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Monday, November 2, 2026

Die Sorge vor wachsendem Judenhass überschattet die Eröffnung der Jüdischen Akademie

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"Man muss den Hass bekämpfen mit Bildung, Bildung und nochmals Bildung." Es soll eine festliche Rede sein von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, zur Eröffnung der Jüdischen Akademie in Frankfurt am Main. Aber es ist auch eine warnende und geradezu traurig klingende Rede.

Josef Schuster, die Ehefrau des Bundespräsidenten Elke Büdenbender, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (von links nach rechts) durchschneiden vor dem Eingang zum Akademie-Bau ein lilafarbenes Band, das mit dem Titel des Zentralrats beschriftet ist. Im Hintergrund sieht man die Fassade des modernen Baus, davor mehrere Mitarbeiter.
Symbolischer Schnitt: Josef Schuster, die Ehefrau des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (von links nach rechts) durchschnitten am Eingang zum Akademiebau ein BandBild: Kirill Kudryavtsev/AFP

Man spürt, dass Schuster, seit zwölf Jahren an der Spitze des Zentralrats, der politischen Floskeln und Sonntagsreden zum Thema Antisemitismus in Deutschland müde ist. "Wer behauptet, Judenhass habe keinen Platz, der verleugnet die Realität. Der Hass hat sich diesen Platz längst genommen."

Bedrohtes jüdisches Leben

So liegt eine sorgenvolle, ernste Stimmung über der Akademie-Eröffnungsfeier. Und ein Beharren. Dieses Haus, sagt Schuster, sei das Sinnbild für "unseren Anspruch als jüdische Gemeinschaft, in Deutschland zuhause zu sein", ein "Meilenstein". Zugleich sagt Schuster: "Jüdisches Leben in Deutschland ist so bedroht wie seit dem Menschheitsverbrechen der Schoa nicht mehr."

Schuster äußert sich, wie nach ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier , auch ganz konkret zur Tagespolitik. "Parteien, in denen der Antisemitismus ein Zuhause gefunden hat, schicken sich an, Regierungen in Bundesländern zu übernehmen", sagt der Zentralrats-Präsident. Da geht es ihm offenkundig um einen möglichen künftigen AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt, nachdem die dort vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte AfD mit Abstand stärkste Partei bei der Landtagswahl wurde. Und um den Versuch, im Bundesland Berlin unter Führung der Linkspartei eine rot-rot-grüne Landesregierung zu bilden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) und seine Frau Elke Büdenbender beim Betreten des großen Saales der Akademie. Auf beiden Seiten sieht man applaudierende Gäste
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender beim Betreten des großen Saales der AkademieBild: Michael Probst/AFP

Steinmeier spricht von einer "unruhigen, aufgewühlten und auch bedrohlichen Gegenwart" für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Er formuliert eine "klare Erwartung" an alle politischen Parteien: "Im Ringen um die Macht darf der Schutz jüdischen Lebens niemals zur politischen Verhandlungsmasse werden. Niemals darf die direkte, glaubwürdige, unzweideutige Abwehr des Antisemitismus in Frage stehen." Das gelte "von der Parteispitze bis zur Parteibasis und bei ihren Anhängern".

Antisemitismus, so Steinmeier, müsse "ohne Hintertür und Vorbehalt in die Schranken gewiesen", auch politisch bekämpft werden. "Wo über Koalitionen verhandelt wird und Regierungen gebildet werden, muss das Bedingung sein. Antisemitismus darf nirgendwo in Deutschland Einfluss auf die Regierungsarbeit bekommen." Deutlicher kann ein Bundespräsident während laufender Parteiengespräche auf Landesebene kaum werden.

Steinmeier geht auch auf Kritik an der Politik Israels ein und verurteilt Judenhass, "der sich als Kritik oder Protest, als politische Haltung im Nahostkonflikt tarnt". Dabei ließen sich Kritik und Hass leicht unterscheiden. Wenn "Freunde Israels ihre Sorge um die fortdauernde katastrophale Lage im Gazastreifen zum Ausdruck bringen oder Siedlungsaktivitäten in der Westbank kritisieren", sei das Teil der demokratischen Auseinandersetzung. Wer aber diese Kritik nutze, um dem Staat Israel "das Existenzrecht abzusprechen und zur Gewalt aufzurufen, der hat die Grenze zum Judenhass überschritten".

Mit Bildung gegen Hass

Den Hass bekämpfen mit Bildung: Die Jüdische Akademie in Frankfurt am Main, ein europaweit einzigartiges Projekt, soll mit diesem Anspruch an Glanzzeiten jüdischen Geisteslebens anknüpfen.

Der Zentralrat entschied sich bewusst für Frankfurt als Standort der Akademie. Die Main-Metropole gehört neben Berlin, München und Düsseldorf heute zu den wichtigen Standorten jüdischen Lebens in Deutschland. 

Das neue Gebäude der Jüdischen Akademie, im Hintergrund eines der zahlreichen Hochhäuser im Frankfurter Westend
Die Jüdische Akademie steht zwischen Hochhäusern des Frankfurter WestendsBild: Michael Probst/AP Photo/dpa/picture alliance

Vom Akademie-Bau sind es knapp zehn Gehminuten bis zur Synagoge im Westend. Auf der anderen Seite liegt in Sichtweite das Gelände der Frankfurter Messe mit der Festhalle, in der die Nazis 1938 jüdische Männer zusammenpferchten und von dort aus in Konzentrationslager deportierten.

Bei all dem verweist die Ansiedlung auf die traditionell große Bedeutung der Stadt für die jüdische Gemeinschaft und auf die Bedeutung jüdischen Lebens für die Stadt. Hier wurde 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet, der heute seinen Sitz in Berlin hat. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden ist hier beheimatet. Das 1988 dort eröffnete Jüdische Museum ist das wichtigste bundesweit.

Aber vor allem gehören jüdische Denker untrennbar zur Frankfurter Geistes- und Universitätsgeschichte. Frankfurter Juden trugen zur Gründung der Goethe-Universität bei. Dazu zählt auch das 1920 gegründete und rasch erfolgreiche Jüdische Lehrhaus, das mit dem Namen des Philosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) verbunden ist. 1938 wurde es von den Nazis geschlossen.

Ein Ort des Dialogs

Ausführlich erinnert Steinmeier an Rosenzweig und dessen Konzept des Jüdischen Lehrhauses. "Dieser Ort des Wissens und des Dialogs war etwas Hoffnungsstiftendes, etwas Aufregendes und etwas Neues." Der Bundespräsident kommt auch auf die Schoa zu sprechen, die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, den "Plan der Auslöschung", der auch der jüdischen Welt des Lernens und Wissens gegolten habe.

Der Bau im von Hochhäusern geprägten Frankfurter Westend verbindet die Tradition einer gut 110 Jahre alten Gründerzeitvilla mit einem viergeschossigen Neubau. Er mutet dank vieler Glasflächen fast transparent an und spielt ein wenig mit geometrischen Linien. Alt und neu - Geschichte und Moderne.   

"Wir verstehen uns als ein Ort, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen verhandelt werden", sagt Sabena Donath, Direktorin der Einrichtung, der DW.

Der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel vor dem Akademie-Eingang mit der Mesusa in der Hand, einer Kapsel mit jüdischen Texten; links neben ihm Sabena Donath, Direktorin der Akademie
Der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel mit der Mesusa in der Hand, einer Kapsel mit jüdischen Texten; links neben ihm Sabena Donath, Direktorin der AkademieBild: Kirill Kudryavtsev/AFP

Vor der Eröffnungsfeier wurde am Eingang der Akademie eine Mesusa angebracht, eine kleine Kapsel mit Schriftversen, die an die Gebote Gottes erinnern sollen. Während die Mesusa für ein jüdisches Haus so wichtig wie symbolisch ist, gehört etwas anderes geradezu existenziell auch zum Neubau dieser Akademie: Sicherheitsmaßnahmen.

"Es ist ein bitterer Zustand, dass jüdische Institutionen bewacht werden müssen", sagt Donath. Die Akademie werde geschützt, so wie jüdische Schulen und Synagogen geschützt werden müssten. "Für uns ist das trauriger Alltag." Die Baukosten von rund 40 Millionen Euro, die etwa zur Hälfte vom Zentralrat, zur Hälfte von Bund und Ländern getragen wurden, gerieten auch wegen der baulichen Schutzmaßnahmen deutlich höher, als bei der Grundsteinlegung 2021 kalkuliert.

Donath und ihr Mit-Direktor Doron Kiesel sehen die Akademie als "Schnittstelle zwischen Wissenschaft und einer breiten Öffentlichkeit", als "ein Haus für die Wissenden und ein Haus für die Fragenden". So solle es, sagt Donath, um religionsphilosophische und ethische Themen gehen, auch um programmatische Debatten zur jüdischen Gegenwart. Kiesel sagt der DW: "Wir wollen zeigen, wie Juden heute leben und wie heterogen jüdisches Leben ist. Und dass es völlig falsch ist, von 'den' Juden oder 'dem' jüdischen Denken zu reden."

An diesem Dienstag stellt sich die Jüdische Akademie der Öffentlichkeit vor. Mit einem Veranstaltungsreigen, zu dem man sich im Vorhinein anmelden musste. "Ein Haus für die Zukunft – Jüdische Perspektiven auf Morgen", so lautet der Titel des ersten Podiumsgesprächs. Es bleibt, so viel ist gewiss, vorerst ein Morgen voller Ängste und Sorgen.

Juden in Deutschland- zwischen Vorsicht und Zugehörigkeit

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