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Monday, September 14, 2026

Ars-Electronica-Festival 2026: Lieber Kritik oder lieber Sabotage?

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Das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz wagte dieses Jahr unter dem Titel „Future Begins: Negotiating Humanity“ die ganz große Selbstvergewisserung.

Die Zukunft der Menschheit verhandeln – unter keinem geringeren Motto stand das diesjährige Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz. „Future begins: Negotiating Humanity“ stand überall in der Stadt an der Donau auf den pinken Plakaten, Flyern und digitalen Werbeflächen geschrieben, die auf die Ars hinwiesen.

Und die Bandbreite der Vorträge, Diskussionen und künstlerisch-technologischen Projekte war enorm. Sie reichte von eher generalistischen Überlegungen zur Rettung demokratischer Prinzipien über gesellschaftliche Verhandlungsmodelle zur Entwicklung und Limitierung technologischer Systeme bis hin zu künstlerischen Projekten, die eine Allmacht der digitalen Plattformen mal zu kritisieren, mal zu unterlaufen versuchten.

Einen düster-resilienten Ton gab in seinem Eröffnungsvortrag der bulgarische Politologe und brillante Zeitdiagnostiker Ivan Krastev vor. Er erinnerte daran, dass die Demokratie seit ihrer Entstehung als Verhandlungsform einer Gesellschaft zumeist als in der Krise befindlich beschrieben wurde. Dabei verwies er auf die 1950er Jahre in den USA, die durch extreme Polarisierung und die McCarthy-Hetzjagden geprägt war. Die gegenwärtige Krise der Demokratie schätzte Krastev allerdings als substanzieller ein, da zur Polarisierung ein apokalyptisches Denken in vielen politischen Lagern hinzukomme. Das beschleunige noch die Polarisierung und unterhöhle eines der Grundelemente von Demokratie, nämlich das Vertrauen in die Zeit.

„Die temporale Vorbedingung von Demokratie löst sich auf. Merkmal demokratischer Systeme ist, dass die in Wahlen unterlegene Seite die Niederlage akzeptieren kann. Denn sie weiß erstens, dass sie nicht alles verliert, nicht ihre Freiheit, ihren Besitz, ihr Leben. Sie weiß auch, dass sie nur für eine gewisse Zeit verloren hat und bei den nächsten Wahlen eine neue Chance hat.“ Aber genau diese Grundvereinbarung habe sich aufgelöst, nicht nur in den USA unter Donald Trump. Parallel dazu wachse die Ungeduld der Wählenden. Die von ihnen Gewählten müssten sofort liefern, was angesichts der bestehenden Probleme aber nicht immer, vor allem nicht immer schnell, machbar sei.

Eine planetare Herangehensweise

Einen mittelfristigen Handlungshorizont zumindest für die drängendsten Probleme eröffnete immerhin der Historiker und Zukunftsforscher Nils Gilman vom Berggruen Institute, dem vom deutsch-US-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen gegründeten Think Tank in Los Angeles. Gilman plädierte für eine planetare Herangehensweise an planetare Probleme. Dafür sollten Nationalstaaten kleine Teile ihrer Souveränität an technokratische Institutionen abgeben, die das Recht auf Kontrolle und auch Sanktionierung hätten – ähnlich der Vereinbarung der Atommächte im Zuge der Kubakrise 1962, ihre Produktionskapazitäten durch die Internationale Atomenergiekommission kontrollieren zu lassen. Gilman schlug vergleichbare Verfahren in Sachen Klimakrise und Risikoabschätzung für künstliche Intelligenz vor.

Künstlerische Projekte auf der Ars beschäftigten sich vor allem mit dem Verhältnis von Mensch und Technologie. Die Videokünstlerin Hito Steyerl untersuchte mit ihrem preisgekrönten Projekt „Mechanical Kurds“ die Ausbeutungsverhältnisse Geflüchteter in kurdischen Gebieten. Sie markieren als schlechtbezahlte Clickworker nicht nur Fotos, die so zum maschinellen Lernen benutzt werden. Sie müssen auch gewärtig sein, von Drohnen getötet zu werden, deren Steuerung auch durch jene KI erfolgen kann, die anhand der von ihnen markierten Bilder trainiert wurde. Da ist wenig Raum für Verhandlung.

Dass so ein Raum auch durch Sabotage entstehen kann, deutet die Berliner Mediengruppe Bitnik an. In einer der zahlreichen Kirchen, die das Festival als Ausstellungsstätten nutzte, installierte sie die artifizielle Influencerin Qwen Stefani. Die sieht der US-amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Gwen Stefani ziemlich ähnlich. Ihrem madonnengleichen Antlitz entströmten im Kirchenraum unentwegt Tränen. Leuchtschriften im Raum verweisen auf Ratschläge aus dem „Feldhandbuch zur einfachen Sabotage“, das 1944 von US-Geheimdiensten im Kampf gegen den Nationalsozialismus publiziert wurde.

Clever sabotieren

Mehr als 80 Jahre später wurde das Handbuch massenhaft von der Open-Source-Plattform Gutenberg von US-amerikanischen Use­r:in­nen heruntergeladen – offensichtlich in der Absicht, die schrillsten Projekte der Trump-Administration clever sabotieren zu können. Mal sehen, ob demnächst die Downloads aus Sachsen-Anhalt zulegen.

Zwischen Kritisieren und Sabotieren einerseits, und konstruktivem Verhandeln andererseits, besteht allerdings eine Kluft, die zumindest die künstlerische Komponente der Ars nicht zu schließen vermochte. Die Fragen waren groß gestellt, an den Antworten werden jede und jeder selbst weiter arbeiten müssen.

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