Bayerns Wirtschaftsminister – Journalist: «Hubert Aiwanger machte auf hemdsärmlige Art Politik»

Bayerns Wirtschaftsminister und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger ist am Mittwoch mit 55 Jahren überraschend gestorben. Der Journalist Heribert Prantl von der «Süddeutschen Zeitung» erklärt, wie Aiwanger die bayerische Politik prägte – und wieso er gar eine antisemitische Affäre erstaunlich unbeschadet überstehen konnte.
Heribert Prantl
«Süddeutsche Zeitung»
Der ausgewiesene Journalist Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» und leitet das Ressort «Meinungen». Vor seiner Karriere im Journalismus war Prantl Rechtsanwalt.
SRF News: Was war Hubert Aiwanger für ein Mensch?
Heribert Prantl: Hubert Aiwanger war ein begnadeter Populist. Er machte auf hemdsärmelige Art Politik und war ein wunderbarer Bierzeltredner. Er konnte die Leute begeistern und war mit diesem Auftreten ein Konkurrent für den bayerischen Ministerpräsident Markus Söder. Die beiden lebten in einer Art politischer Populismus-Konkurrenz. Aiwanger hat die Freien Wähler erst gross gemacht: Er transformierte sie von einer lokalen Wählergemeinschaft zu einer fest verankerten parlamentarischen Kraft. Das war eine exzellente Leistung.
Er war ein handfester Populist, aber ohne extremistische Tendenzen.
Die Berliner Politikblase nannte er einen «Saustall», den er ausmisten wolle. Wie hat dieser volkstümliche Stil seine Politik geprägt?
Das war sein Kennzeichen. Deswegen haben die Leute ihn geliebt. Er war ein deftiger Politiker, der pointiert bayerisch formulierte. Von Beruf war er Agraringenieur und gelernter Landwirt, später wurde er Berufspolitiker. Ein grosses Ziel erreichte er allerdings nicht: seine bayerisch geprägte Partei auf Bundesebene zu etablieren. Vielleicht lag das auch an seiner typisch bayerischen Art. Er sprach so deutlich Dialekt, dass man ihn womöglich in Norddeutschland gar nicht verstanden hat.
Vor drei Jahren gab es Vorwürfe wegen eines antisemitischen Flugblattes. Warum hat er die Affäre politisch weitgehend unbeschadet überstanden?
Die Affäre ging auf seine Schulzeit zurück. Die Wählerinnen und Wähler sagten sich, das ist lange her. Und sein Bruder hat die Verantwortung für diesen antisemitischen Exzess übernommen. Aiwangers Erklärungen im Detail waren zwar einigermassen unglaubwürdig. Aber es hat ihm nicht geschadet. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, es habe ihm etwas genützt. Das zeigte sich im Rekordergebnis bei den darauffolgenden Landtagswahlen.
Nun ist Aiwanger ausgerechnet in Berlin gestorben. Was sagt dieser Umstand über seine politischen Ambitionen aus?
Es ist ein tragisches Zusammentreffen. Er ist gestorben, während er seine politische Hauptabsicht für die nächsten Jahre verfolgte: auf bundespolitischer Ebene tätig zu werden. Das wäre vielleicht auch der CDU/CSU nicht unrecht gewesen, weil er der AfD hätte Stimmen abnehmen können. Tatsächlich vertrat er Positionen, die manchmal sehr nach AfD klangen. Aber Aiwanger und seine Freien Wähler waren keine deutschnationale Grösse. Dem stand schon sein bayerischer Kern entgegen. Er war ein handfester Populist, aber ohne extremistische Tendenzen.
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