Neues Gesicht, altes Konzept: Der ewige Faschismus

Der „alte“ Faschismus baut auf gewaltigen, moralfreien Wertvorstellungen. Und der „neue“ Faschismus? Verbindet sich mit dem digitalen Neoliberalismus.
Foto: Eventpress/imago
W eg“ waren sie nie, die völkischen Nationalisten, die unbelehrbaren Nazis, die Geiferer, die eine rassistische und sexistische „Reinheit“ anstreben. Die Spießer, die auf jede Art von Freiheit verzichten aus Angst vor der Freiheit der anderen, die Faschisten eben. Es gibt den „ewigen Faschismus“, von dem Umberto Eco sprach und den man anhand seiner Sprache, seiner Ziele, seiner Bilder und seiner Handlungsweisen genau bestimmen kann. Es droht dieses Potenzial der faschistischen Reaktion, solange es eine kapitalistische Klassengesellschaft mit einem unruhigen Kleinbürgertum in der Mitte gibt.
Ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist umso größer, je schwächer die sozialen, intellektuellen, kulturellen Gegenkräfte sind. Dazu gehört die Auflösung der politischen Organisationen der Arbeiterschaft, die sich schließlich von der Rechten eher repräsentiert fühlen muss als von der Sozialdemokratie, den Gewerkschaften, den linken Intellektuellen. Schließlich wurde den Arbeiterinnen und Arbeitern nicht erst seit dem Neoliberalismus ein Aufstieg zum Kleinbürgertum versprochen. Wer diesen Aufstieg nicht schafft, ist selber schuld – und landet, wenn es hoch kommt, im Prekariat. Als Einzelner.
Und doch lässt sich der Siegeszug des Rechtsextremismus zu dieser Zeit nicht allein aus der Kontinuität des „ewigen Faschismus“ erklären. Der neue Faschismus ist sicher in vielen Kernbereichen ganz der alte. Aber es gibt auch einige Unterschiede zum historischen Faschismus. Der Nationalsozialismus in Deutschland etwa lässt sich nicht erklären ohne seine enge Verflechtung mit dem Industriekapitalismus. Das ist nicht nur eine Sache von wechselseitiger Abhängigkeit und Korruption, dieses Geben und Nehmen zwischen dem terroristischen Staat und den großen Wirtschaftskomplexen, wie es nun wieder in den USA zu beobachten ist.
Es ist vielmehr eine gemeinsame Entwicklung von Kapitalismus und Faschismus auf der Basis von Weltvorstellungen: Die Verwandlung der Gesellschaft in eine gewaltige, effiziente und von jeder Moral und Vernunft befreite Maschinerie. Der Faschist dieser Art will Teil der Maschine werden, das „Ornament der Masse“ ästhetisiert diese Maschinisierung, wie es dann auch Militarisierung und Krieg tun.
Der neue Faschismus dagegen muss sich mit dem digitalen Neoliberalismus verbinden. Statt der mechanischen geht es um eine „fluide“ Faschisierung. Weil dieser Neoliberalismus seinen Parteigängern gegenüber auch die fundamentale Subjektivierung versprochen und verlangt hat, bleibt etwas vom Subjekt-Hedonismus ebenso wie von der Subjekt-Paranoia auch bei Aktivisten und Mitläufern des neuen Faschismus erhalten. Für die Bewegung hat dies den massiven Vorteil, dass mit Widersprüchen, Ungleichzeitigkeiten und offensichtlichen Lügen viel elastischer umgegangen werden kann als beim historischen Faschismus. Der neue Faschismus muss nicht „uniformiert“ sein, und seine Massen müssen weniger maschinell als strömend sein.
In einer Glaubensgemeinschaft geht es nicht um Lösungen, sondern um Erlösung
Der Kapitalismus in der Zeit des historischen Faschismus hatte sich perfekt an Regimes wie das unter Hitler, Franco oder Mussolini angepasst, und seine Vertreter wussten nur zu gut, wie man sich an „Arisierungen“, an Rüstungsaufträgen oder an billigen Arbeitskräften aus den Gefangenenlagern bereichert. Beim neuen Faschismus indes verhält es sich eher umgekehrt: Er passt sich den Bedürfnissen des postneoliberalen Oligarchenkapitalismus perfekt an.
Und während der historische Faschismus auf die eine große und ausschließliche Erscheinung hinauswollte, die Verbindung von industriekapitalistischem Progress mit dem maschinisierten Volk in Deutschland oder die Verbindung von Faschismus und Katholizismus in Spanien, lebt der neue Faschismus gerade von einer Vielfalt der Szenen, Milieus, Bewegungen, Ideologien, Narrationen, die sich in Bezug auf eine Person (Trump in den USA) oder ein symbolisches Zentrum (AfD in Deutschland) organisieren lässt, während ansonsten die Verbindungen untereinander locker bleiben können.
Während die Linke eine Gemeinschaft der Ideen ist (und schon deswegen einigermaßen instabil und uneinig), ist die Rechte im Wesen eine Glaubensgemeinschaft (in deren Riten und Erzählungen sich auch noch das Widersinnigste vereinen lässt). Der Glaube, der die verschiedensten Gruppierungen der Rechten verbindet, entsteht aus der Negation: Die Apokalypse steht bevor, und zu den Katastrophen, die auf sie sich vorbereiten, gibt es, wie Naomi Klein in „End Times Fascism“ schreibt, anders als im historischen Faschismus, kein Außen mehr. Die Energien wenden sich also eher nach innen, auf eine „Säuberung“ der eigenen Gesellschaft, auf ein fundamentales Schweigegebot, auf die Verdrängung der Wirklichkeit im religiösen Wahn. In einer Glaubensgemeinschaft geht es nicht um Lösungen, sondern um Erlösung. Daraus entsteht eine vollkommene Resistenz gegenüber Vernunft und Moral.
Doch all diese Eigenschaften des „neuen“ Faschismus, die innige Verbindung mit dem Neoliberalismus, der fluide Charakter der Faschisierung (nicht zuletzt in den sozialen Medien), der subjektivistische Rest (als „Freiheit“ deklariert, praktiziert als Rest von individueller Liberalität und Konsumfreude), die Vielfalt der Szenen und Milieus, die apokalyptische, pseudoreligiöse Ausrichtung der großen rechten Erzählung, der Pop-Charakter vieler rechter Inszenierungen – sie sind zugleich Stärken und Schwächen des neuen Faschismus.
Rechte Bewegungen (wie MAGA) können in ihre Einzelteile zerfallen, wenn die einigende Symbolfigur schwindet, der hedonistische Subjektivismus kann über die politische Organisation triumphieren, die apokalyptische Energie erlahmen, der Pop-Anteil sich in neuen Kulten aufheben, und nicht zuletzt kann jederzeit der Pakt zwischen den Tech-Oligarchen und den neuen Faschisten aufgelöst werden. Ganz zu schweigen davon, dass möglicherweise auch die demokratische Zivilgesellschaft sich als neue antifaschistische Kraft reorganisiert. Wenn sie beginnt, ihre eigenen Konflikte zu lösen und den Gegner in seiner wahren Gestalt zu erkennen.
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