Verzerrte Risikowahrnehmung – Warum wir manche Risiken suchen – und andere übersehen

Kurz nach halb sechs geht die Sonne über dem Gletscher auf. «Wunderschön. Das ist immer ein Grund, den Wecker zu stellen und etwas weniger zu schlafen», findet Adrian Zurbrügg.
Extreme Erlebnisse wie diese motivieren ihn. Er möchte sich nicht von Angst einschränken lassen.
Schöne und gefährliche Berge
Dafür nimmt Zurbrügg ein höheres Risiko in Kauf. Die Bergtour geht weiter. Zusammen mit Profibergsteiger Nicolas Hojac klettert er einen Grat im Wallis auf rund 4000 Metern. Die Kletterpassagen haben für sie eine moderate Schwierigkeit, aber die Tour ist exponiert. Manchmal geht es auf beiden Seiten steil bis senkrecht mehrere hundert Meter in die Tiefe.
Bei guten Bedingungen klettern sie im Fels oft ohne Seil. «Man ist voll im Moment, schaltet komplett ab. Sorgen von übermorgen sind weit weg», sagt Hojac. Er konzentriere sich auf die schöne Kletterei, sei im Flow.
Wer sind Adrian Zurbrügg und Nicolas Hojac?
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Adrian Zurbrügg ist einer der besten Amateur-Alpinisten der Schweiz. Er arbeitet Vollzeit als selbstständiger Gartenbauer und hat drei Kinder. Zurbrügg klettert vorwiegend im Alpenraum.
Nicolas Hojac ist als Profi-Alpinist viel in den Alpen unterwegs und geht auf Expeditionen in abgelegene Regionen.
Zusammen machen sie anspruchsvolle Speed-Projekte. So haben sie etwa das Berner Panorama in rund 37 Stunden überschritten: von Grindelwald über 11 Gipfel zur Fafleralp – 7000 Höhenmeter und 65 Kilometer Distanz.
Doch was passiert bei einem Fehler? Die schlimmste Konsequenz ist ein tödlicher Absturz. «Das muss man nicht schönreden», so Hojac. Beide haben schon Freunde in den Bergen verloren. Das gehe nahe.
Es sei wichtig, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, weil man dann bewusster lebe: «Man merkt, was einem wirklich wichtig ist und wofür man Energie aufbringen will.» Ihre Leidenschaft für die Berge ist stärker als die Angst vor dem Absturz.
Bewussten Umgang mit Risiken lernen
Adrian Zurbrügg empfindet es als wichtig, dass man sich bewusst mit den verschiedenen Risiken, die das Leben bietet, auseinandersetzt – denn das würden viele zu wenig machen. Deshalb wollen er und seine Partnerin Debora, dass ihre drei Kinder früh einen guten Umgang mit Risiken lernen.
Wenn Kinder diesen Raum haben, in dem sie Risiken erleben können, hat das einen positiven Einfluss auf die Kreativität und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen.
«Wir wollen ihnen behutsam so viel Spielraum geben, dass sie Erfahrungen machen und lernen können, gute Entscheidungen zu treffen», sagt Adrian. Debora ergänzt. «Wir überlegen uns, was schlimmstenfalls passieren könnte. Können Sie sich ein Bein brechen oder können Sie ertrinken?»
Je nachdem dürften die Kinder etwas machen oder nicht. Oder sie würden die Kinder stärker begleiten. Debora will nicht, dass sich ihre Kinder ein Bein brechen. Aber es ist ein Risiko, das sie in Kauf nehmen. «Ich möchte sie nicht vom Klettern oder Biken abhalten.»
Wie viel Risiko ist gut?
Aus psychologischer Sicht braucht es gewisse Risiken. Gerade bei Kindern seien sie wichtig für die Entwicklung, sagt Loreen Tisdall. Die Psychologin forscht an der Universität Basel zu Risiko. «Wenn Kinder diesen Raum haben, in dem sie draussen sein und die Umwelt mit ihren Risiken erleben können, hat das einen positiven Einfluss auf die Kreativität und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen.»
Tisdall betont, dass es dabei nicht um möglichst viel Risiko gehe, sondern um ein altersgerechtes «risky Play», das die Kinder fordern und an Grenzen bringen soll. Aber nicht an Grenzen, die sie mit ihren Fähigkeiten nicht meistern können.
Überschätzte Extremereignisse
Doch es ist schwierig, zu erkennen, wann ein vernünftiges Mass an Risiko erreicht ist. Denn unsere Risikowahrnehmung wird von verschiedenen Faktoren verzerrt.
Einer davon: Katastrophen wie die Sturzflut in Nepal oder der Brand in Crans Montana sind selten. Auch wenn dabei viele Menschen sterben, verändern sie die Statistik der Risiken insgesamt kaum.
Aber sie verändern unsere Wahrnehmung von Risiko, erklärt Psychologin Tisdall: «Man kommt ständig in Kontakt mit einem seltenen Ereignis. Via Radio, Fernsehen und Social Media wird man davon umringt und sieht es so häufig, dass man denkt: So etwas geschieht regelmässig.»
Katastrophen-Herbst 2001
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Vor 25 Jahren gab es eine Häufung von Extremereignissen, den sogenannten Katastrophen-Herbst 2001.
11. September: Terroranschlag auf das World Trade Center. 3000 Menschen sterben. 6000 werden verletzt.
27. September: Amoklauf im Zuger Kantonsrat. Der Attentäter tötet 14 Menschen und sich selbst. 18 werden verletzt.
24. Oktober: Nach einer Frontalkollision zweier Lastwagen im Gotthardtunnel bricht ein Grossbrand aus. 11 Menschen sterben.
24. November: Ein Flugzeug der Crossair stürzt kurz vor der Landung nahe Bassersdorf ab. 24 Menschen verlieren ihr Leben.
Teilweise wird das Grounding der Swissair am 2. Oktober 2001 auch zum Katastrophen-Herbst gezählt. Die Fluggesellschaft war bereits in der Krise. Die Flugangst nach dem Terror des 11. Septembers war dann zu viel.
Das verzerrt die Wahrnehmung so sehr, dass manche Menschen ihr Verhalten ändern und dadurch erst recht Risiken eingehen. Ein eindrückliches Beispiel dieses Effekts geschah nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001.
Sie lösten eine massive Welle von Flugangst aus. Insbesondere in den USA mieden viele Menschen das Flugzeug und wählten stattdessen das Auto für ihre Reisen, auch für lange Fahrten. Statistische Untersuchungen ergaben, dass in den 12 Monaten nach September 2001 rund 1600 Menschen mehr bei Autounfällen starben, als ohne diesen Effekt erwartbar gewesen wären.
Adrenalin und Angst
Adrian Zurbrügg und Nicolas Hojac gehen bei ihren Projekten bewusst ans Limit. Trotzdem würden sie das Adrenalin nicht suchen, sagt Hojac.
«Wenn wir Adrenalin verspüren, dann läuft in der Regel etwas schief.» Ihnen ginge es ums Abenteuer und darum, eine ausgesetzte Situation möglichst gut kontrollieren zu können.
Sie finden, sie hätten einen vernünftigen Umgang mit Risiko. Viel Training, grosse Erfahrung, ein hohes technisches Niveau. Reicht das? Zurbrügg betont, dass er stark auf Bauchgefühl und Angst höre. «Für mich ist wichtig, dass ich in der richtigen Verfassung bin. Da muss man feinfühlig sein und einen Riegel schieben, wenn es nicht mehr passt.» Dann würden sie umkehren oder sich anseilen.
Hojac ergänzt: «Man muss aber auch nichts schönreden wollen. Es kann einen Kapitalabsturz geben.» Wenn man sich diese Gedanken nicht mache und keine Angst habe, komme es nicht gut.
Warum Risiken eingehen?
Die Leidenschaft für die Berge treibt die beiden Alpinisten an. Durch ihre gemeinsamen Erlebnisse ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Man schreibe seinen eigenen Lebensroman, sagt Hojac. «Man probiert, viele leere Seiten möglichst spannend zu füllen – und am Schluss ein möglichst schönes, dickes Buch zu haben.»
Es wird immer ein Restrisiko geben. Diese Tatsache sollte man weder romantisieren noch ignorieren.
Psychologin Loreen Tisdall findet: «Wenn ein solches Hobby der Regulation von Emotionen und den sozialen Kontakten dient, ist es ein guter Grund, gewisse Risiken einzugehen.»
Nullrisiko sei nicht möglich, so Tisdall. Das Risiko lasse sich auch nicht komplett kontrollieren. «Es wird immer ein Restrisiko geben. Diese Tatsache sollte man weder romantisieren noch ignorieren.» Der Punkt sei vielmehr, wie wir damit kompetent umgehen.
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