Der lange Weg zur Cyber-Sicherheit
Es ist bemerkenswert, wenn Unternehmer davor warnen, ihre Produkte zu nutzen. Doch das ist den letzten Wochen mehrfach geschehen. So hatten etwa die KI-Entwickler Anthropic und OpenAI mehrere Fälle gemeldet, in denen KI-Systeme sich selbständig gemacht und eine Reihe von Cybersicherheitsvorfällen ausgelöst hatten.
Die Chefs der beiden Unternehmen, Dario Amodei und Sam Altman, riefen deshalb zu einer kollektiven Verlangsamung der KI-Entwicklung auf - und das trotz des harten Konkurrenzkampfs beider Unternehmen. Der amtierende US-Präsident will von staatlicher Regulierung aber nichts wissen: Donald Trump setzt auf die Eigenverantwortung der Branche.
"Deutlicher Evolutionsschritt"
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stellt fest, dass der Einsatz künstlicher Intelligenz die Bedrohungslage erheblich verändert. Entscheidend bleibe daher, dass "Unternehmen und Organisationen sich bestmöglich schützen. Dafür können und sollten sie bestenfalls ebenfalls KI einsetzen, um deren Geschwindigkeitsvorteile zu nutzen", so ein Sprecher des Amtes zur DW.
KI-Wettrüsten: Panikmache oder reale Gefahr?
BSI-Sprecher Joachim Wagner schrieb der DW von einem "deutlichen Evolutionsschritt". Aktuelle Modelle seien "in der Lage, Sicherheitslücken quasi auf Knopfdruck zu finden und den passenden Angriff gleich mitzuliefern." Das biete Chancen, etwa wenn "bestehende Software mit derartigen Modellen auf Schwachstellen geprüft und diese mit Sicherheitsupdates geschlossen" würden. Es bestehe aber eben auch die Gefahr, dass "staatliche Angreifer oder kriminelle Akteure schneller" seien und ihnen die KI Vorteile verschaffe.
Vorteil für die hybride Kriegsführung
Gefragt, wo denn die größten Gefahren lauern würden, nimmt Andreas Schepers, Sprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) das ganze Bild in den Blick. Für Deutschland sei der "Knowhow-Abfluss ist ein sehr großes Risiko". Deutschland sei ein "attraktives Ziel für Wirtschaftsspionage."
Bei der hybriden Kriegsführung, schrieb er der DW, stehe die kritische Infrastruktur im Vordergrund: "Wir müssen besser werden nicht nur zentrale Kraftwerke, Bahnhöfe oder Krankenhäuser zu schützen, sondern in der Fläche auch Stromtrassen, Transformatoren, Schienenverbindungen und Stellwerke, aber auch einzelne Arztpraxen."
USA: Widerstand gegen KI-Rechenzentren
Felix Kuhlenkamp, Leiter Sicherheit beim Digitalverband Bitkom, sieht eine veränderte Bedrohungslage: "Die Grenzen verschwimmen. Spionage, Sabotage und hybride Angriffe gehen ineinander über, und KI verstärkt alle drei. Besonders alarmierend ist die Rolle staatlicher Akteure: 37 Prozent der betroffenen Firmen konnten 2026 Angriffe Geheimdiensten zuordnen, 2023 waren es nur sieben Prozent."
Veränderte Bedrohungslage
Sind deutsche Unternehmen zurzeit denn ausreichend auf diese Bedrohungslage vorbereitet? "Nein", schrieb Manuel Atug, Gründer und Sprecher der AG KRITIS (Kritische Infrastrukturen). Nötig sei "ein funktionales Krisen- und Notfallmanagement, so dass "Auswirkungen von Angriffen möglichst gering ausfallen oder gar nicht von der Bevölkerung bemerkt werden."
Auch der KI-Bundesverbandsgeschäftsführer Daniel Abbou sieht Deutschland noch lange nicht am Ziel: "Die Bedrohungslage verändert sich aktuell deutlich schneller als die Strukturen. Angreifer nutzen KI inzwischen ganz selbstverständlich, wodurch Sicherheitslücken inzwischen schneller und in größerer Zahl gefunden werden, als Behörden und Unternehmen sie schließen können."
Hohe Kosten
Felix Kuhlenkamp, Leiter Sicherheit beim Digitalverband Bitkom, rechnet vor, dass "die Schäden durch Cyberattacken allein für die deutsche Wirtschaft bereits heute zwischen 160,4 und 205,8 Milliarden Euro pro Jahr liegen." Er schränkt ein, dass sich die nötigen Investitionen nicht seriös berechnen ließen. Aber ein Beispiel hat er dennoch: "Alleine das BMDS (Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung) plant für den Haushalt 2027 Ausgaben in Höhe von 501 Millionen Euro für den Schutz der informationstechnischen Systeme des Bundes."
Daniel Abbou betont der DW gegenüber, die Abwehr von Cyber-Bedrohungen dürfe "keine reine Kostenfrage sein, sondern ist auch Standortsicherung. Wir fordern deshalb mindestens eine Verdreifachung der öffentlichen Mittel für die europäische KI-Modellentwicklung."
Künstliche Intelligenz: Wer soll das bezahlen?
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Manuel Atug hat ein klares Ziel vor Augen: Resilienz. Es brauche ein begründetes Vertrauen, "dass alles morgen noch weiterläuft, egal ob es sich um eine Vorsatzhandlung, einen Unfall, ein Klimaereignis oder den Einsatz einer Software zur Automatisierung von Angriffen handelt."
So sieht das auch Andreas Schepers vom DFKI. Es gelte, "wirksame Strukturen zu erarbeiten, um die öffentliche Infrastruktur vor Angriffen durch KI-Agenten, durch ausländische Akteure oder inländische Extremisten zu schützen."
Felix Kuhlenkamp vom Digitalverband Bitkom nennt auch Zahlen: "Wir brauchen klare Zuständigkeiten und der Staat muss Informationen und Erkenntnisse mit der Wirtschaft teilen. Aber auch die Unternehmen müssen nachlegen: Der Anteil des IT-Budgets für Sicherheit stagniert bei 18 Prozent, wir empfehlen mindestens 20 Prozent."
Braucht es eine Internationale Antwort?
Ja! Da sind sich alle befragten Experten einig. "Wir sollten dabei konsequent europäisch denken", sagt Kuhlenkamp: "Angreifer machen an Landesgrenzen nicht halt. Wir brauchen einheitliche Regeln statt 27 Sonderwege, gemeinsame Lagebilder und eine enge Verzahnung mit der Wirtschaft. Dann ist Europa wehrhaft."
DFKI-Sprecher Schepers weist auf die chronische Langsamkeit der EU hin, sie sei oft sehr schwerfällig. Es stimme, dass "die EU zwar sehr viel erreichen kann, aber für die Umsetzung noch zu viel Zeit braucht. Das Problem ist bekannt, und ich glaube, es wird adressiert."
KRITIS-Gründer Manuel Atug ist sich sicher: "Eine funktionierende Sicherheitsstruktur auf EU und deutscher Ebene gibt es, wenn der politische Wille da ist. Dann geht das, ja."
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