Elektroautos überholen Verbrenner bei VW-Bestellungen in Deutschland
Volkswagen verschiebt Produktionskapazitäten zwischen seinen deutschen Werken: Im Stammwerk Wolfsburg sollen rund 30.000 Fahrzeuge weniger gebaut werden als ursprünglich vorgesehen, weil geplante Sonderschichten für die Verbrennermodelle Golf, Tiguan und Tayron entfallen. Statt auf mehr als 600.000 Fahrzeuge zu steigen, bleibt die Jahresproduktion damit mit rund 580.000 ungefähr auf Vorjahresniveau. Gleichzeitig fahren die Elektroauto-Standorte Emden und Zwickau ihre Produktion kurzfristig hoch.
Wie der NDR unter Berufung auf VW berichtet, sind in Emden mindestens zwei Sonderschichten für den VW ID.7 (Test) vorgesehen, geplante Schließtage entfallen. In Zwickau profitiert die Fertigung vom überarbeiteten VW ID.3 Neo, der seit seinem Europa-Verkaufsstart im April stark nachgefragt wird. Konkrete Zusatzmengen nennt Volkswagen nicht, Unternehmenskreise sprechen lediglich von „einigen tausend“ zusätzlichen Elektroautos.
Wendepunkt in der Transformation
VW-Vertriebsvorstand Martin Sander spricht von einem „Wendepunkt in der Transformation des Automobilmarktes“: Gemessen an den Auftragseingängen verkaufe Volkswagen in Deutschland derzeit mehr batterieelektrische Autos als Verbrenner. Als Gründe nennt er höhere Kraftstoffpreise und eine sinkende Nachfrage nach Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Allerdings veröffentlichte VW weder absolute Bestellzahlen noch eine prozentuale Verteilung oder einen konkreten Vergleichszeitraum. Auch bleibt offen, ob sich die Aussage ausschließlich auf die Marke Volkswagen Pkw bezieht oder weitere Konzernmarken einschließt und ob Flotten- sowie Gewerbekunden in den Zahlen enthalten sind.
Die Marktdaten des Kraftfahrt-Bundesamts stützen zumindest den allgemeinen Trend: Im August stiegen die Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat um rund 75 Prozent, während die Zahl der neu zugelassenen Benziner um knapp 38 Prozent sank. Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf den gesamten deutschen Markt und nicht speziell auf VW. Zudem sind Neuzulassungen nicht mit Auftragseingängen gleichzusetzen, da zwischen Bestellung und Erstzulassung mehrere Monate liegen können.
Einstiegsmodelle treiben die Nachfrage
Zusätzliche Dynamik erzeugt der Konzern mit seinen neuen Einstiegs-Elektroautos: Für die technisch eng verwandten Modelle VW ID. Polo, Cupra Raval, Skoda Epiq und VW ID. Cross liegen konzernweit mehr als 100.000 Vorbestellungen vor, allein auf den VW ID. Polo entfallen davon mehr als 40.000. Der ID. Polo startet bei 24.995 Euro mit einer WLTP-Reichweite von 334 Kilometern, der ID. Cross bei 27.995 Euro. Die vier Modelle basieren auf der Plattform MEB+, werden jedoch in Spanien gefertigt und verbessern daher die Auslastung der dortigen Werke, nicht die der deutschen Standorte Emden und Zwickau.
Für die deutschen Elektro-Werke sind vor allem der ID.3 Neo in Zwickau und der ID.7 sowie der ID.7 Tourer in Emden relevant. In Emden soll zudem der elektrische VW ID. Tiguan den auslaufenden VW ID.4 ablösen; die Produktion soll noch für 2026 beginnen. Der mäßig erfolgreiche VW ID.5 bekommt keinen Nachfolger. Zwickau fertigt außerdem den Audi Q4 e-tron, Q4 Sportback e-tron und den Cupra Born. Beide Werke hatten zuletzt unter Überkapazitäten gelitten. Im Mai hat VW von je Auto zwei Fließbändern auf je eins reduziert.
Kurzfristige Erholung, langfristige Unsicherheit
Bei den aktuellen Produktionsanpassungen handelt es sich nach derzeitigem Informationsstand um eine kurzfristige Reaktion auf den Auftragseingang, nicht um eine dauerhafte Kapazitätserhöhung. Eine bessere Auslastung der Elektroauto-Werke bedeutet zudem nicht automatisch höhere Profitabilität: VW erzielt mit Elektroautos weiterhin geringere Gewinnmargen als mit vergleichbaren Verbrennern, vor allem wegen der hohen Batteriekosten.
Langfristig bleibt die Zukunft der deutschen Standorte offen. Der Anfang September vom Aufsichtsrat einstimmig verabschiedete Zukunftsplan 2030 sieht einen Abbau globaler Überkapazitäten von mehr als 12 Millionen auf rund 9 Millionen Fahrzeuge jährlich vor. Die Wirtschaftlichkeit des europäischen Produktionsnetzes soll um 1,5 Milliarden Euro pro Jahr verbessert werden. Für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm kann Volkswagen in der aktuellen Planung keine wettbewerbsfähige Anschlussbelegung garantieren. Der Konzern prüft für diese Standorte zusätzlich alternative Nutzungen. Bis Ende Juni 2027 soll ein Konzept für eine nachhaltige europäische Produktionsstruktur entstehen.
Der Konzern plant darüber hinaus den Abbau von rund 50.000 Stellen im indirekten Bereich, etwa zur Hälfte in Deutschland, und will die Produktpalette bis 2035 um 50 Prozent auf etwa 75 Modelle straffen. Die Variantenvielfalt bei Ausstattungen soll um rund 75 Prozent sinken. Der aktuelle Auftragseingang für Elektroautos kann die Auslastung kurzfristig verbessern, die strukturelle Standortfrage für die deutschen Werke jedoch nicht automatisch beantworten.
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