Berliner Ordnungsamt: Eine gemäßigt unterwürfige Frage an die Blume Demokratie

Manchmal geht’s ganz leicht, wenigstens kleine Dinge zu bewegen. Man muss es nur wagen – etwa auf dem Amt.
Foto: Frank Sorge/imago
D er Mitarbeiter des Ordnungsamtes sieht ein bisschen aus wie Ulrich Siegmund. Aber hey – sollen wir die AfD nicht wie eine ganz normale demokratische Partei behandeln? Also ran an den Mann, so wie ich es vor Jahren von einer italienischen Freundin gelernt habe. Nicht einfach loslegen oder am Ärmel zupfen – mir oft als Kellner passiert, geht gar nicht! – sondern in gemäßigt unterwürfiger Tonlage sprechen: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“
Und der Mann, der plötzlich überhaupt nicht mehr wie Ulrich Siegmund aussieht, grinst breit und sagt: „Na, klar!“
Wir befinden uns vor meiner Wohnung in Kreuzberg. Seit Wochen wächst ein Müllberg bei den Fahrradständern. Irgendwer hat angefangen, den um die Wohnanlage herumliegenden Sperrmüll hier zu einer Skulptur zu schichten, die von Straßenkünstlern schnell ergänzt wurde und auch von den Ratten als Spielplatz angenommen worden ist. Direkt daneben ist eine souverän ignorierte absolute Halteverbotszone, die dort abgestellten Fahrzeuge werden zweitägig von Mitarbeiter:innen des Ordnungsamtes mit Zetteln versehen, der Müll wird ignoriert.
Ich finde das insofern gut, als ich dadurch wieder an meinen Rang als Nichtautobesitzer und Radfahrer in dieser Gesellschaft erinnert werde. Ich bin versucht zu denken, dass, wenn der Müll das – auch illegale – Parken von Autos verhindern würde, schon das SEK angetreten wäre. Aber lass doch mal die Polemik! Hier ist ein Mensch, der dir zuhört! Der eine Beschwerde aufnimmt und sie vor deinen Augen weiterleitet. Der mir auch noch etwas über die Tücken des internen Abrechnungswesen zwischen den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) und dem Kreuzberger Ordnungsamt erklären möchte. Aber ich habe schon genug Probleme mit meiner Steuerklärung.
Würde der Müll Parkplätze blockieren, wäre sicher längst das SEK vor Ort
Zwei Tage später ist der Müll tatsächlich weg. Ich interpretiere das so, dass ich als Bürger die Verpflichtung habe, der Demokratie zu helfen. Die Demokratie kommt nicht einfach von selbst und macht Ordnung. Sie schafft Ordnung in dem Rahmen, in dem wir Ordnung nachfragen. Die Demokratie ist ein Angebot, aber die Kaufentscheidung liegt bei uns. Mit der Demokratie lässt sich reden, mit dem Müll und den Ratten eher nicht. Die Demokratie ist etwas anderes als ein Raumdufthändler. Sie ist selbst die duftende Blume, die wir pflegen dürfen.
Ambros Waibel taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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