziehen will – und hofft so auf eine Chance.
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«Ich dachte, mein Lebenslauf sei gut»
Lisa und ihr Freund haben ein Ziel: gemeinsam in die Schweiz ziehen. Beide wollten eine Veränderung und suchten nach einem Ort mit Bergen und Natur. Bereits 2024 entschieden sie sich für die Schweiz – doch der Umzug dauert länger als ursprünglich erwartet. Ihr Freund hat den Schritt schon geschafft und arbeitet seit einigen Monaten im Finanzsektor in Zürich. Lisa kann erst nachziehen, wenn sie auch einen Job gefunden hat.

In Deutschland hat die 31-Jährige eine gut bezahlte Stelle und arbeitet seit mehreren Jahren im Marketing. «Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen», erzählt sie. «Ich dachte, mein Lebenslauf sei gut. Aber die Stellensuche in der Schweiz ist total schwierig – viel schwieriger, als ich erwartet habe.»
Welche Bewerbungsstrategie hat bei dir am besten funktioniert?
Es hagelt Absagen
Lisa sucht nach Monaten intensiv nach einem Job. «An mangelndem Einsatz liegt es nicht – ich bin Tag und Nacht dran», sagt sie. Sie sucht über Linkedin, Jobs.ch und Unternehmensseiten. Ihren Lebenslauf passt sie an, und jeden Arbeitgeber schreibt sie individuell an. Trotzdem kommen immer wieder die gleichen Absagen – teilweise für Stellen, die aus ihrer Sicht genau zu ihrem Profil passen. «Einmal fragte ich bei einem Unternehmen nach dem Grund, weil es mich nicht losliess», erzählt sie. Die Antwort: Rund 150 Personen haben sich auf die Stelle beworben.
Mit Plakat gegen die Bewerbungsflut
Nach mehreren Monaten ständiger Absagen änderte Lisa ihre Bewerbungsstrategie. «Ich schnitt Buchstaben aus und klebte sie auf ein Plakat.» Die Idee kam ihr beim Blick auf das Bürogebäude gegenüber, wo ihr Freund bereits wohnt.
«Ich war voller Hoffnung», erzählt sie. Sie ging nach draussen, betrachtete das Plakat vom Boden und machte Fotos. Arbeitgeber haben sich bislang keine gemeldet. «Bis jetzt hat sich nur eine Frau aus dem gegenüberliegenden Gebäude und jemand aus unserem Block gemeldet, die die Idee kreativ fanden.» Sie sieht aber auch eine Schwäche: Ein Plakat erreicht zwar viele Menschen, aber nicht unbedingt die richtigen.
«Das Plakat kann funktionieren»
Dass Lisa mit einem Plakat auf sich aufmerksam macht, kann laut Laufbahnexpertin Andrea Schoch durchaus erfolgversprechend sein. Entscheidend sei, dass die Methode einen Bezug zum Beruf habe. Besonders in kleinen Unternehmen und in Bereichen wie Kreativität, Kommunikation, Verkauf, Medien, Marketing, Design, Event oder Content könne ein ungewöhnlicher Auftritt passen.
Zur Expertin
«Für stark formalisierte Funktionen und Rollen, wo Diskretion wichtig ist, wäre es aber nicht das beste Vorgehen», sagt Schoch. Vorsicht sei etwa bei Banken, Versicherungen, Behörden, juristischen Funktionen oder gewissen Bereichen des Gesundheitswesens geboten. Ein zu verspielter Auftritt könne dort signalisieren, dass jemand die Spielregeln der Branche nicht verstanden habe.
Tipps für die Jobsuche
Expertin Andrea Schoch gibt dir dazu Tipps:
- Das Netzwerk aktivieren: Freunden, Verwandten, Bekannten und Nachbarn erzählen, welche Stelle man sucht. Persönliche Kontakte können Türen öffnen.
- LinkedIn aktiv nutzen: Nicht nur Stellenanzeigen durchforsten, sondern passende Unternehmen und Personen aus dem eigenen Netzwerk finden und gezielt ansprechen.
- Fokus auf Verantwortung und Resultate: Im Lebenslauf konkret beschreiben, welche Verantwortung man hatte und welche Resultate man erzielt hat.
- Bewerbung auf die Stelle zuschneiden: Mit Unterlagen, die persönlich wirken, auf die Stelle zugeschnitten formuliert sind und echtes Interesse an der Stelle zeigen, punktet man oft besser. Als Leistungsnachweise können Projekte, Nebenjobs, Vereinsarbeit, Freelance-Aufträge, eigene Websites, Social-Media-Projekte oder schulische Arbeiten genutzt werden.
- Perspektive wechseln: Nicht nur fragen: «Welche Stelle ist frei?», sondern zeigen: «Das kann ich, das mache ich gerne – und damit kann ich das Unternehmen unterstützen.»
- Strategie rechtzeitig ändern: Führen rund 30 sorgfältige Bewerbungen zu keinem Gespräch, sollten CV, Zielposition, Suchkanäle und Positionierung überprüft werden.
- Hilfe holen: Wenn die Stellensuche feststeckt, kann eine professionelle Laufbahnberatung helfen, das eigene Profil zu schärfen und neue Wege zu finden.
Die klassische Bewerbung hat noch nicht ausgedient
Laut der Expertin sind Lebenslauf für über 90 Prozent und das klassische Bewerbungsschreiben für die Hälfte der rekrutierenden HR- und Führungspersonen im Schweizer Arbeitsmarkt weiterhin das wichtigste Instrument. KI verändert den Prozess jedoch stark: Bewerbende können innerhalb kürzester Zeit Unterlagen erstellen, wodurch Unternehmen mit Bewerbungen regelrecht geflutet würden. Gleichzeitig seien KI-generierte Bewerbungen inhaltlich oft kaum voneinander zu unterscheiden. Unternehmen wiederum setzen KI und Bewerbermanagement-Systeme für die Vorselektion ein.
* Name der Redaktion bekannt.
Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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