Sport statt Apéro: «Vertröste meine Freunde fürs Gym»

«Hast du heute Zeit?» Eine harmlose Nachricht, die bei manchen Stress auslöst. Denn: Die Pilatesstunde um 18 Uhr ist gebucht, das Meal Prep für die nächsten Tage wartet und um 22 Uhr wollte man eigentlich im Bett liegen.
Dass Bewegung, Erholung und gesunde Ernährung wichtig sind, bestreitet niemand. Doch in einem durchgetakteten Alltag hat das Training für manche Priorität. Der spontane Apéro? Die Freundin, die nach einem schlechten Tag reden will? Passt irgendwie nicht mehr zwischen Workout und Nachtruhe.
Wie gehst du damit um, wenn Sporttermine mit Freunden kollidieren?
«Abgemacht ist abgemacht»
Viele geben Sport bewusst Platz im Alltag. Ein Aufruf an unsere Community zeigt: Die meisten machen einen Unterschied zwischen einem fixen und einem spontanen Treffen. So auch Dejan (33). «Eine bereits vereinbarte Verabredung absagen? Das mache ich wegen Sport definitiv nicht. Abgemacht ist abgemacht.»
Hat er sich dagegen schon fürs Training entschieden und jemand fragt spontan nach einem Apéro, findet er es legitim, Freunde fürs Gym zu vertrösten. Ausser die Lust auf das Treffen sei grösser. «Ich frage mich: Was ist mir in dem Moment wichtiger?»
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Spontaneität ist für viele ein No-Go
Für andere ist die Entscheidung weniger verhandelbar. Hans (29) schreibt: «Ich opfere weder meinen Schlaf noch meine Gesundheit für Alkohol, peinlichen Smalltalk und Menschen, die nüchtern kaum interessant sind.»
Auch Lea (23) gibt dem Gym klar Vorrang. Ihren Trainingsplan verschiebe sie nur, wenn sie früh genug von einem Treffen weiss. Spontaneität liege ihr nicht. «Am liebsten nehme ich meine Freunde einfach mit ins Training – Problem gelöst.»
Daniel (38) richtet seine Wochenenden nach den Bergen aus. Treffen macht er «eigentlich nur ab, wenn das Wetter für die Berge nicht passt». Seine Frau teile die Routine und seine Freunde wüssten Bescheid. «Freunde, die nicht in den Bergen unterwegs sind, verstehen das nicht immer.»
Gym statt Freunde treffen: Dann wirds problematisch
Dass das Umfeld die Prioritäten kennt, kann Konflikte entschärfen. Es klärt aber nicht, wie viel Raum der Sport einnehmen soll. Eine feste Routine sei zunächst etwas Positives, sagt die psychologische Beraterin Isabella Vidmar. Sie gebe Struktur, Verlässlichkeit und Orientierung. Gerade wer ein sportliches Ziel verfolgt, brauche sie. Entscheidend sei aber, wie flexibel jemand damit umgehen könne.
«Eine gesunde Routine unterstützt das Leben, während eine starre Routine zunehmend bestimmt, wie das Leben auszusehen hat», sagt Vidmar. Wer gelegentlich eine Pilatesstunde auslasse, weil ein Treffen wichtig sei, bleibe flexibel. Problematisch werde es, wenn schon die Vorstellung davon Stress, Schuldgefühle oder Angst auslöse.
Über die Expertin
Die Therapeutin Tharsika Bühler bewertet nicht die einzelne Absage, sondern das Muster dahinter. Nach einer anstrengenden Woche dürfe man eine spontane Einladung ablehnen, weil man Training oder Schlaf brauche. «Die Frage ist eher: Passiert das gelegentlich oder immer?»
Wenn seit Wochen jedes Treffen dem Sport untergeordnet werde, könne sich eine Freundschaft vernachlässigt anfühlen. Bühler fragt deshalb: «Was brauche ich heute und was braucht diese Beziehung langfristig?»
Über die Expertin
«Man denkt sich am Ende des Lebens nicht: ‹Ich hätte mehr trainieren sollen›»
Lara (32) würde ein Treffen nicht für Sport absagen. Sie glaubt nicht, dass man am Ende des Lebens denke, man hätte mehr trainieren sollen. «Eher schaut man am Ende zurück und denkt an all die Begegnungen mit Menschen.» Für nachhaltige Freundschaften brauche es Zeit.
Soziale Beziehungen sind ein wichtiger Teil des Wohlbefindens, betonen beide Expertinnen. Gerade spontane Begegnungen könnten etwas möglich machen, das sich nicht planen lässt: einen Kaffee nach einer Trennung oder ein Gespräch, wenn das Leben gerade etwas holprig ist.
Das bedeutet nicht, jede Einladung anzunehmen. Sport, Schlaf und Freundschaften erfüllten unterschiedliche Bedürfnisse. Hilfreich seien feste Sportfenster, aber auch freie Zeiten für andere Menschen. Oder man verbindet beides: zusammen joggen, spazieren gehen oder einen Kurs besuchen.
Struktur kann auch Sicherheit geben
Für manche Menschen sind Routinen besonders wichtig. Vidmar weist darauf hin, dass sie etwa Menschen im Autismus-Spektrum Orientierung und Sicherheit geben können; spontane Treffen kosten oft mehr Energie. Hier gibt es keine Regel für alle.
Eine ausgelassene Sporteinheit zerstöre keine gesunde Routine, sagt Bühler. Und eine einzelne Absage keine Freundschaft. Heikel wird es, wenn das Optimieren zwar den Alltag kontrollierbarer macht, das Leben aber kleiner.
Hat dir schon mal ein Freund oder eine Freundin wegen Sport abgesagt? Oder machst du das manchmal?
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
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