Eine Frage der Sichtweise: Mit Richard Wagner vorm Barbershop

An der Hobrechtstraße zwischen Berlin-Kreuzberg und -Neukölln ist oft die Hölle los. Durch die rosarote Brille betrachtet, wirkt sie gleich skurriler.
Illustration: Donata Kindesperk / taz
S iehst du das auch?“, fragen wir uns gegenseitig, um sicherzugehen, dass keine von uns sich etwas einbildet. „Ja!“
Beide sehen wir an diesem Abend vieles. Zum Beispiel, dass die T-Shirts der jungen Männer vom Barbershop so weiß sind, dass die Augen wehtun, wenn sie direkt vor uns stehen.
Dann sehen wir, wie drei von ihnen peinlich berührt wegrennen, als ihnen ein älterer, langhaariger Mann irgendetwas wild gestikulierend erzählt. Wir hören nicht, um was es geht, aber zuvor hatte er versucht, mit uns über Richard Wagner zu reden.
Wir sehen, wie die, die in der Runde geblieben sind, ihre Gesichter mit den Händen bedecken, den Kopf schütteln und wie kleine Kinder kichern. Irgendwann geht der Alte weiter, und die drei, die geflohen waren, trauen sich, Capri-Sonne trinkend, zu ihren Freunden zurückzukehren.
Das ereignet sich an meinem neuen Lieblingsspäti, dass wir mit dem Rücken zum Eiskühlschrank sitzen, Feierabendbier trinken und Passanten beobachten.
Was wir auch sehen: Zwei Teenager in Hoodies mit grün gefärbten Haaren, die plötzlich hinter uns stehen, vom Licht des Kühlschranks angeleuchtet. Wir glauben, dass sie uns von oben herab mustern. Eigentlich können sie sich nur nicht entscheiden, ob Cornetto oder Magnum. „Wie in einem Horrorfilm“, sage ich. Sie lächeln uns an, und wir sehen, wie ihre Zahnspangen glänzen.
Ebenso sehen wir einige ältere Paare, Hand in Hand hintereinander an uns vorbeidefilierend und uns stolze Blicke zuwerfend, als wollten sie sagen: „Ja, wir haben uns immer noch gern!“
Diese Ecke in der Hobrechtstraße ist immer sehr lebendig. Aber woran könnte es liegen, dass wir heute so schöne und skurrile Menschen und Augenblicke erwischen?, fragen wir uns.
Und in diesem Moment entdecken wir sie: mehrere vergessene Brillen. Sie liegen hinter uns, auf dem Kühlschrank.
Wir fangen an zu lachen. Das sind bestimmt magische Brillen! Das sind die rosaroten Brillen dieses letzten einigermaßen warmen Abends.
Jahrgang 1978, ist freie Autorin. Fast 10 Jahre lang war sie in verschiedenen spanischsprachigen Redaktionen, Zeitungen und Magazinen in ihrem Heimatland Argentinien tätig. Im Jahr 2008 migrierte sie nach Deutschland. Seit 2015 schreibt sie unter anderem Porträts, Reportagen und Kolumnen für deutsche Medien wie die taz, am liebsten über Stadtleben, feministische Themen, Kulinarisches und die Liebe. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto: Naïma Erhart
Großes Geschäft Wir glauben nicht an Türen
Kolumne Szene von Maik Gerecke
Bei einer Sexparty sucht unser Autor nach dem stillen Örtchen zwischen Lichtgestalten und Nackedeis. Das bisschen Privatsphäre, das er sucht, wird gleich zum Fauxpas.
Mittel gegen Wind und Kälte Vergesst Capri!
Kolumne Szene von Isobel Markus
Was tun gegen den Herbstblues? Ein warmer Pulli kann helfen oder ein Urlaub in der Ferne. Das Reiseziel einer Frau in der Falafelschlange überrascht jedoch.
Mit Goethe-Blick Warum sich Besuche bei ÄrztInnen lohnen
Kolumne Szene von Silke Mohr
Sogar eine leichte Sehschwäche ist manchmal für etwas gut. Wer hätte gedacht, dass ein Termin zur Untersuchung dem Tag so eine schöne Wendung geben kann?
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.