Knesset-Wahl: Was die Kriegskosten für Israels Wähler bedeuten
Stand: 22.10.2026 • 09:56 Uhr
Sicherheit steht in Israels Wahlkampf im Vordergrund. Doch drei Jahre Krieg haben die Wirtschaft schwer getroffen: Für viele Menschen geht es vor der Wahl am 27. Oktober auch um die Frage, wie es wirtschaftlich weitergehen soll.
In Tel Aviv führt Asaf Beeri am liebsten Touristengruppen durch sein Land. Doch seit dem Krieg kommen kaum noch Reisegruppen nach Israel. Und wenn doch Besucher da sind, hört er häufig, dass das Land teuer sei.
Das kann Beeri gut nachvollziehen: "Wenn sie ankommen, sagen sie, das Essen schmeckt, aber es ist teuer in Israel." Und das stimme, die Lebenshaltungskosten seien dramatisch hoch, sagt er. "Die Regierung hat im Krieg die Mehrwertsteuer erhöht. Ich gehe seltener essen, verreise nicht. Ich wäre gerne umgezogen, aber die Miete ist zu teuer. Ich wollte ein neues Auto kaufen. Ich warte ab."
Seine eigene finanzielle Situation habe sich im Krieg zunehmend verschlechtert:
Je länger diese Regierung den Krieg fortführt, desto schwieriger ist es für mich finanziell. Vielen geht das so - die Menschen sind frustriert.
Für ihn hat seine persönliche finanzielle Situation einen erheblichen Einfluss darauf, für wen er bei den anstehenden Parlamentswahlen stimmen will - auch wenn für ihn Themen wie die Sicherheit Israels und ein Ende des Krieges ebenfalls im Vordergrund stehen. Auch wünsche er sich eine Regierung, die die israelische Gesellschaft nicht weiter spaltet, fügt er hinzu.
Drei Jobs, um über die Runden zu kommen
Neben seiner Arbeit als Reiseleiter arbeitet Beeri als Grafikdesigner. Doch auch in diesem Bereich sind die Aufträge zurückgegangen. Unternehmen müssten angesichts der schwierigen Lage genau abwägen, wofür sie ihr Geld ausgeben, sagt er. "Grafikdesign ist Luxus für Unternehmen, die sich überlegen: Zahle ich Gehälter oder investiere ich ins Marketing? Es gibt weniger Kunden. Jeder will noch mehr sparen. Der Staat gibt so viel Geld für den Krieg aus."
Beeri arbeitet außerdem mit Reservisten, die aus dem Krieg zurückkehren. Viele von ihnen seien traumatisiert, manche könnten ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben. Die Folgen des Krieges zeigen sich damit nicht nur in den öffentlichen Haushalten und den Unternehmen, sondern auch im Leben der Menschen, die versuchen, wieder in einen normalen Berufsalltag zurückzufinden.
Belastung der Wirtschaft von 100 Milliarden Euro
Die wirtschaftlichen Belastungen sind im ganzen Land spürbar. Nach Schätzungen der israelischen Zentralbank haben drei Jahre Krieg die israelische Wirtschaft umgerechnet mehr als 100 Milliarden Euro gekostet.
Gleichzeitig belasten höhere Steuern die privaten Haushalte. Vor zwei Jahren bereits erhöhte die israelische Regierung die Mehrwertsteuer. Viele Unternehmen müssen mit Produktionsausfällen und fehlenden Arbeitskräften zurechtkommen.
Zwar ist Israels Hightech-Sektor weiterhin exportstark. Doch auch dort macht sich der Krieg bemerkbar. Immer wieder werden Reservisten zum Militärdienst eingezogen. Sie fallen dann in ihren Betrieben aus.
Langfristige wirtschaftliche Folgen
Der Wirtschaftsforscher Ayal Kimhi vom Shoresh-Institut in Rehovot beobachtet die Folgen für Unternehmen und Gesellschaft. Die wirtschaftliche Lage spiele im Wahlkampf der Parteien zwar derzeit keine große Rolle, sagt er. Für die Bevölkerung seien die Auswirkungen jedoch erheblich.
Die nächste Regierung wird die Verluste ausgleichen müssen. Die Verluste durch den Krieg entsprechen der Wirtschaftsleistung, die Israel in einem ganzen Jahr erbringt. Es ist, als hätten alle ein Jahr gearbeitet, aber nichts dafür bekommen.
Die Folgen reichen nach Einschätzung des Forschers weit über die unmittelbaren Kriegskosten hinaus. Denn um die Ausgaben für den Krieg zu finanzieren, werde der Staatshaushalt stark beansprucht. Das könne das langfristige Wachstum der israelischen Wirtschaft beeinträchtigen. "Die nächste Generation wird dafür zahlen, weil die Regierung das Budget so stark auf Kosten des Wachstums strapaziert", sagt Kimhi.
Damit stellt sich die Frage, wie Israel die wirtschaftlichen Schäden langfristig bewältigen kann. Selbst wenn sich die Sicherheitslage verbessert, werden die finanziellen Folgen nicht einfach verschwinden. Die nächste Regierung muss sich damit auseinandersetzen, wie sie die Wirtschaft stabilisieren, Unternehmen unterstützen und neue Perspektiven für die Bevölkerung schaffen kann.
Sorge um den Nachwuchs und fehlende Fachkräfte
Besonders besorgt ist Kimhi über die Auswirkungen des Krieges auf den Bildungssektor. Viele Studierende hätten ihr Studium wegen ihres Reservedienstes unterbrechen oder abbrechen müssen. Das könnte langfristig zu einem Mangel an qualifizierten Fachkräften führen.
Für eine Wirtschaft, die stark von Technologie, Forschung und gut ausgebildeten Beschäftigten abhängt, wäre das ein zusätzliches Problem. Denn fehlende Fachkräfte können nicht nur einzelne Unternehmen ausbremsen. Sie können auch die Entwicklung neuer Produkte und die Entstehung neuer Arbeitsplätze erschweren.
Unternehmen müssen auf Beschäftigte verzichten, junge Menschen können ihre Ausbildung nicht wie geplant fortsetzen, und der Staat muss hohe Ausgaben finanzieren. Zugleich steigen für viele Haushalte die Lebenshaltungskosten.
Und so geht es vor der Wahl auch für Asaf Beeri in Tel Aviv darum, wieder mehr finanziellen Spielraum zu gewinnen - und auf ein Ende des Krieges hoffen zu können.
Parlamentswahl in Israel
Israel wählt am 27. Oktober 2026 ein neues Parlament, die Knesset. Die Wahl findet vor dem Hintergrund der Folgen des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, der Kriege im Nahen Osten und des Korruptionsprozesses gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu statt.
Zentrale Themen sind die Außen- und Sicherheitspolitik, Verantwortlichkeiten für Fehler bei der Abwehr des Hamas-Angriffs, der Militärdienst für ultraorthodoxe Männer und hohe Lebenshaltungskosten.
Als wichtigster Herausforderer Netanjahus und seiner rechts-religiösen Koalition unter Führung der Likud-Partei gilt Israels Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot. Mit seiner Partei Jaschar tritt er unter anderem für eine Stärkung des Rechtsstaates ein und vertritt in Sicherheitsfragen einen harten Kurs, insbesondere gegenüber der Hamas.
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