«In sieben Jahren bekam ich 400 Franken mehr Lohn»

- Zwei Leser berichten, dass ihre Löhne trotz zusätzlicher Verantwortung kaum oder gar nicht steigen.
- Strassenbauer Mike verdient heute 5910 Franken – 400 Franken mehr als 2019.
- Laborangestellter Paul hat seit zwei Jahren weder eine Lohnerhöhung noch einen Teuerungsausgleich erhalten und sucht mittlerweile einen neuen Job.
Während die Lebenshaltungskosten steigen, bleibt auf dem Lohnkonto vieler Angestellter alles beim Alten. Selbst wer mehr Verantwortung übernimmt und zusätzliche Aufgaben erledigt, bekommt nicht automatisch mehr Geld.
Das erleben auch Mike* (30) und Paul* (32). Beide leisten heute mehr als noch vor einigen Jahren, doch finanziell macht sich das kaum bemerkbar. Die Folgen reichen von Frust im Arbeitsalltag bis hin zum Wunsch, den Arbeitgeber zu wechseln.
Arbeitsalltag verändert sich
Mike arbeitet seit 2019 festangestellt als Strassenbauer. «Damals verdiente ich monatlich 5510 Franken brutto. Heute sind es 5910 Franken.» In sieben Jahren ist sein Lohn damit um gerade einmal 400 Franken gestiegen – durchschnittlich rund 57 Franken pro Jahr.
Dabei hat sich sein Arbeitsalltag verändert. Seit 2021 übernimmt der 30-Jährige gelegentlich die Leitung von Baustellen. Im vergangenen Jahr sprang er zudem wiederholt als Ferienvertretung für Vorgesetzte ein. Finanziell macht sich die zusätzliche Verantwortung allerdings kaum bemerkbar.
Fehlende Qualifikationsnachweise
Auf eine Lohnerhöhung angesprochen, hätten seine Vorgesetzten auf fehlende Qualifikationsnachweise verwiesen. Er sei offiziell weiterhin als Strassenbauer angestellt. Dass sein Einsatz grundsätzlich geschätzt wird, bezweifelt er nicht. Auf die Frage, ob er sich ausreichend wertgeschätzt fühle, antwortet er: «Ja, aber nicht entlöhnt.» Angemessen wären für ihn monatlich 200 bis 400 Franken mehr, wie er erzählt.
Diese Liste kann bei der Lohnverhandlung helfen
Auch die steigenden Lebenshaltungskosten machen ihm zu schaffen. Ein Arbeitgeberwechsel kommt für Mike dennoch nicht infrage: «Ich bin in der Region verwurzelt, kenne meine Arbeitskollegen und glaube nicht, dass die Bedingungen anderswo wesentlich besser wären.»
«Meine Motivation ist verschwunden»
Auch Paul (32), der in einem Labor im Gesundheitswesen arbeitet, kennt das Problem. Seit zwei Jahren hat er weder eine Lohnerhöhung noch einen Teuerungsausgleich erhalten, wie er sagt. «Aktuell verdiene ich 5519 Franken brutto bei einem 90-Prozent-Pensum, ausbezahlt 13-mal jährlich.»
Weiter erzählt er: «Ich habe mir nicht nur zusätzliche Verantwortung auf eigene Initiative geholt, sondern auch die dafür notwendige Einarbeitung grösstenteils selbst organisiert und durchgeführt.» Eine finanzielle Anerkennung sei jedoch ausgeblieben.
Stimmung ist angespannt
Mehrfach habe er bei seinen Vorgesetzten und der Personalabteilung eine bessere Entlöhnung gefordert. Seine Anliegen seien jedoch immer wieder abgewimmelt worden. Zusätzlich zur stagnierenden Lohnentwicklung hat sich laut Paul auch die Arbeitsbelastung erhöht.
Sein Team sei signifikant verkleinert worden. Und: «Wir müssen praktisch dieselbe Menge an Arbeit mit deutlich weniger Personal in derselben Zeit bewältigen», sagt er. Die Stimmung sei zunehmend angespannt.
«Ich gehe ungern zur Arbeit»
Mittlerweile habe er Konsequenzen gezogen: «Ich gehe ungern zur Arbeit. Meine Motivation ist praktisch vollständig verschwunden, weil ich das Gefühl habe, dass meine Leistung und meine zusätzliche Verantwortung weder geschätzt noch entlöhnt werden.»
Freiwillig zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, sehe er deshalb nicht mehr ein. «Wenn künftig noch mehr von mir verlangt wird, ohne dass sich beim Lohn etwas verändert, wird meine Antwort zunehmend einfach Nein lauten.»
«Seit vier Jahren versuche ich, für einen neuen PC zu sparen»
Auch privat spürt Paul die finanziellen Folgen. Ein eigenes Auto könne er sich seit Jahren nicht leisten. Beim Ausgang und bei Freizeitaktivitäten müsse er sich zunehmend einschränken.
Besonders deutlich wird die Situation an seinem Computer. Dieser sei mittlerweile fast 20 Jahre alt. «Seit vier Jahren versuche ich, Geld zur Seite zu legen.» Doch immer wieder müsse er auf die Ersparnisse zurückgreifen, um unerwartete Ausgaben zu decken.
Was machst du, wenn dein Lohn trotz mehr Arbeit nicht steigt?
«Während praktisch alles immer teurer wird, bleibt mein Lohn seit Jahren nahezu unverändert», sagt er. Besonders frustrierend sei, dass er trotz seiner Erfahrung und zusätzlichen Verantwortung finanziell immer weniger Spielraum habe.
Anders als Mike hat Paul mit seinem Arbeitgeber bereits abgeschlossen. «Ich sehe für mich dort keine langfristige Zukunft mehr.» Er sucht intensiv nach einer neuen Stelle. «Sobald sich eine geeignete Möglichkeit ergibt, werde ich den Arbeitgeber wechseln.»
*Namen sind geändert.
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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