«Es war niemand da – kein einziger Polizist»

- Bei Ausschreitungen am Rande einer Demo gegen hohe Lebenskosten wurden in Frankreich rund 1500 Geschäfte angegriffen.
- Ladenbesitzer in Lyon klagen, sie hätten keinen einzigen Polizisten gesehen.
- Die Regierung macht organisierte linksextreme Gruppen verantwortlich, die Linkspartei kritisiert die Polizei.
Das Ausmass der Verwüstung vom Wochenende in Frankreich hat viele Menschen im Land ratlos und schockiert zurückgelassen. Zahlreiche Ladenbesitzer warteten nach eigenen Angaben vergeblich auf ein Eingreifen der Polizei.
In Lyon zeigt sich der Geschäftsinhaber Fabio Pagotto im Gespräch mit France 3 empört. Randalierer hätten am Samstag am Rande einer Demonstration gegen die «hohen Lebenshaltungskosten» unter anderem sein Bekleidungsgeschäft überfallen.
Haben die Plünderer spontan reagiert?
Von einer spontanen Aktion könne nicht die Rede sein, wie zahlreiche Händler berichten. Die Gewalt, mit der die Plünderer sein Geschäft verwüsteten, habe Fabio Pagotto noch nie erlebt.
Auch Jean-Christophe Baltayan kann seinen Zorn kaum verbergen. Am Nachmittag sei ein «etwa 15-jähriger Jugendlicher» auf ihn zugekommen und habe ihm gedroht: «Wart’s ab, wir kommen wieder.» Am Samstagabend gegen 23 Uhr hätten die Täter ihre Drohung wahr gemacht.
«Sie sind nur gekommen, um alles zu zertrümmern, um einfach alles kurz und klein zu schlagen», sagt der Geschäftsinhaber. «Ich bin keine Ladenkette; ich arbeite jeden Tag, auch am Wochenende.» Besonders wütend mache ihn, dass er keinen einzigen Polizisten gesehen habe.
Was erwarten die Ladenbesitzer von der Politik?
Ein dritter Händler fordert gar den Einsatz der französischen Armee. «Unser Laden wurde komplett ausgeräumt, die Alarmanlage hat die ganze Nacht durchgeheult. Es war niemand da – kein einziger Polizist», berichtet er gegenüber France 3.
Nach Angaben von Alexandre Bompard, dem Vorsitzenden des Handels- und Vertriebsverbands FCD, wurden allein in der Nacht auf Sonntag landesweit rund 1500 Geschäfte angegriffen. Den entstandenen Schaden beziffert Bompard auf «mehrere hundert Millionen Euro».
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Wer sind die Gewalttäter?
Die Regierung schreibt die extreme Gewalt vom Wochenende, die weit über Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften am Rande einer Kundgebung hinausgeht, organisierten linksextremen Gruppen zu. Rund 110’000 Menschen hätten am Samstag in der Hauptstadt friedlich demonstriert, sagte der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure. Einige weitere Tausend Randalierer seien dagegen für die schweren Ausschreitungen verantwortlich. Auch aus anderen Städten heisst es, die Gewalttäter hätten mit der eigentlichen Protestbewegung nichts zu tun.
Profitiert eines der politischen Lager von der Situation?
Diese Frage stellt sich ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl. Nach den Ausschreitungen kam es zunächst zu gegenseitigen Schuldzuweisungen: Die Mitte-Regierung von Premier Sébastien Lecornu warf der Linkspartei vor, die Gewalt geschürt zu haben. Diese wiederum kritisierte ein zu hartes Vorgehen der Polizei.
Die Regierung dürfte durch die chaotische Lage geschwächt werden. Während der Schülerproteste gewann das linke Lager mit seiner Polizeikritik zwar an Zuspruch. Die schweren Ausschreitungen spielen nun jedoch eher den Rechten und Rechtsextremen in die Karten, die eine härtere Linie zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung fordern.
Könnte die Lage weiter eskalieren?
Möglicherweise ja. Für den 5. November wird bereits zu erneuten Protesten aufgerufen. Einer der Organisatoren der Demonstrationen vom Samstag forderte zudem zu Blockaden und Streiks auf.
Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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