Unabhängigkeitsbewegung – «Make Alberta Great Again»: In Kanadas Westen macht Trump Schule

In der kanadischen Provinz Alberta wächst der Ruf nach Unabhängigkeit. Die Bewegung knüpft an die lange Unzufriedenheit des rohstoffreichen Westens mit der Zentralregierung in Ottawa an. Doch laut dem Politologen Jared Wesley hat sich daraus eine rechtspopulistische Bewegung entwickelt, die Parallelen zu Trumps MAGA-Bewegung aufweist. Wesley spricht sich gegen die Loslösung von Kanada aus. Er erklärt, was die Separatisten antreibt.
Jared Wesley
Professor für Politikwissenschaften an der Universität Alberta
Jared Wesley ist Professor an der Universität Alberta in Kanada und leitet die Initiative «Common Ground» – ein Forschungsprojekt, das dazu beiträgt, die Werte aufzudecken, die der Politik im Westen Kanadas und im amerikanischen Westen zugrunde liegen. Bevor er an die Universität wechselte, hatte er verschiedene Führungspositionen in der Regierung von Alberta inne.
SRF News: Der Unmut und die Ressentiments im Westen Kanadas und insbesondere in Alberta haben eine lange Geschichte. Erleben wir nun eine Neuauflage dieser Entfremdung zu Ottawa?
Jared Wesley: Bis zu einem gewissen Grad trifft das zu. Grundsätzlich unterscheidet sich diese neue Form des Separatismus jedoch von der Entfremdung des Westens früherer Generationen. Es handelt sich um eine populistische Rechtsaussen-Bewegung, die mehr Gemeinsamkeiten mit der MAGA-Bewegung in den USA oder den Brexit-Befürwortern aufweist. Es geht weniger um wirtschaftliche Ausbeutung als um das Gefühl einiger Menschen, dass ihre Lebensweise nicht mehr als so ehrenhaft angesehen wird wie früher.
Am gestrigen Montag stimmten die Einwohnerinnen und Einwohner der Provinz Alberta über zehn Fragen ab, darunter auch eine zur Abspaltung von Kanada. Dabei geht es allerdings noch nicht um die Unabhängigkeit selbst: Die Bevölkerung entscheidet darüber, ob die Provinzregierung einen Prozess einleiten soll, der zu einem verbindlichen Unabhängigkeitsreferendum führen könnte.
In Umfragen sprechen sich rund 70 Prozent der Stimmberechtigten in Alberta für einen Verbleib der Provinz in Kanada aus. Rund ein Viertel unterstützt die Unabhängigkeitsbestrebungen. Das Resultat des Referendums wird heute erwartet.
Auch im französischsprachigen Quebec gibt es Separatisten. Hier stehen Sprache und Kultur im Vordergrund. Kann man die beiden Bewegungen überhaupt vergleichen?
Die Separatisten in Alberta ziehen gerne Vergleiche, weil die Forderungen, die die Quebecer Separatisten in den letzten Jahrzehnten gestellt haben, ein gewisses Mass an Legitimität besitzen. Die treibenden Kräfte haben einige Gemeinsamkeiten. Man muss beispielsweise bei beiden Bewegungen nicht tief unter die Oberfläche graben, um Fremdenfeindlichkeit zu entdecken. Dieselbe Stimmung, die man in Teilen der französischen Politik findet, gibt es auch in Quebec. Und in den USA und in Alberta findet man dieselbe Art von Einwandererfeindlichkeit.
Ihre Vorgehensweisen der beiden Bewegungen unterscheiden sich jedoch stark. Die Quebecer Separatisten verfolgten einen traditionellen Ansatz: Um die Unabhängigkeit zu erlangen, gründeten sie eigene Parteien; sie traten bei Wahlen mit dem Versprechen an, ein Referendum abzuhalten. Die Separatisten in Alberta haben eher einen «MAGA»-Ansatz gewählt: Anstatt eine eigene Partei zu gründen, haben sie beschlossen, die Regierungspartei zu unterwandern. Eine Art «Insider-Druck», wie wir ihn auch von Rechtsaussen-Parteien in anderen Teilen der Welt kennen.
Rein hypothetisch: Wenn am Ende dieses Prozesses ein «Ja» herauskommen würde – gäbe es dann ein unabhängiges Alberta?
Der Oberste Gerichtshof Kanadas hat festgestellt: Das erfordert eine klare Mehrheit bei einer klar formulierten Frage – und alle zehn Provinzen sowie die Bundesregierung müssen sich einstimmig auf die Austrittsbedingungen einigen. Zudem liegt Alberta auf Vertragsgebieten, die mit den «First Nations» (indigenen Völkern, Anm. d. Red.) ausgehandelt wurden und älter sind als die Provinz selbst.
All dies hat die Separatisten veranlasst, über einen Plan B nachzudenken: eine einseitige Unabhängigkeitserklärung. Das wäre rechtlich unzulässig, doch das würde die Führung nicht davon abhalten.
Welche Art von Nation stellen sich die Separatisten vor?
Viele argumentieren, dass sie Kanada einfach so mögen, wie es früher einmal war. In Schriften, Memes und Reden wird deutlich: Es handelt sich um eine weiss-christlich-nationalistische Sichtweise. Es passt zum Motiv «Make Alberta Great Again».
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