"Organisierte Kriminalität ist weiter auf dem Vormarsch"
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vermeldet lauter Superlative - allerdings solche, auf die er sehr gerne verzichtet hätte: "Wir erleben eine Kokain-Flut in Deutschland. Wir erleben eine Rekordzahl an Drogentoten. Wir sehen Kinder, die als Kriminelle missbraucht werden."
Kurz: "Die Organisierte Kriminalität in Deutschland ist weiter auf dem Vormarsch." Dazu ein paar Zahlen: Gut 10 Tonnen Kokain konnten beschlagnahmt werden, davon zwei Drittel in deutschen Häfen. 2150 Menschen bezahlten ihren Drogenkonsum mit dem Leben - 13 mehr als 2024.
Geldwäsche lohnt sich für Verbrecher: 1,4 Milliarden Euro
Neben Dobrindt stehen der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, und der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck. Sie erläutern den alarmierenden Befund, der alljährlich in sogenannten Bundeslagebildern zur Organisierten Kriminalität (OK) und zur Rauschgiftkriminalität dokumentiert wird. Dass sie es gemeinsam tun, ist naheliegend: Drogen sind für die international vernetzte OK das lukrativste illegale Geschäftsfeld.

Dabei erzielte Gewinne werden, um ihre Herkunft zu verschleiern, unter anderem in den Kauf von Immobilien investiert. Solche Delikte werden als Geldwäsche bezeichnet. Im Jahr 2025 habe man 195 Fälle ermittelt, bilanziert der BKA-Chef. Das Volumen lag seinen Angaben zufolge bei knapp 1,4 Milliarden Euro.
Dabei erzielte Gewinne werden, um ihre Herkunft zu verschleiern, unter anderem in den Kauf von Immobilien investiert. Solche Delikte werden als Geldwäsche bezeichnet. Im Jahr 2025 habe man 195 Fälle von sogenannter Geldwäsche ermittelt, bilanziert der BKA-Chef. Das Volumen lag seinen Angaben zufolge bei knapp 1,4 Milliarden Euro.
Drogenbeauftragter: "Geschädigt werden vor allem Menschen"
Über die Kriminellen sagt Münch: "Sie nutzen ihre erhebliche finanzielle Schlagkraft für Bestechung, für Einflussnahme und bringen das Geld mit Geldwäsche in den legalen Wirtschaftskreislauf." Sein Fazit: Die am weitesten verbreitete Droge Kokain sei eine Gefahr für den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt.
Der Drogenbeauftragte Streeck ergänzt: "Geschädigt wird nicht nur der Staat, geschädigt werden vor allem Menschen." Drogentote sind im Durchschnitt 41 Jahre alt und ganz überwiegend männlich (83 Prozent). "Sie alle sind Kunden eines Marktes, der mit tödlichen Substanzen handelt und hinter dem Gewalt, Umweltzerstörung, Erpressung und Ausbeutung stehen."
Für den Anbau von Kokain wird Regenwald gerodet
Sein Anspruch sei klar, sagt der ausgebildete Mediziner: Null Toleranz gegenüber denen, die an der Sucht verdienen und Null Gleichgültigkeit gegenüber denen, die an der Sucht erkrankt sind. Deshalb setzt Streeck auf vorbeugende Maßnahmen - auch in Form einer öffentlichen Aufklärungskampagne über Folgen für die Gesundheit und die Umwelt.
Koks, Kriminalität, Kartelle: Kann Europa gegenhalten?
Beispielhaft verweist der Drogenbeauftragte darauf, dass für den Anbau von Kokain Regenwald gerodet werde. Bei der Verarbeitung landeten Kerosin und Batteriesäure im Boden und im Wasser, Bauern und ihre Familien in den Anbauländern würden erpresst. Streeck beklagt, dass Kokain in Deutschland immer populärer geworden sei - und er mahnt: "An jedem Gramm Kokain, was zum Spaß konsumiert wird, klebt Blut."
Kontaktanbahnung über soziale Medien und Gaming-Plattformen
Drogen-Handel hat sich über die Jahre stark verändert. Der Markt sei digital geworden, sagt Streeck. "Der Dealer ist nicht mehr an der Straßenecke, der Dealer findet sich im Smartphone. Über einfache QR-Codes kann zum Beispiel ein Koks-Taxi bestellt werden", so beschreibt er den modernen Weg von Kokain und anderen Drogen vom Händler zum Konsumenten.
"Besonders alarmierend ist dabei, dass kriminelle Gruppierungen Minderjährige über soziale Medien oder Gaming-Plattformen anwerben", sagt der Drogenbeauftragte der Bundesregierung. "Die Organisierte Kriminalität sucht ihren Nachwuchs mittlerweile dort, wo Jugendliche ihre Freizeit verbringen."
Offene Inszenierung von Gewalt statt Diskretion und Abschottung
Für die deutschen und internationalen Sicherheitsbehörden ist diese Entwicklung eine besondere Herausforderung, wie auch BKA-Präsident Münch zu berichten weiß: Das klassische Bild der OK - Diskretion, Abschottung, geschlossene Strukturen - gehöre zunehmend der Vergangenheit an.
"Auch in Deutschland beobachten wir, dass eine neue Täter-Generation, zum Beispiel die türkischstämmige sogenannte Generation-Z-Mafia ihre Macht- und Gewalttaten offensiv in Social Media inszeniert." Mit der Generation Z sind die Geburtsjahrgänge von 1995 bis 2010 gemeint.
Kriminelle Dienstleistungen könnten im Darknet eingekauft werden, berichtet Münch. Für seine Behörde bedeute das einen Paradigmenwechsel: "Es ist nicht nur die Frage, wer die Tat begangen hat, sondern wer hat sie bestellt, wer hat sie vermittelt, wer hat sie finanziert, wer profitiert davon?"
Die Darknet-Plattform "Archetyp Market" wurde stillgelegt
Die Ermittler gehen davon aus, dass sich in diesen schwer durchschaubaren Milieus zunehmend auch staatliche Akteure tummeln. "Um Angriffe im Sinne von hybriden Bedrohungen durchzuführen", so benennt der BKA-Chef deren mutmaßliche Motive. "Geldwäsche, Korruption oder Gewalt können zur gesellschaftlichen Destabilisierung beitragen."
Die Zahl der Ermittlungsverfahren im Bereich der Organisierten Kriminalität lag 2025 zum fünften Mal in Folge bei rund 600. Als besonderen Erfolg verbucht das Bundeskriminalamt den Schlag gegen die weltweit größte und am längsten bestehende digitale Handelsplattform, insbesondere für Drogen, namens "Archetyp Market".
Ein illegaler Marktplatz mit 612.000 Kunden
Der Administrator konnte im Juni 2025 festgenommen werden. Unter seiner Regie wurden im Darknet Kokain, Heroin, Cannabis und andere Drogen mit einem Umsatz von 250 Millionen Euro gedealt.
Als die Plattform abgeschaltet wurde, waren dort laut BKA 3200 Verkäufer registriert und 612.000 Kundenkonten.
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