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Sunday, September 20, 2026

Ruhestand: Wie viel Vermögen Rentner wirklich ausgeben können

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Zwei alte Menschen in einem Park.

Geld im Ruhestand Sparen sich manche Rentner unnötig arm?

Stand: 20.09.2026 • 13:59 Uhr

Viele Menschen haben fürs Alter Vermögen aufgebaut. Doch wie viel davon können sie im Ruhestand ausgeben? Eine bekannte Faustregel ist nicht für jeden Rentner die beste Lösung.

Angela Göpfert

Knapp jeder fünfte Mensch im Ruhestand ab 65 Jahren gilt in Deutschland als armutsgefährdet. Zugleich haben viele Haushalte bis zum Ende ihres Erwerbslebens beträchtliche Rücklagen aufgebaut. Bei den 55- bis 64-Jährigen lag das Nettovermögen 2023 im Median bei rund 241.000 Euro. Das zeigt eine Auswertung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) auf Basis von Bundesbank-Daten.

Wer fürs Alter Vermögen aufgebaut hat, steht im Ruhestand vor einer anderen Frage: Wie viel davon kann ich eigentlich ausgeben - ohne später knapp bei Kasse zu sein? Eine bekannte Faustregel sagt: vier Prozent des Vermögens im ersten Rentenjahr, danach steigt der Betrag jedes Jahr mit der Inflation. Die Vier-Prozent-Regel galt jahrzehntelang als solider Richtwert.

Doch inzwischen gibt es Zweifel, ob sie manche Rentner nicht zu vorsichtig macht. Denn auch das andere Extrem kann zum Problem werden: Mit 90 noch auf einem großen Vermögen zu sitzen, hilft wenig, wenn etwa Reisen aus gesundheitlichen Gründen kaum noch möglich sind.

Vier-Prozent-Regel im Praxistest

Wie viel dabei am Ende - auch dank des Zinseszinseffekts - übrigbleiben kann, hat der Ruhestandsplaner Retire Capital anhand historischer Kapitalmarktdaten aus 75 Jahren untersucht.

"Da ist in unserer Studie, wir haben mit 300.000 Euro Startkapital gerechnet, nach 35 Jahren im Durchschnitt noch 1,1 Millionen übrig - also Kapital, das man eigentlich hätte verleben können oder von dem man einen besseren Ruhestand hätte haben können", sagt CEO Markus Weis im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Die in der Studie genannten Beträge sind nominal, also nicht um die Inflation bereinigt.

Sparschwein, Taschenrechner, Kalkulationstabelle und ein Laptop auf einem Tisch.

Zinseszinseffekt einfach erklärt

Beim Zinseszinseffekt erwirtschaften auch bereits erzielte Gewinne, werden sie nicht ausgezahlt, wieder neue Gewinne. Bleibt das Geld lange angelegt, kann das Vermögen dadurch immer stärker wachsen.

Historische Börsendaten als Ausgangspunkt

Die Vier-Prozent-Regel geht auf den US-Finanzberater William Bengen zurück. Er untersuchte 1994 anhand historischer Börsendaten seit 1926, wie viel Ruheständler jährlich entnehmen konnten, ohne ihr Vermögen innerhalb von 30 Jahren aufzubrauchen.

Sein Ergebnis: Mit einer anfänglichen Entnahme von 4,15 Prozent hätte das Geld selbst in besonders ungünstigen historischen Börsenphasen gereicht. Bengen betont allerdings, dass dieser Wert keineswegs für alle Ruheständler gelten muss.

Auf jeden Fall ist es wichtig zu verstehen, dass sich die Entnahmerate von 4,15 Prozent nur auf eine einzige Person bezog, die Ende Oktober 1968 in den Ruhestand ging. Dieser Ruheständler sah sich mit einer 'Perfekter-Sturm'-Situation konfrontiert - einer Kombination aus mehreren Bärenmärkten an den Aktienbörsen und hoher Inflation -, die den Wert seines Portfolios rapide schrumpfen ließ.

William Bengen

Alle anderen Ruheständler in Bengens Datenbank konnten von teils deutlich höheren Entnahmeraten profitieren.

Geldscheine liegen auf einem Tisch.

So funktioniert die Vier-Prozent-Regel

Wer mit 300.000 Euro in den Ruhestand startet, entnimmt im ersten Jahr 12.000 Euro. Bei zwei Prozent Inflation wären es im zweiten Jahr 12.240 Euro. So soll die Kaufkraft der Entnahmen erhalten bleiben.

Mehr Aktien bringen nicht automatisch mehr

Das US-Finanzanalysehaus Morningstar landet mit aktuellen Berechnungen dennoch fast genau bei vier Prozent. Rund 3,9 Prozent könnten Ruheständler im ersten Jahr entnehmen - bei 30 Jahren Ruhestand und einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass am Ende noch Geld übrig ist.

Die 3,9 Prozent gelten für Portfolios mit einer Aktienquote von etwa 30 bis 50 Prozent. Bei sehr hohen Aktienquoten sinkt die als sicher geltende Anfangsentnahme wegen stärkerer Kursschwankungen: Für ein reines Aktienportfolio kommt Morningstar nur auf rund 3,4 Prozent.

Flexible Entnahmen schaffen mehr Spielraum

Allerdings müssen sich Ruheständler nicht mit Entnahmeraten von vier Prozent oder weniger begnügen. Mehr Spielraum hat, wer seine Ausgaben an die Entwicklung der Märkte anpasst: Nach schwachen Börsenjahren wird weniger entnommen, nach guten mehr. Morningstar-Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen, die solche Schwankungen akzeptieren, mit einer Entnahmerate von fast sechs Prozent starten können.

Wie flexibel Ruheständler dabei sein können, hängt auch von ihren Fixkosten und anderen Einkünften ab. Je mehr laufende Ausgaben durch eine gesetzliche oder betriebliche Rente gedeckt sind, desto flexibler können sie mit ihrem Depot umgehen.

Warum die Ausgaben im Alter häufig sinken

Hinzu kommt: Viele Menschen geben im Laufe des Ruhestands ohnehin weniger aus. Der US-Ökonom David Blanchett hat untersucht, wie sich die tatsächlichen Ausgaben älterer Menschen entwickeln. Sein Ergebnis: Inflationsbereinigt sinken sie bei vielen mit zunehmendem Alter - selbst bei finanziell gut aufgestellten Haushalten.

Wer dennoch so plant, als müsse er bis ins hohe Alter jedes Jahr gleich viel Kaufkraft aus dem Depot ziehen, könnte seinen tatsächlichen Kapitalbedarf überschätzen. Das spricht dafür, gerade in den ersten, häufig aktiveren Jahren des Ruhestands mehr auszugeben. Manche Menschen könnten zudem mit weniger angespartem Kapital auskommen, als Modelle mit konstanten realen Ausgaben nahelegen.

Mehr Geld für die Erben?

Welchen Nutzen hat also die Vier-Prozent-Regel noch? Sie bleibt ein brauchbarer Sicherheitsanker, damit das Geld im Ruhestand nicht ausgeht. Je nach Entwicklung der Märkte kann dabei allerdings ein beträchtliches Vermögen übrig bleiben - Geld für die Erben statt für den eigenen Ruhestand.

William Bengen selbst schreibt: "Vielleicht sagt Ihnen dieses Szenario zu. Wenn ja, ist die Vier-Prozent-Regel genau das Richtige für Sie." Für alle anderen könnte gerade in den ersten, womöglich aktiveren Rentenjahren mehr Konsum drin sein. Denn am Ende gibt es zwei Risiken: dass das Geld zu früh ausgeht - oder dass man zu wenig davon nutzt.

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