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Tuesday, October 6, 2026

Bundesrat, ein Job, den keiner mehr will?

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«Hat viel von seiner Attraktivität verloren»

Bundesrat, ein Job, den keiner mehr will?

Bundesrat zu sein, lädt laut Experten nicht mehr zum Träumen ein: härtere internationale Beziehungen, langsame Innenpolitik, ein Job als Verwalter statt als Visionär. Viele mögliche Kandidatinnen und Kandidaten verlieren deshalb den Mut.

Publiziert: 05.10.2026 um 19:08 Uhr

  • Guy Parmelin geht müde; Experten sehen ein härteres Amt
  • US-Zölle, Donald Trump und Krisen zeigen begrenzten Einfluss
  • Langsame Reformen und Exponiertheit schrecken Kandidaten ab

Ist das Amt als Bundesrat oder Bundesrätin noch ein Traumjob? Diese Frage warf Guy Parmelin (66) letzten Freitag selbst zwischen den Zeilen auf.

Der scheidende Wirtschaftsminister sprach von «Müdigkeit», dem Verlust des «inneren Feuers» und einem «viel härteren und unsichereren internationalen Umfeld». Die Zeit, «in der man einen Anruf machte, um einen Termin mit einem Regierungschef zu vereinbaren», sei vorbei. Die Schweiz riskiere ohne Anpassung «ein abruptes Erwachen».

Bundesräte zuletzt stark gefordert

Parmelins Erfahrungen der vergangenen Monate – genauso wie jene seiner FDP-Kollegin Karin Keller-Sutter (62) – waren laut ihm vom «Hammerschlag» der amerikanischen Zölle geprägt, die zwischenzeitlich auf bis zu 39 Prozent angehoben wurden. In den schwierigen Verhandlungen mit der Trump-Regierung zeigte sich, wie wenig Einfluss die Schweizer Regierung hatte; schlussendlich fand eine Delegation von Geschäftsleuten im Weissen Haus mehr Gehör.

Während Parmelin die angespanntesten Momente seiner Karriere erlebte, musste Keller-Sutter, vom amerikanischen Präsidenten mehrfach verspottet, nie dagewesene Situationen bewältigen. Gleichzeitig lieferte sie sich eine Kraftprobe mit UBS-Chef Sergio Ermotti (66), der sich den strengeren Regulierungen für die Grossbank widersetzte.

Kurz zuvor war Verteidigungsministerin Viola Amherd (64, Mitte) zurückgetreten – nachdem sie ihr Departement äusserst umstritten geführt hatte. Schon damals zeigte sich, dass das Amt zunehmend an Attraktivität verliert: Potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger nannten «mangelnde Lust», das Bedürfnis nach «persönlicher Freiheit» oder familiäre Gründe.

Dringlichkeiten statt Vision

Der Zürcher Geschäftsmann Jürg Stäubli (68), unabhängiger Lobbyist im Kanton Waadt und Kenner der Schweizer Politik, sagt: «Die Funktion des Bundesrats hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert und viel von ihrer Attraktivität verloren.» Es gehe nicht mehr darum, «eine wirtschaftliche und soziale Vision für das Land umzusetzen», sondern Dringlichkeiten unter zahlreichen rechtlichen und administrativen Einschränkungen zu bewältigen. «Es sind die Juristen und die Verwaltung, die die Departemente ‹führen›, und nicht mehr die Politiker. Bundesrat zu sein, ist deshalb zu einer Funktion als Verwalter statt als Visionär und Entscheidungsträger geworden.»

Ähnlich sieht es Roberto de Primis, Geopolitik-Spezialist und Gründer des Beratungsunternehmens EURintelligence in Brüssel (BE) und Genf: «Auf Bundesebene wird das Regieren immer schwieriger.» Die Schweiz habe nicht an Bedeutung verloren, doch gegenüber Schwergewichten verliefen Verhandlungen mittlerweile harzig. «Es geht nicht um Guy Parmelin oder die Funktion an sich, sondern darum, dass die Welt im Jahr 2026 härter geworden ist und sich dies mit Trumps zweiter Amtszeit noch verstärkt hat.» Ein Land ausserhalb grosser Blöcke habe es international schwer; selbst für die EU sei der Dialog mit Donald Trump nicht einfach. In der Schweiz erziele man auf kantonaler Ebene mehr sichtbare Wirkung als auf Bundesebene.

«Man muss differenzieren», sagt Romaine Jean, ehemalige RTS-Produzentin und Spezialistin für politische Kommunikation. «Für eine Magdalena Martullo-Blocher beispielsweise ist die Stelle weniger interessant, denn für eine Unternehmerin auf ihrem Niveau finden sich Geld und Einfluss vielleicht anderswo.»

Sie hinterlassen noch immer Spuren

Jean sieht eine Machtverschiebung von Staaten zu supranationalen Institutionen wie Brüssel oder der Nato. Dennoch könnten Bundesräte weiter Wirkung erzielen. «Sofern man eine starke Persönlichkeit hat.» Als Beispiel nennt sie Karin Keller-Sutter, die der UBS nach hartem Widerstand neue Eigenkapitalregeln auferlegte.

Sie verweist auch auf Parmelin, der mit seiner Staatssekretärin die Handelsbeziehungen mit China und Indien vorantrieb. Und auf Ignazio Cassis (65, FDP), der in der Aussenpolitik trotz Kritik eine andere Vision vertritt als Didier Burkhalter (66, FDP) und Micheline Calmy-Rey (81, SP), sowie auf Albert Rösti (59, SVP), der die Prioritäten seines Departements zugunsten von Energie und Infrastruktur – und zulasten von Umweltfragen – neu ausrichtete.

Dennoch räumt Jean ein: «Es ist für einen Bundesrat heute in einer von Machtverhältnissen dominierten Welt schwieriger denn je, nicht den Strömungen mächtiger Interessen zu folgen und seine eigene Politik durchzusetzen.»

Konsenssystem nicht mehr zeitgemäss?

«Es ist ein Job, der nicht mehr zum Träumen einlädt, weil die Dinge nicht schnell genug vorankommen und man persönlich zu stark exponiert ist», sagt Stéphane Garelli, emeritierter Professor an der privaten Wirtschaftshochschule IMD und ehemaliger Generaldirektor des Weltwirtschaftsforums in Davos. Neue Generationen, die in die Politik einsteigen wollen, verlören oft den Mut. Grund sei zunächst die Langsamkeit des Amts, «die in einer Welt, in der die amerikanische Verwaltung mit äusserst schnellen executive orders arbeitet, sehr frustrierend ist».

Zudem komme ein Projekt selten zum Abschluss, ohne vom Parlament erheblich verändert zu werden. «Das Schweizer Modell, das auf einem starken Konsens beruht, eignet sich eher zur Verwaltung der Trägheit als für Reformen.»

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