Porträt Klarinettistin Shabnam Parvaresh: Im Orchester herrschte männliche Dominanz

Die Bassklarinettistin Shabnam Parvaresh verbindet Freejazz mit klassischer persischer Musik. Ihre Stimme nutzt die Künstlerin auch, um über die Zustände im Iran zu sprechen.
Zuerst ist nur Atem zu hören. Und das sanfte Patsche-Geräusch, das die Klappen einer Bassklarinette machen, wenn jemand den gesamten Korpus des Blasinstruments mit den Händen und dem Mund bearbeitet. Einzelne Klangschichten legen sich darüber, als rhythmische Verschiebungen und elektronisch verfremdete Drones. Atonal und verdichtet. Es ist die Musik vom Sheen Trio, das geleitet wird von der iranisch-deutschen Klarinettistin Shabnam Parvaresh.
In ihrem unnachahmlichen Sound tauchen persische Maqam-Vierteltonskalen auf, Versatzstücke von Freejazz und freier Improvisation. Sheen ist der 16. Buchstabe des persischen Alphabets und entspricht in Farsi dem Laut „Sh“, dem Anfangsbuchstaben ihres Namens. Für die in Iran aufgewachsene und seit 2014 in Deutschland lebende 43-jährige Künstlerin ist die improvisatorische Freiheit des Jazz keine Selbstverständlichkeit.
Gerade hat Shabnam Parvaresh „Transitory“ veröffentlicht, ihr zweites Album mit dem Sheen Trio. Wie der Titel andeutet, beruht die Musik auf einer persönlichen Erzählung des Übergangs in verschiedene Lebenswelten, voller biografischer Brüche und einem Leben in der Diaspora. Shabnam Parvaresh sieht sich mit ihrem Status als Exiliranerin auch als Stimme für diejenigen, die sich noch immer in Iran befinden.
Shabnam Parvaresh
Sheen Trio: „Transitory“ (Unit Records)
live am 30.10. 2026 beim Jazzfest Berlin im Club „A-Trane“
Aktuell, berichtet sie im Interview mit der taz, werden von den Mullahs mehr Todesurteile vollstreckt als noch in den Jahren davor. Die iranische Bevölkerung werde damit massiv eingeschüchtert, offizielle Nachrichten in den Staatsmedien bestehen einzig aus Regime-Propaganda. Das Internet in Iran wird massiv eingeschränkt.
Doppelte Staatsangehörigkeit als Gefahr
Mittlerweile besitzt Shabnam Parvaresh auch die deutsche Staatsbürgerschaft, trotzdem reist sie nicht mehr nach Iran. „Ich möchte es nicht riskieren, denn gerade mit zwei Staatsangehörigkeiten ist die Gefahr groß, vor Ort als Geisel festgehalten zu werden.“
Ihre Eltern, die als Dissidenten gelten – ihr Vater war sieben Jahre als politischer Gefangener inhaftiert –, können schließlich mit einem Visum in die USA ausreisen, doch sie darf nicht mitkommen. „Wenn man über 21 Jahre alt ist, gehört man nicht mehr zur Familie“, berichtet sie. Und auch, wie sie diese Ausnahmesituation als Kind erlebt hat: „Wir wurden ständig überwacht, auch unser Telefon wurde abgehört. Man gewöhnt sich dennoch irgendwie daran, obwohl der Alltag sehr skurril ist.“
Seit der Wiederwahl von Trump im November 2024 dürfen Iraner_innen nicht mehr in die USA einreisen. Mit ihrem deutschen Pass sei sie zuletzt vor dem Krieg der USA gegen Iran im Juni 2025 in der Wahlheimat ihrer Eltern gewesen. Sie habe sich bereits zuvor Sorgen wegen einer möglichen Verfolgung durch die Einwanderungsbehörde ICE gemacht.
„Es gibt immer Probleme bei der Einreise in die USA, weil in meinem Pass steht, dass ich in Iran geboren bin. Das Dokument kommt in eine rote Box, ich muss nach der Ankunft am Flughafen in ein separates Büro und mindestens eineinhalb Stunden auf Abfertigung warten. Dann werde ich gefragt, ob ich Waffen oder Drogen besitze. Aber das ist Standard für mich, denn obwohl ich einen deutschen Pass habe, werde ich als Iranerin anders behandelt.“
Klaustrophobische Atmosphäre
Shabnam Parvaresh wird 1983 in Teheran geboren. Bereits als Kind erhält sie klassischen Klarinettenunterricht von Musikern des Teheraner Sinfonieorchesters, dem sie, als einzige von zwei Frauen in der Holzbläser-Sektion, nach Abschluss ihrer Ausbildung selbst angehört. „Im Orchester herrschte damals eine männlich dominante Atmosphäre. Ohnehin wurden wir die ganze Zeit mit Kameras überwacht“, erzählt sie. „Wir durften niemandem die Hand geben oder uns mit den Männern unterhalten, nicht mal zur Begrüßung. Es war sehr schwierig.“
Parvaresh spielt damals etwa Werke von Mozart, Chopin und Mahler, aber auch Sinfonien, die zur Verherrlichung des Mullah-Regimes geschrieben werden, muss das Teheraner Orchester aufführen. „Da gab es zum Beispiel die ‚Atomenergie-Sinfonie‘, und Ahmadinedschad, der damalige Präsident, kam auf die Bühne und hat jedem ein bisschen Geld gegeben und sich bei uns bedankt.“
Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:
Externen Inhalt erlauben
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung
Parallel spielt sie auf einer Santur, einer Zither, im „Nationalorchester Melli Teheran“ und lernt persische klassische Musik und macht einen Kunst-Abschluss in Malerei. Doch als Frau im Gottesstaat darf sie weder eigene Kompositionen aufführen noch ihre Bilder öffentlich zeigen. Sie muss sich verhüllen. „Weil ich eine Frau war, war es immer kompliziert. Ich musste ständig aufpassen, mit wem ich wo und wie Musik mache.“
2014 bewirbt sie sich für ein Jazzaufbaustudium in Osnabrück und schließlich wird ihr die Ausreise aus Iran gestattet. Mittlerweile leitet sie dort eine Konzertreihe für improvisierte Musik und das Morgenland Festival. Aber die Ereignisse in Iran lassen sie nicht kalt, Menschen, die nach den Aufständen in Iran erschossen in der Straße lagen, öffentliche Hinrichtungen. „Es ist ein Trauma. Solche Bilder werde ich nie wieder vergessen. Ich muss immer daran denken, dass meine Freunde jedes Mal ihr Leben riskieren, wenn sie auf die Straße gehen, um zu protestieren. Ich lebe hier im Westen in Freiheit und kann Musik machen. Deswegen ist es für mich wichtig, diese Freiheit zu nutzen und von den Geschehnissen in Iran zu erzählen.“
Kunstfestival in Wilhelmsburg „Wenn ich singe, ist das politisch“
Mit „The Art of Resistance“ findet in Hamburg ein iranisch-afghanisches Kunstfestival statt. Dabei geht es auch um Solidarität über Grenzen hinweg.
Interview von Valentin Endraß
Film über HipHop im Iran Rappen über Todesurteile
Regisseur Omid Mirnour drehte die Doku „Rap & Revolution Iran“ ohne Förderung. Einer seiner Helden ist der zum Tode verurteilte Rapper Toomaj Salehi.
Von Robert Mießner
Iranische Underground-Musik Singen in finsteren Zeiten
Das Festival „Tehran Contemporary Sound“ im Bethanien war geprägt vom Kriegsgetöse in Nahost. So fielen vielen Konzerte nachdenklicher aus.
Von Robert Mießner
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.