«Die USA sind jetzt am Ende»

- Erstmals seit Jahrzehnten gewinnen die Demokraten in Texas die Gouverneurswahl und sichern sich auch den Senatssitz.
- Republikanische Wählerinnen und Wähler in Dallas und McKinney reagieren mit Schock, Frust – und auch echter Wut.
- Demokraten wie Bryan, Kathy und Juan dagegen jubeln und erhoffen sich Verbesserungen bei Bildung und Wirtschaft.
- Wechselwähler wie Lori prägen die Wahl, weshalb viele Texas einen «violetten Staat» nennen.
Riesige Ölfelder, strenge Einwanderungspolitik, selbstverständlicher Waffenbesitz und Vieh treibende Cowboys: Dafür stand der historisch tiefrote Bundesstaat Texas – bis zu den diesjährigen Midterms mit der blauen Welle. Erstmals seit Jahrzehnten haben sich die Demokraten bei der Gouverneurswahl durchgesetzt und auch den Senatssitz gesichert.
Am Tag danach schwanken viele republikanische Wählerinnen und Wähler zwischen Ungläubigkeit und Schock. Bei manchen herrscht auch grosse Wut. Zwei Frauen in ihren 50ern kommen in Dallas gerade vom Brunch: «Wir betrinken uns aus Frust», sagt eine, bevor sie in ihren Wagen steigt. Als 20 Minuten nachhaken will, kommt ein: «Wollt ihr uns etwa ausspionieren? Es gibt nur eins zu sagen: America is fucked now, die USA sind jetzt am Ende!»
«Gott wird aus diesem Land verdrängt»
Bei anderen herrscht schon fast Weltuntergangsstimmung: «Ich habe Sorge, dass Gott aus diesem Land verdrängt wird», sagt Michelle (52), als 20 Minuten sie in McKinney anspricht, einem republikanisch geprägten Vorort von Dallas. «Ich glaube nicht an Geschlechtsumwandlungen und stehe für den Schutz ungeborenen Lebens. Abtreibungen lehne ich ab. Es fühlt sich an, als würde das bald alltäglicher werden, und das beunruhigt mich sehr.»
Die Republikanerin sieht der Zukunft mit Grauen entgegen: «In zwei Jahren wird es vermutlich auch keinen republikanischen Präsidenten mehr geben, und Texas wird demokratisch bleiben. Ich bin einfach nur fassungslos.»
«In zwei Jahren wird Texas wieder republikanisch»
«Ich hätte nicht gedacht, dass es so kommen würde», sagt auch Mike (65), ein Barbershop-Besitzer aus McKinney. «Wird jetzt etwas besser? Ich bin mir da nicht sicher», sagt er. Es habe in der US-Politik zwar Veränderungen gebraucht – «aber ist das wirklich die Veränderung, die wir brauchen?» Er tröstet sich damit, dass der politische Wechsel in zwei Jahren mit der Präsidentschaftswahl wieder rückgängig gemacht werden könne.
«Es gibt gute Republikaner und gute Demokraten. Letztlich wollen alle das Beste für unser Land.»
Etwas gelassener sieht es Mary (54): «Wir müssen alle einen Schritt zurücktreten und einander zuhören – mit einem offenen Geist und einem offenen Herzen», so die Republikanerin. Derzeit gebe es zu viele Extreme auf beiden Seiten. «Dabei gibt es gute Republikaner und gute Demokraten. Letztlich wollen doch alle das Beste für unser Land.»
Marys Eltern, die die Tochter begleiten, widersprechen ausdrücklich: Sie hätten nie damit gerechnet, dass Texas angesichts seiner vielen konservativen Wähler jemals demokratisch würde. «Unter einem demokratischen Kongress wird sich die Lage weiter verschlechtern.» Sie hoffen, dass das Ergebnis «nur ein vorübergehender Rückschlag» sei, ausgelöst durch die schlechte wirtschaftliche Lage. «In zwei Jahren wird Texas wieder republikanisch wählen», sind sie überzeugt.
Genugtuung unter den Demokraten
Unter den demokratischen Wählern herrscht am Tag danach Jubelstimmung. Ein Kellner in einem Frühstücksrestaurant in Dallas berichtet von Stammgästen, die schon am Morgen Mimosa statt Kaffee bestellt und grosszügig Trinkgelder gegeben hätten. Und die wenigen Demokraten, die 20 Minuten in McKinney antrifft, verspüren Genugtuung.
«Texas muss wieder wettbewerbsfähig werden.»
«Was die Republikaner in den letzten 30 Jahren in Texas gemacht haben, hat den Bundesstaat heruntergewirtschaftet», sagt Bryan (53). «Bildung, Gesundheitsversorgung, Versorgung von Müttern – wir stehen auf der Liste landesweit ganz unten.»
Seine Partnerin Kathy (47) fügt an: «Unter dem bisherigen republikanischen Gouverneur hat man statt der breiten Bevölkerung lediglich die Reichen unterstützt – ihre Kinder schickte man auf Privatschulen mit ultrarechten christlichen Vorstellungen, statt Geld in die öffentlichen Schulen zu stecken.» Dies, so sind beide sicher, werde sich nun mit einem demokratischen Gouverneur ändern. «Texas muss wieder wettbewerbsfähig werden.»
«Früher war ich Republikanerin, dann kam Trump»
Ähnlich sieht es Jaimya (25) aus Dallas: «Die Menschen erkennen endlich, wie schlecht die Republikaner für uns waren.» Nun gehe es «endlich in die richtige Richtung» und werde Fortschritt möglich. Das werde die Menschen in Texas überzeugen: «Texanerinnen und Texaner werden in zwei Jahren bei der Präsidentschaftswahl wieder demokratisch wählen», ist sie überzeugt.
Für Juan (32) war das Wahlergebnis «längst überfällig», Texas habe sich schon seit einiger Zeit in diese Richtung entwickelt. «Ich hoffe, dass sich in den kommenden Jahren zeigt, was daraus entstehen kann. Jetzt geht es darum, die grossen Probleme in Texas anzugehen: die hohen Grundsteuern, Familien, die um ihre Existenz kämpfen, und die wirtschaftliche Lage. Das Ergebnis ist ein Schritt in die richtige Richtung.»
«Donald Trump hält sich offenbar für unantastbar.»
Die nun aufkommenden Diskussionen über mögliche Amtsenthebungsverfahren gegen Trump und Korruptionsvorwürfe gegen die amtierende Regierung bezeichnet er als Nebengeräusche. «Die Menschen, die wir gewählt haben, sind da, um Veränderungen für uns Bürger zu bewirken – nicht, um gegen die andere Partei vorzugehen.»
Und dann gibt es noch Wechselwähler wie Lori (59), die diese Midterms stark prägten: «Früher war ich überzeugte Republikanerin», sagt die 59-Jährige. «Aber Donald Trump hat meine Sicht auf Politik grundlegend verändert.» Die Korruption, der Einfluss von Milliardären und die Art, wie diese Regierung geführt werde, hätten sie enttäuscht. «Der US-Präsident hält sich offenbar für unantastbar und glaubt, alles allein bestimmen zu können. Die Wählerinnen und Wähler haben ihm nun deutlich gezeigt, dass das nicht stimmt.»
Bewährungsprobe im «violetten Staat»
Entscheidend sei nun, was die Demokraten in den nächsten zwei Jahren erreichen würden. «Ich werde wohl eher wieder republikanisch wählen», sagt Lori. Ihr Sohn Matt fügt hinzu: «Ich werde genau beobachten, wer kandidiert und welche Politik vertreten wird. Am Ende wähle ich die Person, die sich am besten für die Menschen und die Wirtschaft einsetzt – unabhängig von der Partei.»
Wegen der vielen Wechselwähler wie Lori nennen viele der Demokraten und Republikaner, mit denen 20 Minuten gesprochen hat, Texas inzwischen einen «violetten Staat» – eine Mischung aus demokratischem Blau und republikanischem Rot. Welche Farbe künftig überwiegt, hängt auch davon ab, ob die Demokraten die Bewährungsprobe in den kommenden zwei Jahren bestehen.
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.
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